Als Rainer Plum an diesem Morgen das Haus des Berliner Verlags erreicht, wirkt er ein wenig abgehetzt, der Flieger hatte Verspätung. Aber das legt sich schnell. Denn es geht um die Geschichte der Bioläden und Reformhäuser in Deutschland. Da ist Rainer Plum ganz in seinem Element.

Herr Plum, das Reformhaus erscheint als eine Art Dinosaurier unter den Bioläden: Schon ewig da, aber im Aussterben begriffen.

Das erste Reformhaus wurde vor 129 Jahren in Berlin eröffnet, damals noch unter dem Namen „Gesundheitszentrale“. Die Bezeichnung Reformhaus tauchte erstmals im Jahr 1900 auf. Schon in dieser Anfangszeit wurden vegetarische Lebensmittel aus ökologischem Anbau, Naturkosmetika, Naturheilmittel und naturnahe Textilien angeboten. In gewisser Weise ist das Reformhaus also wirklich der Urahn aller Bioläden.

Was ist mit dem Aussterben?

Eine Zeit lang schien es so, als sei das Ende der Reformhäuser absehbar. Viele Läden wirkten überholt. Die waren in den 70er-Jahren stehen geblieben. Jetzt sind wir moderner denn je. Auch weil wir unserer ganzheitlichen Idee und unseren Werten wie pflanzenbasierter, vollwertiger Ernährung und dem Vertrauen in die positiven Wirkungen von unverfälschten Naturprodukten treugeblieben sind.

Wie kam es zu dem Stillstand?

Man hatte es sich in einer geschützten Nische gemütlich gemacht. Der Reformhausmarkt war jahrzehntelang von gegenseitiger Exklusivität zwischen Genossenschaftsmitgliedern und Herstellern geprägt: In den Läden wurden Marken gehandelt, die es nur im Reformhaus gab, umgekehrt lieferten die Erzeuger ihre Produkte ausschließlich an Reformhäuser. Noch vor 20 Jahren traf das auf 85 bis 90 Prozent des Angebots zu. Das lief lange Zeit gut, auch noch, als in den späten 70er-Jahren mit den ersten Bioläden eine neue Konkurrenz entstand.

Aber dann wurden es immer mehr Bioläden.

Genau. 1987 eröffnete der erste Alnatura-Laden, 1998 die erste Basic-Filiale, dazu kamen immer mehr Inhaber-geführte Bio-Supermärkte. Die haben andere Sortimente angeboten, haben auch ab Anfang der 2000er-Jahre in das Erscheinungsbild ihrer Verkaufsstellen investiert, auf neue Trends reagiert und sich allmählich breitere Käuferschichten erschlossen. Damit setzte der Boom der Öko-Branche ein, der bis heute anhält.

Eine Riesenchance für die Reformhäuser.

Eigentlich schon. Aber bis auf wenige Ausnahmen haben die Reformhäuser damals die Entwicklung zunächst ziemlich verschlafen. Statt den Trend zu nutzen und damit zu werben, dass Reformhäuser schon immer „Bio“ gewesen sind, haftete ihnen etwas Altbackenes und auch Genussfeindliches an, nach dem Motto: Wenn ich krank bin, gehe ich ins Reformhaus. Aus einer Studie zum Markenimage, mit der die Genossenschaft 1999 das Rheingold-Institut beauftragt hatte, sind bei mir zwei Charakterisierungen in Erinnerung geblieben: das Reformhaus als „Gesundbedürfnisanstalt“, geführt von „geheimen Ideologen“.

Eine Art Stützstrumpf-Sekte?

Ja, so etwa. Jedenfalls haben wir in den Jahren nach 1995 massiv Kunden und Umsatz verloren. Viele Läden mussten aufgeben. Mitte der 90er-Jahre hatte die Genossenschaft noch 1 200 Mitglieder mit 2 500 Verkaufsstellen, heute betreiben 442 Mitglieder 1 176 Geschäfte.

Haben Ihre Exklusiv-Partner auf der Erzeugerseite das mitgemacht? Bei denen müssen die Umsätze doch ebenfalls eingebrochen sein?

Das sind sie auch. 2004 haben einige der namhaftesten Hersteller einseitig die Exklusivverträge mit der Genossenschaft gekündigt. Die wollten und mussten sich Vertriebswege jenseits der Reformhäuser erschließen. Da ging es für die Reformhäuser wirklich ans Eingemachte, das war eine existenzielle Krise. Zwar hat die Genossenschaft gegen die außerordentlichen Kündigungen geklagt und die Verfahren auch gewonnen, aber das Verhältnis zu den Lieferanten war natürlich im Eimer. Es hätte letztlich keinen Sinn gehabt, auf Vertragserfüllung zu pochen. Heute sind nur noch etwa 15 Prozent des Reformhausangebots exklusiv. Säfte von Rabenhorst zum Beispiel, die es früher nur im Reformhaus gab, bekommt man längst auch im Supermarkt.

Wie haben Ihre Mitglieder auf den Umbruch reagiert?

Manche haben mit ausgewählten Erzeugern weiter auf Exklusivität gesetzt, andere haben ihr Angebot erweitert, wieder andere haben sich vom traditionellen Reformhaus-Image abzusetzen versucht, sich zusätzliche Namen und Marken zugelegt oder eigene Verbünde wie Vita Nova gegründet. Als ich 2009 beratend für den Vorstand der Reformhaus-Genossenschaft tätig wurde, war das Reformhaus eine bedrohte Art.

Was haben Sie unternommen?

Nachdem ich 2011 zum Vorstand der Genossenschaft berufen worden war, habe ich zusammen mit meinem Vorstandskollegen erst einmal alles daran gesetzt, die Marke Reformhaus zu erhalten und wieder stark zu machen.

Wieso denn das? Das Image war doch total verstaubt.

Das schon, aber es wäre trotzdem verrückt gewesen, eine Marke aufzugeben, die so gut wie jeder in Deutschland kennt. Wir haben unsere Mitglieder davon überzeugen können, dass die Bezeichnung Reformhaus wieder klar erkennbar im Vordergrund stehen muss.

Das war alles?

Nein, natürlich nicht. Seit 2003 wurde die Genossenschaftszentrale stark verkleinert, um Kosten zu sparen. Damals hatten wir 70 Beschäftigte, heute sind es 9,5 Vollzeitstellen. Außerdem haben wir 2008 ein Modernisierungskonzept für die Geschäfte entwickeln lassen. Herausgekommen ist ein System, das den einzelnen Genossenschaftsmitgliedern Spezialisierungen ermöglicht, ausgerichtet an den lokalen Gegebenheiten.

Klingt ein bisschen abstrakt.

Es ging darum, nicht mehr einfach 5 000 Artikel auf 80 Quadratmetern in die Regale zu packen, sondern – möglichst auf größeren Ladenflächen – Schwerpunkte zu setzen: auf Genuss-Schönheit-Gesundheit, also auf hochwertige Lebensmittel, Naturkosmetik, Nahrungsergänzungs- und Naturheilmittel, in jeweils eigenen Ladenbereichen. Die Mitglieder entscheiden, ob sie einen, zwei oder alle drei Bereiche abdecken möchten. Als erstes ist ein Reformhaus in Hagen nach diesem neuen Konzept umgebaut geworden. Da sind nach Neueröffnung Kunden gekommen, haben den tollen Laden gelobt – und dann gefragt, wo denn jetzt das Reformhaus ist. So groß war der Unterschied.

Ist der Umbau inzwischen abgeschlossen? Haben Sie die Wende geschafft?

Der Umbau ist noch im Gange. Wir können als Genossenschaft unseren Mitgliedern ja nichts verordnen, das sind alles selbstständige Unternehmen. Aber wir beraten, regen an und ermutigen die Zögerlichen. Mittlerweile sind rund 130 Geschäfte nach dem Modular-Konzept und viele weitere nach anderen Ladenbaukonzepten erfolgreich modernisiert. Was die Erlöse angeht, ist uns eine Trendwende gelungen. 2015 ist der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um gut sechs Prozent auf 697 Millionen Euro gestiegen. Wir werden in den kommenden ein oder zwei Jahren wohl noch einige Genossenschaftsmitglieder verlieren, aber die Zahl der Läden hat sich bereits stabilisiert.

Was unterscheidet das Reformhaus heute denn noch vom Bioladen um die Ecke?

Das Angebot, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Ein Bioladen verkauft ökologisch erzeugte Lebensmittel, auch wenn sie ernährungsphysiologisch keinen Wert haben, Bionade zum Beispiel. Die gibt’s mit neuform-Qualitätszeichen in Reformhäusern nicht. Wir führen Produkte, die nach den strengen neuform-Qualitätsrichtlinien nicht nur Bio sind, sondern auch vollwertig und gesund. Außerdem bieten wir den Kunden eine Beratung, die Bioläden und vor allem Biosupermärkte nicht im Ansatz leisten können.

Das sagen Sie.

Das sagt auch die Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main, die die Abschlüsse der Reformhaus-Mitarbeitenden als Fachberater anerkennt und zertifiziert.

Was beinhaltet diese Ausbildung?

Wir führen für Ladeninhaber und Beschäftigte sechswöchige Intensivkurse an unserer Reformhaus-Fachakademie in Oberursel durch, zu Ernährungskunde, Naturheilverfahren, Unverträglichkeiten und natürlichen Kosmetika. Darauf aufbauend gibt es weitere spezifische Lehrgänge. Jedes Reformhaus muss sicherstellen, dass während der gesamten Öffnungszeit immer mindestens eine Fachberatungskraft anwesend ist. Viele haben jedoch alle Mitarbeitenden bei uns ausgebildet.

Wie schätzen Sie die Zukunftsaussichten des Reformhauses ein?

Gut, sehr gut sogar. Die Vegetarier- und Veganer-Welle bringt neue Kundschaft. Schließlich gilt für Reformhäuser der Grundsatz: Nichts vom toten Tier. Tatsächlich sind zwei Drittel aller Lebensmittel im Reformhaus auch vegan. Wir sind seit Jahren auf der Messe VeggieWorld präsent, mit dem größten Einzelstand aller Aussteller. Da werden wir regelrecht überrannt.

Was, wenn die Welle abebbt?

Ich glaube nicht, dass es sich bei dem Trend zu fleischarmer, vegetarischer oder veganer Ernährung um eine Eintagsfliege handelt. Die Menschen wollen sich gut ernähren, und dabei aber auch das Wohl der Tiere und der Natur achten. Die negativen Effekte der Massentierhaltung auf Umwelt und Klima verschwinden ja nicht über Nacht. Außerdem haben ökologische Produkte und vegetarische Gerichte im Vergleich zu den frühen Jahren der Naturkostbewegung heute einen entscheidenden Vorteil.

Der wäre?

Sie schmecken großartig.

Das Gespräch führte Stefan Sauer.