Sein Büro strahlt noch keinen olympischen Geist aus. Keine Fahne auf dem Tisch, keine Ringe an der Wand. Nicht mal der Button „Wir wollen die Spiele“ klebt am Schreibtisch von Markus Voigt. Er sei auch eher selten in dem Büro im Ludwig-Erhard-Haus, sagt der Präsident des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller. Aber daran, dass er die Spiele in Berlin will, lässt er keinen Zweifel.

Herr Voigt, schätzen Sie doch mal die olympische Begeisterung in der Stadt ein. Eins ist komplette Ablehnung, zehn die totale Unterstützung.

Sechs bis sieben.

Im Ernst? So viel?

Wir sind gar nicht so schlecht. Ich habe ja in erster Linie mit Leuten aus der Wirtschaft zu tun, und da gibt es eine große Begeisterung. Aber Sie haben recht: Das Thema ist noch nicht in jedem Winkel der Stadt angekommen.

Was tut die Wirtschaft dagegen?

Wir zeigen als Unterstützer Flagge und arbeiten die Chancen und Vorteile heraus – etwa indem wir die aktuelle Kampagne mittragen.

Welche Vorteile denn?

Berlin wächst und wird es auf absehbare Zeit weiter tun. Den damit verbundenen Anforderungen müssen wir gerecht werden. Wir müssen unsere Infrastruktur anpassen und beispielsweise in Nahverkehr, Straßen und Wohnungen investieren. Olympia wäre hierfür ein Katalysator.

Das sind Investitionen, die ohnehin nötig werden.

Naja, schon in den vergangenen zehn Jahren waren millionenschwere Investitionen nötig und passiert ist gar nichts bis wenig. Mit Olympia würden wir in diesem Punkt den Turbo zünden.

Zunächst muss man aber den nationalen DOSB überzeugen, dass Berlin besser ist als Hamburg.

Wir, die Vertreter der Berliner Wirtschaft, werden uns dafür maximal ins Zeug legen. Für uns gibt es keinen anderen Ort in Deutschland, der besser geeignet wäre, ganz Deutschland zu repräsentieren. Fakt ist doch: Berlin genießt weltweite Aufmerksamkeit, die Jugend der Welt strömt als Touristen oder Start-up-Unternehmer schon heute in die Stadt. Würden wir eine Abstimmung mit den Füßen machen, hätte Berlin bereits den Zuschlag.

Man geht davon aus, dass die internationale Kampagne Berlin um die 20 Millionen Euro kostet. Wie viel zahlen die hiesigen Unternehmer?

Eine genaue Zahl kann ich natürlich heute nicht sagen, aber es wird ein erheblicher Beitrag sein. Die regionale Wirtschaft hat ja auch ein Eigeninteresse, denn von den Spielen profitiert auch sie.

Sicher? Olympia ist doch vor allem ein Geschäft für das IOC, seine Sponsoren und Großkonzerne.

Nicht nur. Etwa im Wohnungsbau, beim Bau des Olympischen Dorfs in Tegel, wird es auch massenhaft Aufträge für unsere kleinen und mittelständischen Unternehmen geben. Nicht zu vergessen die indirekten Effekte infolge der Schaufensterfunktion.

London hat angeblich bei drei Milliarden Euro Einsatz, 30 Millionen Gewinn gemacht. Bezeichnen Sie als Geschäftsmann eine Rendite von einem Prozent als gutes Geschäft?

Das ist immerhin mehr, als sie derzeit von der Bank bekommen. Im Ernst: Die schwarze Null muss das Ziel sein. Aber man darf das Thema nicht nur als Buchhalter betrachten, sondern vor allem den Imagegewinn sehen. Das wird nicht nur einen Schub für Berlin geben.

Das ginge mit Hamburg auch …

Nein. Im internationalen Maßstab ist Berlin die einzige deutsche Bewerberstadt, mit der sie ernsthaft antreten können. Davon bin ich überzeugt. Wir können 2024 zeigen, wie sich Deutschland verändert hat. Aber auch national werden Berliner Spiele identitätsstiftend wirken. Das alles hat man schon bei der Fußball-WM gesehen, obwohl hier nur ein paar Spiele ausgetragen wurden. Diese Wirkung erzielen sie nur mit einer Stadt einer gewissen Größe.

Bei Erfolg muss die Stadt dann die Bedingungen des IOC erfüllen. Bescheidene Spiele gibt es dann nicht.

Die Idee der bescheidenen Spiele ist unser Alleinstellungsmerkmal. Wir müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren und sollten uns nicht sklavisch an den manchmal irritierenden Vorgaben des IOC orientieren. Das müssen wir klar in unserer Bewerbung sagen – auch auf die Gefahr hin, dass wir am Ende unterliegen. In einem ersten Schritt müssen wir aber jetzt erst die Bevölkerung mitnehmen und dann das IOC überzeugen. Für den zweiten Teil muss die Olympiabewerbung Berlins ein prominentes Gesicht bekommen.

Wer könnte das sein?

Das wird später entschieden.

Was halten sie vom Senat?

Spät gestartet, aber inzwischen läuft es sehr gut.

Die Volksbefragung ist richtig?

Ich bin zuversichtlich, wenn es uns gelingt, wirklich alle Berliner zu erreichen. Manchmal habe ich bei Volksentscheiden den Eindruck, dass nicht alle Wähler über die notwendigen Informationen verfügen. Daher bleibt bei mir eine gewisse Skepsis. Was ist, wenn wir in Sachen Olympia nur 30 Prozent erreichen und dann 100 Prozent abstimmen? Ist das Ergebnis dann fundiert oder rein emotional?

Direkte Demokratie ist doch nicht schlecht.

Mich stört an der Politik die Tendenz, sich an Stimmungsbarometern zu orientieren. Stimmungen wechseln bekanntlich. Wir brauchen Politiker, die den Mut haben, auch mal was durchzusetzen. Auch auf die Gefahr hin, dass sie bei der nächsten Wahl verlieren. Das geht ein bisschen verloren.

Das Gespräch führten Ralph Kotsch und Tobias Miller.