Die Veranstaltungsbranche in Deutschland wendet sich in großer Sorge an die Öffentlichkeit: Die neuen Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern stellen kaum praktikable Rettungsprogramme für eine Branche in Aussicht, die „seit acht Monaten im Lockdown ist“, wie Nico Ubenauf vom größten Veranstaltungsdienstleister in Europa, Satis&Fy, sagt: „Die Politik hat bei ihren Rettungsprogrammen offenbar übersehen, dass wir ein zentraler Bestandteil der deutschen Industrie, und nicht Party-Betreiber sind. 88 Prozent aller unserer Dienstleistungen erbringen wir für DAX-Unternehmen, Kongresse und Messen.“

Das Problem der Veranstaltungsdienstleister: Sie haben keine starke Lobby, wie etwa die Gastronomie mit der Dehoga. Daher haben sich die Unternehmen im Zug des ersten Lockdowns in der Initiative #AlarmstufeRot zusammengefunden. Ubenauf, dessen Unternehmen am Standort Berlin 100 Mitarbeiter beschäftigt, sieht die Lage der Branche kritisch: „Wir reden hier von etwa einer Million Beschäftigten – 80 Prozent von ihnen wird mit den neuen Rettungspaketen nicht geholfen. Das schockt und macht uns wütend.“ Der Branche geht es ähnlich wie dem Einzelhandel, wo man sich über die Bevorzugung der Gastronomie ebenfalls ärgert. Denn der Einzelhandel ist zwar nicht wie die Veranstaltungsbranche komplett geschlossen. Aber wegen des Lockdowns bleiben die Kunden weg.

Der Fehler des Rettungsprogramms liegt nach Ansicht der Veranstalter in der Definition: Sogenannte „Veranstalter mit Geschäftsbezug“, vor allem Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern und Soloselbständige fallen bei den meisten Förderungen durch. Ihnen bleibt der Versuch über teure Bank-Kredite oder Hartz IV. Irritiert ist man bei Veranstaltern und Einzelhändlern vor allem über die Regelung, der Gastronomie 75 Prozent der Umsätze zu ersetzen. Man hätte auf den Rohertrag abstellen müssen – dann hätte man auch anderen Branchen helfen können. Ubenauf: „Für uns ist die Entwicklung fatal. Wir werden sehr, sehr viele Insolvenzen sehen – in traditionsreichen Gewerken wie Möbelbauer, Garderobieren und Elektrotechniker.“

Götz Berge, Geschäftsführer von der Lichtwerk GmbH, erwartet, dass sich die Lage noch weiter zuspitzen wird: „Frühestens im Herbst kommenden Jahres wird es wieder halbwegs eine Normalisierung geben, vielleicht auch erst 2022. Das werden viele Unternehmen nicht überleben. Und dann wird es auch Teile der Gesellschaft treffen, die das Problem jetzt noch nicht sehen: Der Bundestag wird Schwierigkeiten haben zu beraten, weil die Tontechniker fehlen, da viele Mitarbeiter und Soloselbständige notgedrungen die Branche verlassen und neue Berufsfelder suchen. Unternehmen werden ihre Hauptversammlungen nicht mehr abhalten können, weil die Technik fehlt.“

Vor allem aber werde damit die Möglichkeit der Unternehmen eingeschränkt, sich auf den digitalen Wandel vorzubereiten. Berge: „Wir haben in Deutschland die Digitalisierung vielerorts verschlafen. Viele Dinge, wie etwa Konferenzen oder Meetings, werden zum großen Teil nicht wieder so sein wie früher, es werden zunehmend virtuelle und hybride Veranstaltungen stattfinden. Wir müssten jetzt eigentlich investieren.“ Doch die meisten Unternehmen leben gerade von ihren letzten Reserven. Hinzu kommt, dass viele Mitarbeiter nicht einfach umgeschult werden können: „Wir haben Teppichleger, Elektriker, Rigger, Dekorateure, Hostessen – das wird in der digitalen Welt viel weniger oder gar nicht gebraucht.“ Die Nachfrage nach digitalen Veranstaltungen sei riesig. Sie könne aber nicht befriedigt werden, weil vielen Unternehmen die Technologie-Kompetenz fehle. Berge glaubt nicht, dass US-Unternehmen hier in die Bresche springen können: „Wir haben in der EU einen guten und strengen Datenschutz. Das können die Software-Lösungen wie MS Teams oder Zoom nicht gewährleisten. Zudem sind diese Lösungen sehr begrenzt in ihrer Performance.“