Verspielt Deutschland Vorsprung bei grünem Wasserstoff?

Wasserstoff könnte die Energiekrise entschärfen. Deutsche Ingenieure sind weltweit die besten. Doch nun übernehmen die Amerikaner mit dem IRA das Kommando. 

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) besichtigt eine Modellanlage, in der mittels Großelektrolyse aus Windstrom grüner Wasserstoff erzeugt wird. 
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) besichtigt eine Modellanlage, in der mittels Großelektrolyse aus Windstrom grüner Wasserstoff erzeugt wird. Foto: Soeren Stache/dpa

Deutsche Ingenieure entwickeln eine neue Technologie, und dann kommen die Amerikaner und machen das große Geschäft mit der Innovation: Wie schon zuvor bei anderen Technologien droht Deutschland dieses Schicksal nun auch mit dem grünen Wasserstoff. Denn die amerikanische Regierung hat mit ihrem Inflation Reduction Act (IRA) beschlossen, die Wasserstoff-Industrie mit über 50 Milliarden Dollar zu fördern. Sie gewährt den Unternehmen eine gesicherte Vergütung für eine Laufzeit von zehn Jahren.

Wasserstoff ist eine der wichtigsten Alternativen zu fossiler Energie und somit eine der Lösungen der aktuellen Energiekrise. „Wasserstoff macht Wind und Sonne haltbar“, sagt Werner Diwald, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbands (DWV), der Berliner Zeitung. Die Technik ist bereits Realität – in Australien, China, Japan und auch in Prenzlau in der Uckermark, wo seit elf Jahren das erste Wasserstoff-Wind-Biogas-Hybridkraftwerk Deutschlands läuft. „Wasserstoff ist keine Utopie mehr, die Technologie ist über Jahre erprobt. Wir haben sie in Deutschland zur Serienreife entwickelt“, so Diwald.

Doch nun könnte es passieren, dass die deutschen Pioniere die Früchte ihrer Arbeit nicht ernten werden. „Die Amerikaner haben erkannt, dass ein neuer Kraftwerkstyp die Energieversorgung dominieren wird“, sagt Diwald. Man könne ihnen keinen Vorwurf machen: Sie hätten einfach schnell und unbürokratisch gehandelt.

Der IRA gilt ab dem 1. Januar 2023. Präsident Joe Biden hat Frankreichs Präsident in dieser Woche klargemacht, dass sich die Amerikaner nicht von ihrem Plan abbringen lassen: „Wenn Deutschland nicht rasch handelt, geht die gesamte Technologie in die USA, weil dort der Markt ist“, sagt Diwald. „Wir reden von einer Million Arbeitsplätzen in Deutschland, bei einem Jahresumsatz von 800 Milliarden Euro.“ Am Ende werde auch die gesamte Industrie dorthin gehen, wo die Energie produziert wird.

Mit Wasserstoff könnte man Resilienz für die deutsche Industrie schaffen. Doch aktuell sieht der Trend anders aus. Diwald: „Wir haben Informationen von ersten Unternehmen, die ihre Planungen für Europa gestoppt haben und in die USA gehen wollen.“ Es gehe um Tage: „Die Unternehmen gehen dorthin, wo sie Investitionssicherheit haben. Der Wettlauf beginnt jetzt.“ Deutschland sei zwar weltweit führend bei der Forschung und Entwicklung von Wasserstoff, auch dank öffentlicher Fördergelder. Doch diese wären verloren, wenn die Unternehmen abwandern, so der Verbandschef.

Insgesamt bräuchte es zunächst nur etwa 10 Milliarden Euro aus dem Steuertopf, meint die Industrie. Für den Start könnten bereits im Haushalt 2023 vorgesehene Mittel von 3,6 Milliarden Euro verwendet werden. Auch der rechtliche Rahmen sei klar. Diwald: „Wir brauchen keine extra EU-Regulierung, es gibt die entsprechende Verordnung bereits. Die Bundesregierung muss lediglich zwei Verordnungen erlassen. Diese könnten noch in diesem Jahr kommen.“

Deutschland könnte so Energieunabhängigkeit erreichen und seine Technologie exportieren. Deutsche Maschinen- und Anlagebauer sind Weltspitze, Wind-Produzenten könnten in Bulgarien, Rumänien und Spanien Kraftwerke „Made in Germany“ errichten. Auch die Infrastruktur für Importe sei vorhanden, sagt Diwald: „Wie müssen doch die bestehenden Pipelines nutzen: So können wir grünen Wasserstoff in gigantischem Ausmaß transportieren.“ Sogar geopolitisch gibt es eine Perspektive. Die Ukraine könnte Wind exportieren. Das bringe dem Land eine ganz andere Wertschöpfung als russisches Erdgas. Diwald: „Eine Partnerschaft bei Wasserstoff schafft für die Ukraine mehr Vertrauen als ein Nato-Beitritt.“ Dies gelte für den ganzen Schwarzmeerraum.

Seit zwei Jahren versucht die Branche, der Bundesregierung die Dringlichkeit zu erklären, allerdings noch ohne Erfolg. „Die Bundesregierung ist der Überzeugung, man kann die gesamte Energie mit Strom und Kupferplatten erzeugen. Das ist völlig unrealistisch. Wir können die Welt nicht machen, wie sie uns gefällt“, sagt Diwald. Statt die eigenen Innovationen zu forcieren, werde nun teures Flüssiggas (LNG) aus Katar über amerikanische Zwischenhändler eingekauft. Werner Diwald: „Ich verstehe nicht, warum wir auf langfristige LNG-Verträge setzen. Damit schaffen wir die Klimaneutralität im Jahr 2045 nicht.“