Verkäufer im Berliner Chemiegroßhandel: „Was hier abgeht, macht mir Angst“

Frank N. aus Berlin-Köpenick verdient gut, aber er macht sich trotzdem Sorgen um die Zukunft seiner Branche und der deutschen Industrie. Ein Stimmungsbericht.

<strong>Zwei Menschen stehen bei Sonnenaufgang auf der Halde Rheinpreußen in Moers und gucken in Richtung des Industriegebiet von Thyssen-Krupp.</strong>
Zwei Menschen stehen bei Sonnenaufgang auf der Halde Rheinpreußen in Moers und gucken in Richtung des Industriegebiet von Thyssen-Krupp.dpa/Fabian Strauch

Das Gespenst der Deindustrialisierung geht um in Deutschland. Erst vor Kurzem warnte der Gesamtverband der Aluminiumindustrie, dass diese Schlüsselindustrie aus Deutschland verschwinden würde, wenn die Bundesregierung nicht rasch ihre Energiepolitik ändere. Das gleiche Schicksal könnte auch der Chemieindustrie drohen. Endverbraucher kaufen zwar nur selten Chemikalien – aber die Stoffe werden in vielen anderen Branchen dringend benötigt.

Die Berliner Zeitung bekommt Leserbriefe von besorgten Berlinern, die Szenarien der Energiekrise in ihrem Bereich schildern. „Ich will keine Panik verbreiten, aber was hier abgeht, macht mir Angst“, schreibt Frank N. aus Berlin-Köpenick, der als Verkäufer im Außendienst bei einem Berliner Chemiegroßhändler arbeitet (der Name des Unternehmens ist der Redaktion bekannt). Frank N. ist 58, er hat mehr als 19 Jahre Erfahrung in seiner Branche. Er zeigt sich sehr besorgt, doch nicht um seine eigene Zukunft. Sein Herz schlägt für die deutsche Chemieindustrie im Allgemeinen.

In Gesprächen gibt er weiter Auskunft über die Stimmungslage. Das ist sein Bericht:

Unser Unternehmen handelt mit Grund- und Spezialchemikalien und beliefert somit Kläranlagen, Heizkraftwerke, Krankenhäuser, Lebensmittelbetriebe, Stahlwerke, also systemrelevante Betriebe. Ansonsten sind unsere Großkunden in der Leiterplattenherstellung, Galvanotechnik und in Druckereien tätig.

Sie alle haben chemische Prozesse: Frischwasser muss aufbereitet werden, Rohre gereinigt, Abwasser muss vor einer Einleitung in das Netz der Wasserbetriebe gemäß Einleitbedingungen vorbehandelt oder zum Teil geflockt werden. Unsere Lieferanten sind die „großen“ Hersteller wie BASF, Covestro, DOW, SKW Piesteritz und andere. Ich selbst sehe mich in meinem Job als Freund, Helfer und Mittelsmann zwischen Innendienst, Transport und Logistik und mittlerweile auch sehr oft als Feuerwehrmann, damit unsere Kunden ihre Ware termingerecht geliefert bekommen.

„Ich möchte diese Art der Schenkung und Beruhigung nicht“

Wozu diese Infos? Bis Ende 2019 konnten wir noch problemlos alle möglichen Produkte ein- und verkaufen. Aktuell wird mein Job jedoch mit vielen Ängsten begleitet. Diese Ängste sind nicht irrational, sondern berechtigt. Ich habe aber keine Angst um mich selbst oder um meine Firma, denn mir und meiner Firma geht es wirtschaftlich gut. Der Staat will uns nun mit Strom- und Gaspreisbremsen und sonst irgendwie entlasten, damit es uns besser geht. Aber ist es rechtens, einfach jedem Bürger Geld zu „schenken“? Egal, wie gut es ihm geht? Die Regierung setzt offenbar darauf, dass wir uns mit dem Gießkannenprinzip begnügen und uns damit beruhigen. Ich persönlich möchte aber diese Art der „Schenkung“ und „Beruhigung“ nicht.

Denn ich habe Angst vor einer Deindustrialisierung in Deutschland. Ich könnte mich zurücklehnen und abwarten, aber genau das kann und will ich nicht! Denn wir sind in einer europaweiten Corona-Klima-Kriegs-Energie-Krise. Unsere Sorgen um unsere Branche, in der wir unser Leben lang arbeiten, sind mit ein paar Entlastungen für unsere Tasche nicht weg. Speziell die klein- und mittelständischen Unternehmen leiden ganz besonders unter diesem Preisdruck.

„Planungen sind überhaupt nicht möglich“

Der Chemikaliengroßhandel ist mittlerweile sehr genervt von Lieferverzögerungen und der Ungültigkeit jeder bisher in diesem Jahr getroffenen Lieferzusage. Nahezu alle alten Kontrakte wurden lieferantenseitig aufgekündigt, und die Preise wurden flächendeckend enorm erhöht. Damit sind Planungen, schon gar nicht langfristig, überhaupt nicht möglich. Budgetplanungen von Kunden haben sich ad absurdum geführt. Produktionsplanungen, gerade im Lebensmittelbereich, sind ebenfalls schlecht oder nicht planbar und damit stockt die Versorgung, weil die Preise sich ständig erhöhen.

Frank N. aus Berlin-Köpenick
Frank N. aus Berlin-KöpenickPrivatarchiv

Bei diesen Preissteigerungen wird der Wohnungsbau in Berlin kurz- und mittelfristig ins Stocken geraten oder sich so verteuern, dass am Ende doch weniger gebaut wird. Es ist auch durchaus möglich, dass die Supermärkte aufgrund der fehlenden Chemikalien für den Transportsektor leere Regale bekommen. Es fehlen Düngemittel aus Russland und der Ukraine. Die Eigenherstellung von Ammoniak ist auch bedroht; der frühere Produktionsstopp bei SKW Piesteritz ist ein Beispiel dafür.

Dabei gilt Ammoniak als Grundlage der Stickstoffdüngerindustrie. Fehlt Ammoniak, fehlen Düngemittel, fehlt AdBlue, fehlt Salpetersäure, fehlt eine schier unendliche Latte von Zusatzstoffen für Leim, Harz, Melanin, Metallbeschichtungen, Kühlmittel. Und als ob das alles noch nicht reichen würde, schlagen bald auch noch Brauer, Mineralwasserhersteller, Schlachtereien und Lebensmittelproduzenten Alarm. Ihnen fehlt das Kohlendioxid, ein wichtiges Abfallprodukt der Ammoniakproduktion. Es gibt darüber hinaus Probleme mit der Kohlensäureversorgung. Das alles verunsichert unsere Kunden und lässt nur vage Ausblicke und bei vielen keine positiven Ausblicke in die Zukunft zu.

„Das größere Problem ist zum Teil eine Verzehnfachung der Preise“

Wir haben bei unserer Firma bereits Lieferengpässe. Das größere Problem ist jedoch zum Teil eine Verzehnfachung der Preise für Chemikalien, bei denen der Energie-Anteil an Produktionskosten besonders hoch ist. Die neuen Preise müssen wir an die Endkunden weitergeben. Die Produktion bei unseren Kunden darf nicht stehen bleiben, deswegen werden diese Preise noch akzeptiert.

Leider können wir nicht alle Kunden beliefern und telefonieren viel und ständig, um den wirklich fast letzten Bedarfspunkt zu ermitteln und zeitnah für unsere Stammkunden Ware zu liefern. Somit sind alle Neukunden zu 90 Prozent raus und erhalten leider eine Absage.

Angst haben wir auch mittel- und langfristig wegen den fehlenden Arbeits- und Fachkräften in der Chemieindustrie. Diesen Fachkräftemangel bekommen wir auch im Handel zu spüren. Wer geht heute noch gerne in die Produktion? Wer arbeitet gerne in einem Drei- oder Vier-Schicht-System?

Sollte es aufgrund der stets steigenden Erzeugerpreise und unstabilen Lieferketten dazu kommen, dass einige unserer Lieferanten Produktionsausfälle bekommen, sollte es dazu kommen, dass Eisen-III-Chlorid, Salzsäure und Wasserstoffperoxid (diese Produkte sind für unsere Kunden in der Sanierung und Reinigung des Grundwassers oder für Leiterplattenhersteller unverzichtbar) nicht genügend vorhanden sind, erfolgt keine Abwasser-/Schlammbehandlung, kann nicht geätzt werden.

In der Milchindustrie werden Natronlauge und Salzsäure bzw. Salpetersäure verwendet und die Rohrleitungen werden abwechselnd basisch und sauer gereinigt, von Bakterien und Ablagerungen befreit. Die Rohrleitungen setzen sich zu, verdrecken, verkeimen. Diese nach zwei, drei Wochen Stillstand wieder sauber, keimfrei zu bekommen, ist überhaupt nicht einfach. Auf den großen Kläranlagen könnte eventuell bald nicht mehr das Abwasser geflockt und behandelt werden, weil Eisen-III-Chlorid kaum lieferbar ist.

Ein weiteres Beispiel: In sehr vielen Produktionsbereichen und Bürohäusern gibt es Kühltürme und Klimaanlagen, die mit Zusatz von Wasserstoffperoxid betrieben werden. Auch da könnte es zu Keimbelastungen kommen. Man muss nicht erwähnen, wie viele Menschen sich jährlich mit multiresistenten Bakterien infizieren und wie gefährlich solche Keime für unsere Gesundheit sind.

„Brauchen wir eine neue Abhängigkeit von China?“

Meine Angst vor der Deindustrialisierung Deutschlands liegt weiter darin, dass die deutsche Chemieindustrie mit ihren hohen Produktionskosten allmählich ihre Wettbewerbsfähigkeit verliert. Jetzt eine theoretische Frage: Was ist, wenn große aktiengeführte Konzerne wie BASF und oder Covestro einsehen, dass sie mit Rohstoffimporten sehr gut verdienen und weiterhin wirtschaftlich trotz der hohen Energiepreise so viel Gewinn erwirtschaften können, dass sie das Interesse daran komplett verlieren, hier in Deutschland bestimmte Rohstoffe selbst herzustellen?

Die Importe werden die Preise nicht senken. Die Eigenproduktion könnte es aber ermöglichen, dass wir die anfallenden Grundchemikalien, die zum großen Teil dann auch als Neben- oder Abfallprodukt erzeugt werden, wieder zu normalen Preisen und in ausreichenden Mengen liefern dürfen.

Die Politik sollte endlich erkennen: Wenn die chemische Industrie hierzulande stehen bleibt, werden ganze Industriezweige ohne existenzielle Produkte wie Natronlauge, Eisen-III-Chlorid, Salpetersäure, Ammoniak und Salzsäure vorerst auch von heute auf morgen stehen bleiben. Es sind Bedarfschemikalien, die man jeden Tag zur Wasser-/Abwasserbehandlung, zum Desinfizieren und Reinigen braucht. Bis man auf die Importe umsteigt, wird es Zeit brauchen. Die Menschen hierzulande werden aber ihre Arbeitsplätze verlieren, Deutschland wird noch abhängiger von anderen Ländern, Lieferanten wie China werden. Brauchen wir eine neue Abhängigkeit von China?

Diese Versorgung in der chemischen Industrie muss sichergestellt werden. Aber das Problem scheint vertagt oder nicht erkannt zu werden. Es wäre sinnvoller, das Geld in die Sicherstellung der Energieversorgung der Hersteller zu stecken, damit Herstellprozesse sicher laufen können. Uns allen wäre mehr geholfen, wenn die Probleme im Kern behandelt würden und nicht deren Auswirkungen. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hat bereits 2012 in einem Brandbrief an die damalige schwarz-gelbe Regierung von Angela Merkel vor den hohen Energiekosten für die Chemieindustrie in Nordrhein-Westfalen gewarnt und richtige Entscheidungen in der Politik mit der Lebensqualität und dem Wohlstand in Deutschland verbunden.

Wenn jetzt mittelfristig speziell die klein- und mittelständigen Unternehmen gar nicht erst eine Insolvenz anmelden, sondern gleich die Türen schließen werden, weil es sich für den Unternehmer nicht mehr lohnen wird, seine Produkte zu produzieren, wenn die Preise weiterhin in die Höhe schießen, was kommt dann? Ich möchte nicht daran denken.

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