Unternehmen in Berlin: Warum der Fachkräftemangel nicht immer an zu wenigen Bewerbern liegt

Berlin - Wenn man Berliner Unternehmen fragt, was die größte erwartete Herausforderung in der Zukunft ist, nennen sie den Fachkräftemangel. Aus Umfragen unter Mitgliedsverbänden wisse man, dass der Mangel an Fachkräften in einigen Firmen bereits jetzt das Wachstum bremse, sagt Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg.

Wie groß der Engpass zahlenmäßig tatsächlich ist, lässt sich allerdings gar nicht so leicht darstellen. Denn eine einheitliche Definition von Fachkräftemangel existiert nicht. Die Arbeitsagenturen, Instituts- und Handelskammern sowie Wissenschaftsinstitute gewichten verschiedene Indikatoren unterschiedlich. Auch verwenden sie jeweils eine etwas andere Datengrundlage.

Die Arbeitsagentur, deren Daten für die Grafiken auf dieser Seite herangezogen wurden, analysiert insbesondere die Vakanzzeit, also die Anzahl der Tage, die eine freie Stelle unbesetzt bleibt – und zwar nicht ab dem Zeitpunkt der Ausschreibung, sondern ab gewünschtem Besetzungstermin. Dieser Zeitraum ist in den vergangenen Jahren berlin- wie bundesweit immer weiter angestiegen.

Fachkräftemangel in Berliner Unternehmen: Nach IHK-Berechnungen fehlten Berliner Betrieben 2018 rund 120.000 Fachkräfte

Durchschnittlich 96 Tage blieb in Berlin 2018 eine Stelle vakant. Liegen Berufsgruppen weit über diesem Durchschnittswert, interpretiert die Arbeitsagentur dies als einen von mehreren Indikatoren eines Fachkräftemangels. Das trifft zum Beispiel auf die Altenpflege zu: So dauert es in Berlin mittlerweile im Durchschnitt über fünf Monate, eine Pflegefachkraft zu finden.

Ein anderer Indikator bezieht sich auf die Anzahl der Arbeitslosen, die innerhalb der jeweiligen Berufsgruppe ausgebildet sind und sich also theoretisch für die Stellen eignen würden. Kommen weniger als 200 Arbeitslose auf 100 offene Stellen, gilt auch das als Anzeichen für einen Engpass. In einigen Berufsgruppen ist die Zahl der Arbeitslosen sogar kleiner als die Zahl der zu besetzenden Stellen – etwa bei den Klempner- und Sanitärberufen.

Bei den offenen Stellen werden allerdings nur solche erfasst, die der Arbeitsagentur als solche gemeldet wurden. Das erklärt, warum die Statistik nicht vollständig sein kann: Nicht alle Unternehmen greifen bei ihrer Arbeitnehmersuche auf Hilfe der Arbeitsagenturen zurück. Hingegen bezieht die IHK in ihren Fachkräftemonitor auch Stellen ein, die nicht ausgeschrieben sind, „aber grundsätzlich zur Verfügung ständen“ – auch das sind keine hundertprozentig sicheren Angaben. Nach IHK-Berechnung fehlten den Berliner Betrieben 2018 rund 120.000 Fachkräfte.

Betriebe, die unterdurchschnittliche Löhne zahlen, weisen einen höheren Fachkräftemangel auf

Doch die Ursachen liegen nicht nur in der demografischen Entwicklung begründet. Neben zahlenmäßig zu wenigen Bewerbern können Stellen auch häufig nicht besetzt werden, weil Bewerber und Arbeitgeber nicht zueinander passen. Manches Mal, weil Arbeitgeber zu unattraktive Arbeitsbedingungen bieten, manches Mal, weil Bewerber nicht die nötigen Qualifikationen erfüllen. So ist belegt, dass es in Betrieben, die unterdurchschnittliche Löhne zahlen, mehr unbesetzte Stellen gibt, ebenso bei Betrieben, die Neueinstellungen befristen. Hingegen klagen Arbeitgeber, dass Bewerbern häufig die nötigen Qualifikationen fehlten. 

„Schulbildung und Berufsorientierung müssen besser werden“, sagt Amsinck von den Unternehmensverbänden. Gleichwohl müsste auch stärker in die Kinderbetreuung in Tagesrandzeiten investiert werden. „Die Unternehmen brauchen zudem qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland“, sagt er. Die Koalition im Bund müsse daher dringend das Fachkräfte-Einwanderungsgesetz auf den Weg bringen. Nur so könne der Engpass abgemindert werden.