Berlin - In Deutschland herrscht Rekordbeschäftigung. Seit der Wiedervereinigung ist die Zahl der Erwerbstätigen um mehrere Millionen gestiegen. Gleichzeitig ist jedoch auch die Zahl der Haushalte mit geringem Einkommen gewachsen. Verantwortlich dafür ist nicht nur die Ausbreitung von Niedriglohn-Jobs. Das zeigt eine Studie, die dieser Zeitung vorliegt.

Die Forscher der Universität Duisburg-Essen haben im Rahmen eines Projekts der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) erkundet, wie sich die finanzielle Lage von Haushalten in Deutschland entwickelt hat. Denn der Lebensstandard wird stark durch das Haushaltseinkommen bestimmt: Wenn in einer Familie beide Partner nur einen Minijob haben, können sie nicht davon leben. Wenn hingegen ein Erwachsener sehr viel verdient, ist die finanzielle Lage der gesamten Familie besser.

Haushalte mit geringem Einkommen deutlich gestiegen

Zunächst untersuchten die Wissenschaftler die reinen Markteinkommen, die die Menschen ohne staatliche Transfers aus eigener Kraft erzielen. Dazu gehören Bruttogehälter und Einkünfte aus selbstständiger Tätigkeit sowie Erträge aus Vermögen und private Renten. Betrachtet wurde die Entwicklung zwischen 1992 und 2013. In diesem Zeitraum ist die Zahl der Erwerbstätigen um rund vier Millionen Menschen gewachsen. Gleichzeitig ist der Anteil der Haushalte, die nur ein geringes Einkommen erzielen, von 30 auf 35 Prozent gestiegen. Diese Geringverdiener-Haushalte erzielten weniger als 60 Prozent des mittleren Markteinkommens.

„Die Einkommensungleichheit hat in Deutschland stärker als in vielen anderen europäischen Ländern zugenommen“, heißt es in der Studie. Denn gewachsen ist auch die Zahl der Haushalte mit überdurchschnittlich hohen Einkünften. Geschrumpft sind dagegen die mittleren Einkommensklassen.

Sozialstaat kann Schere nicht ausgleichen

Der Sozialstaat verringert die Ungleichheit durch Steuern und Sozialtransfers. Allerdings habe er das Auseinanderdriften der Markteinkommen nicht vollständig ausgeglichen, befinden die Forscher. Das wird deutlich, wenn man das tatsächlich verfügbare Netto-Einkommen inklusive aller Sozialleistungen und staatlicher Renten betrachtet. Um die Jahrtausendwende gehörten der Studie zufolge zehn bis elf Prozent der Haushalte nach staatlicher Umverteilung zur sogenannten Unterschicht, dieser Anteil stieg auf zuletzt rund 14 Prozent. Mehr noch: Trotz der Rekordbeschäftigung sind diese Haushalte stärker als früher vom Staat abhängig: Der Anteil der Sozialtransfers am Gesamteinkommen ist deutlich gestiegen.

Die Grenze zwischen Unter- und Mittelschicht haben die Forscher wieder bei 60 Prozent des mittleren Einkommens gezogen, nur diesmal eben nach staatlicher Umverteilung, also inklusive aller staatlichen Leistungen und abzüglich der Steuern. Ein Single gehörte demnach zuletzt zur untersten Schicht, wenn er im Monat weniger als 1030 Euro zur Verfügung hat. Für Paare mit zwei kleinen Kindern liegt die Grenze bei 2160 Euro. Diese Menschen werden in der Forschung auch als armutsgefährdet bezeichnet.

Mini- und Teilzeitjobs als Normalzustand

Der Boom der Niedriglohn-Jobs ist ein wichtiger Grund dafür, dass viele Haushalte nur ein bescheidenes eigenes Einkommen erzielen. Die Forscher haben zudem herausgefunden, dass die Arbeitszeiten auseinanderdriften. Beschäftigte aus der „Unterschicht“ haben viel seltener als früher eine volle Stelle.

Die Mehrheit muss sich inzwischen mit Minijobs oder Teilzeit begnügen. Vollkommen anders sieht es in der „Oberschicht“ aus, in Haushalten also, die mindestens das Doppelte des mittleren Netto-Einkommens zur Verfügung haben. Hier haben fast unverändert 78 Prozent der Beschäftigten einen Vollzeitjob.

Mindestlohn als erster Schritt zur Umverteilung

Es sei besorgniserregend, dass die Einkommen trotz der guten Beschäftigungsentwicklung auseinanderdriften, betonen die Studienautoren. Wichtigstes Ziel müsse daher sein, die ungleiche Verteilung der Einkommen zu verringern. Der Mindestlohn sei ein erster Schritt, dem eine Erhöhung der Tarifbindung folgen müsse.