Stromanbieter verdoppelt den Abschlag ab Januar 2023? Rechtsexperte rät zum Wechsel

Die Strompreise steigen konsequent und bei allen Anbietern. Können Verbraucher dieser unschönen Entwicklung ausweichen?

Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde.
Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde.dpa

Angesichts der Wucherpreise für Erdgas werden die weniger signifikanten Preisanstiege beim Strom oft leichter hingenommen. Dabei trudeln die schmerzhaften Preiserhöhungen in ganz Deutschland erst zum Jahreswechsel ein. „Wie Sie in den Medien verfolgen konnten, hat der Krieg in der Ukraine auch erhebliche Auswirkungen auf den Energiemarkt“, beginnt etwa der Grundversorger in NRW, RheinEnergie, die November-Briefe an seine Kunden in der Grundversorgung. Die Einkaufspreise für Strom hätten sich innerhalb eines Jahres fast verzehnfacht.

Anschließend wird der Kunde mit den neuen Preisen ab Januar konfrontiert: Der Arbeitspreis steigt um 30,51 auf 54,01 Cent/kWh (plus 77 Prozent), der Grundpreis um 2,49 Euro auf 16,85 Euro pro Monat, und der Zählerpreis um 5,47 Euro auf 17,72 Euro pro Jahr.

Gilt noch die Preisgarantie?

Mit den neuen Preisspitzen ab Januar werden auch die Verbraucher in Berlin konfrontiert. Der Ökostromanbieter Lichtblick hat zum Beispiel seine Kunden vor kurzem über die Verdoppelung des Abschlags zum Jahreswechsel informiert, weil die Beschaffungspreise eben gestiegen seien. Generell schließen die Verbraucherzentralen eine Verdopplung der Strompreise im Jahr 2023 nicht aus.

Davon wären zwar alle Stromanbieter betroffen, doch man kann immer noch die eigenen Kosten senken. Genauso wie im Fall mit dem Gasgrundversorger Gasag, der ab Januar ebenfalls die Preise in der Grundversorgung verdoppelt und trotz einer dominierenden Marktposition kein regionaler Monopolist ist, lässt sich auch zwischen vielen Strombietern in Berlin immer noch eine Alternative aussuchen.

Dazu rät der Rechtsexperte der Verbraucherzentrale Brandenburg, Rico Dulinski: Wenn der Stromanbieter ungefragt den Abschlag erhöhe, müsse der Verbraucher als Erstes in den Vertrag schauen und checken: Gilt noch die Preisgarantie? Wenn sie noch gelte, lasse sich die Erhöhung durchaus abweisen. Wenn die Garantie aber abgelaufen sei und der neue Preis nicht passe, könne der Anbieter gewechselt werden.

Grundversorgung auf den ersten Blick günstiger

Worauf muss man bei einem Wechsel in Zeiten stetig steigender Preise achten? Grundsätzlich helfen Vergleichsportale wie Verivox oder Check24, je nach Jahresverbrauch die in der Gegend zugänglichen Tarife mit dem aktuellen zu vergleichen. Gibt man etwa die Postleitzahl 10969 in Kreuzberg und einen durchschnittlichen Jahresverbrauch von 1500 kWh für einen Singlehaushalt an, fällt der Vattenfall-Tarif in der Grundversorgung ohne Preisgarantie mit einem geschätzten Preis von 49,60 Euro pro Monat als das günstigste Angebot auf.

Wählt man eine Preisgarantie für mindestens zwölf Monate, ist Vattenfall nicht unbedingt der günstigste Anbieter und muss beim Preis (59,61 Euro gegen 57,21 Euro pro Monat) und der Höhe des erwünschten monatlichen Abschlags (80 Euro gegen 72 Euro) hart mit der E.ON-Tochter Eprimo konkurrieren. Beim Vertragsabschluss müsse man sich allerdings nicht für einen höheren Abschlag entscheiden, sagt Rico Dulinski von der Verbraucherzentrale. Wenn der Verbrauch gering sei, könne man den Abschlag auf den geschätzten monatlichen Preis reduzieren. Es sei bei der Wahl des günstigeren Tarifs auch wenig relevant, auf den Anteil von Erdgas bei der Stromerzeugung zu schauen, so Dulinski. Egal, ob Strom mit oder ohne Erdgas produziert werde: Der gesamte Markt will den höchsten Preis.

Zu 100 Prozent grüner Strom nicht unbedingt günstiger

„Der Strompreis richtet sich immer nach dem teuersten Kraftwerk am Markt“, bestätigt auch Vattenfall-Sprecher Christian Jekat. Selbst wenn man viel Windenergie habe, treibe das teuerste Gas- oder Kohlekraftwerk alle Preise am Markt in die Höhe. Deswegen sei auch der zu 100 Prozent grüne Strom nicht unbedingt günstiger. Strom im günstigsten Basistarif von Vattenfall wird zum Beispiel zu fast 25 Prozent noch mit Gas produziert.

Christian Jekat teilt jedoch nicht den Eindruck, dass der Grundversorgungstarif langfristig günstiger sei. „Er bietet keine Preisgarantie, und der Preis kann theoretisch einmal im Quartal angepasst werden.“ Am Anfang zahle man zwar weniger, doch das Risiko sei zu groß, dass die Marktlage diesen Vorteil eliminiere. Deswegen würden sich die Tarife mit einer längeren Preisgarantie auch lohnen.

Vattenfall selbst hat die Tarife in der Berliner Grundversorgung zuletzt am 1. Oktober an die Marktlage angepasst. Der Verbrauchspreis war von 28,82 Cent/kWh auf 33,12 Cent/kWh gestiegen. Für den Haushalt mit einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 2200 kWh entstanden dadurch Mehrkosten von 7,88 Euro pro Monat – eine Steigerung von rund 13 Prozent. Im Vergleich zum Jahr 2020 hat sich der Verbrauchspreis jedoch überraschenderweise um 13 Cent/kWh verbilligt, was die Grundversorgung zumindest bei Vattenfall bemerkenswert macht. Die Grundversorger in anderen Bundesländern sind allerdings eine andere Geschichte.

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