Deutschland befinde sich in einer Gaskrise, sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Donnerstag bei der Ausrufung der Alarmstufe des Notfallplans Gas. Das Gas ist also knapp und ein Strategiepapier aus seinem Haus reaktiviert die Kohle zur Stromerzeugung: Kohlekraftwerke sollen zwar nur vorübergehend, aber doch verstärkt zum Einsatz kommen.

Und was ist mit der Kernenergie? Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warf Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) kürzlich „fachlichen Blödsinn“ in der Debatte um eine vorübergehende Verlängerung der Atomkraft vor. Es sei fachlich blöd, zu sagen, es seien keine Brennstäbe für die Atomkraftwerke zu bekommen, so Söder nach einem Scholz-Statement, denn sie könnten überall auf der Welt besorgt werden. Scholz hatte zuvor dem Münchner Merkur gesagt, die Brennstäbe reichten nur bis Jahresende, die Beschaffung von neuen dauere zwölf bis 18 Monate – und es sei gar nicht so problemlos, die Laufzeit von Atomkraftwerken um ein oder zwei Jahre zu verlängern.

Wer hat recht? Wir haben bei den Betreibern der drei Atomkraftwerke nachgefragt, die in Deutschland noch bis Ende 2022 laufen – zumal auch die These weitverbreitet ist, dass europäische AKWs generell stark von russischem Uran als einem wichtigen Brennelement abhängig sind. 40 Prozent der europäischen Uranimporte stammten aus Kasachstan und Russland, heißt es im aktuellen Uranatlas des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Isar-2-Betreiber: Die Versorgung mit Uran ist sichergestellt

Doch wie ist es in Deutschland? Gefragt nach ihrer Haltung zur Atomkraft-Debatte, gibt sich die Eon-Tochter Preussenelektra sehr zurückhaltend. Das Unternehmen betreibt das AKW Isar 2 im bayerischen Landshut – jetzt nur noch den Druckwasserreaktor Block 2, der mit einer elektrischen Nettoleistung von 1410 MW aktuell der leistungsstärkste deutsche Reaktor ist.

„Wir möchten die derzeit andauernde Debatte um einen Weiterbetrieb von Isar 2 nicht kommentieren“, sagt die Preussenelektra-Sprecherin Almut Zyweck. Das Unternehmen habe in den vergangenen Wochen schon klargemacht, dass ein Weiterbetrieb von Isar 2 unter bestimmten Voraussetzungen möglich wäre, wenn „unser Kraftwerk gebraucht würde“. Das Wirtschaftsministerium habe sich aber bereits vor längerem gegen diese Option entschieden – und daran habe sich nichts geändert. „Aber Uran wird schon in einer Vielzahl von Ländern gewonnen, sodass die Versorgung mit dem Rohstoff sichergestellt ist“, betont Almut Zyweck.

Zyweck verweist dabei auf die Daten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Demnach war gerade Kasachstan 2020 mit einem Anteil von 40 Prozent die weltweite Nummer 1 der Uranförderer, gefolgt von Australien, Namibia und Kanada. Russlands Produktionsanteil liegt dabei unter 7 Prozent. Nichtsdestotrotz kontrolliert der russische Staatskonzern Rosatom laut dem Uranatlas 15 Prozent der globalen Förderung, und zwar durch die Beteiligungen an Uranminen in Kasachstan, in den USA und Kanada. Rosatom bleibt deswegen von den westlichen, auch europäischen Sanktionen bisher ausgeschlossen.

RWE gibt Scholz recht – was die Lieferzeiten angeht

In Niedersachsen betreibt der Energiekonzern RWE einen weiteren letzten Meiler, das AKW Emsland. „Wir beziehen kein Uran oder Brennelemente mehr“, sagt Konzernsprecherin Stephanie Schunck. Da das Kernkraftwerk bald stillgelegt werden müsse, sei die letzte Uran-Beschaffung bereits vor mehreren Jahren erfolgt.

„Unsere Anlage im Emsland ist bereits im Auslaufbetrieb, um wie gesetzlich festgelegt Ende des Jahres vom Netz zu gehen“, so Schunck. Aber auch die letzten Brennelemente habe man damals noch von amerikanischen und französischen Herstellern erhalten, und zwar über längerfristige Lieferverträge. Im Hinblick auf die Lieferzeiten gibt Schunck Bundeskanzler Scholz recht. „Es geht ja um die Herstellung von Brennelementen. Nach unseren Erfahrungen dauert das 15–18 Monate.“

Hypothetische Fragen bei EnBW Energie unerwünscht

Anderthalb Jahre also, sollte die Bundesregierung noch heute zur Atomkraft zurückkehren. Der Betreiber des dritten deutschen noch laufenden AKW Neckarwestheim 2, der Energiekonzern EnBW Energie Baden-Württemberg, zeigt sich ebenfalls skeptisch. Man habe schon 2022 eine langfristige Strategie für den Rückbau der Kernkraftwerke ausgearbeitet, und sie werde bis Ende des Jahres konsequent umsetzt, sagt Konzernsprecherin Jutta Simon.

Umso mehr: Die Bundesregierung habe eine Verlängerung der Laufzeiten bereits geprüft und Anfang März entschieden, nichts daran zu ändern. Deswegen lehnt die Konzernsprecherin Jutta Simon auch hypothetische Fragen zu möglichen zukünftigen Beschaffungen ab. Was die Vergangenheit angeht, da habe die EnBW ihre Brennelemente direkt und ausschließlich beim französischen Hersteller Framatome beschafft.