Unternehmenskultur: Immer mehr Firmen schaffen das "Sie" ab

Manager Stefan Petzinger spricht vom „Spirit“, den sich die Reisesuchmaschine Kayak bewahrt habe. Man sei zwar dem Alter eines Start-ups entwachsen, aber: „Wir duzen uns hier alle.“ Siezen passe „einfach nicht zu Kayak und unserer Arbeitskultur“. Bei Kayak gebe es keine Anzüge, keine unnötigen Meetings und kein Sie. „Das hat zum einen damit zu tun, dass wir als US-Unternehmen meist auf Englisch kommunizieren und das Team am Standort in Berlin über 40 Nationalitäten vereint“, erklärt Petzinger. In Berlin hat das Unternehmen sein Technologiezentrum aufgebaut.

Es hat aber auch damit zu tun, dass die Teams im Schnitt sehr jung sind, und „es geht hier sehr locker zu“. Außerdem setze Kayak auf flache Hierarchien. „Hier kann sich jeder einbringen – vom ersten Tag an“, betont Petzinger.

In der Arbeitswelt ist schon seit längerer Zeit ein Wandel der Gepflogenheiten festzustellen – insbesondere in Berlin. In den kreativen Bereichen, in der Start-up-Szene wird fast ausschließlich geduzt – was ältere Außenstehende manchmal zusammenzucken lässt, wenn sie so angesprochen werden. Das Siezen, früher oft die einzig „richtige“ Kommunikationsform, ist allerdings auch in großen Unternehmen auf dem Rückzug.

Laut einer Umfrage der Online-Jobbörse StepStone und der Personal- und Managementberatung Kienbaum unter 17.000 Fachkräften zu Hierarchie und Organisationsstruktur in ihren Unternehmen siezen nur drei Prozent der Befragten alle Mitarbeiter. Knapp zwei Drittel (63 Prozent) der befragten Fachkräfte ist demnach mit einigen Kollegen per „Du“, während sie die Führungsebene mit „Sie“ ansprechen. Tendenziell ist diese gemischte Umgangsform in größeren Unternehmen häufiger üblich als in kleineren. Bei Arbeitgebern mit 500 bis 1 000 Mitarbeitern steigt laut Umfrage der Wert auf 70 Prozent, Konzerne mit Mitarbeiterzahlen zwischen 20.000 und 50.000 kommen auf 71 Prozent.

In kleineren Unternehmen gehe es im Schnitt lockerer zu, betonen StepStone und Kienbaum. Dort benutzen die Mitarbeiter zu einem höheren Anteil die reine Du-Form. Während im Gesamtschnitt der Befragten jeder Dritte alle Kollegen und Vorgesetzten duzt, ist es in Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern die Hälfte aller Fachkräfte.

Ausdruck der Revolution

Der Abschied vom „Sie“ sei kein einfacher Ausdruck des Zeitgeistes, sagt Sebastian Dettmers, Geschäftsführer von StepStone.de. „Er hat vielmehr damit zu tun, wie Menschen heute zusammenarbeiten.“ Es sei wichtig, dass Entscheidungen schnell und nicht mehr nur von Führungspersonen getroffen werden können. In solchen dynamischen Umfeldern würden Hierarchien zum Hindernis für effizientes Arbeiten. „Das Du ist ein Ausdruck der Revolution, die gerade in der deutschen Wirtschaft stattfindet“, betont der StepStone-Geschäftsführer .

In einigen Branchen ist laut Umfrage die Ansprache per „Sie“ deutlich seltener als in anderen. Im Bereich Public Relations und in der IT- sowie Internet-Branche sind mehr Fachkräfte mit allen Kollegen per „Du“ als in allen anderen Branchen (jeweils 70 Prozent). In der Metallindustrie (21 Prozent), in Banken (20 Prozent) und im öffentlichen Dienst (15 Prozent), also den klassischen Branchen, sind die Vergleichswerte deutlich niedriger.

Beim Berliner Online-Brillenhändler und -Optiker Mister Spex, wird seit der Gründung 2007 nur geduzt. Die Gründer des Unternehmens kommen alle aus dem Dienstleistungssektor beziehungsweise aus der beratenden Ebene. Zudem blicken viele Mitarbeiter auf internationale Erfahrungen zurück. „Das Duzen unterstreicht den offenen und direkten Umgang miteinander“, heißt es im Unternehmen.

Etablierte Unternehmen gehen Veränderungen an: Aldi Nord beendet den Krawattenzwang, Volkswagen macht Englisch zur offiziellen Konzernsprache. StepStone und Kienbaum sehen dies als Beleg, dass es immer häufiger Initiativen für eine offene Unternehmenskultur in der deutschen Wirtschaft gibt.

So sollen Grenzen abgebaut werden, so soll effizienter gearbeitet werden können. Für Kayak-Manager Petzinger ist die Sache ganz einfach: „Wer eine gute Idee hat, kriegt auch die Chance, diese umzusetzen.“ Erfahrene Mitarbeiter und junge Talenten arbeiteten gemeinsam an Problemstellungen – „und zwar immer auf Augenhöhe“. Die letzten Jahre hätten gezeigt, dass so die besten Ideen entstehen. „Das „Sie“ würde hier nur Barrieren schaffen, die wir nicht wollen.“