Berlin - Von einem Schock für die deutsche Wirtschaft sprachen Unternehmensverbände in den ersten Reaktionen auf die Aufkündigung des Iran-Abkommens durch die USA. Von  einem solchen Entsetzen war an den Börsen aber am Mittwoch zunächst nichts zu spüren. Der Deutsche Aktienindex (Dax) legte am Mittwochmorgen sogar leicht zu und pendelte im weiteren Handelsverlauf um seine Vortagesstände. Spürbarer zeigten sich möglichen ökonomischen Folgen beim Öl. Der  Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kletterte noch einmal zeitweise um rund drei Prozent auf knapp 77 Dollar.  Verbraucher und Firmen müssen sich darauf einstellen, dass die Energierechnungen höher ausfallen. Denn auch der Euro schwächelt, was die Rohstoffeinfuhren für hiesige Abnehmer zusätzlich verteuert. Das macht sich ebenfalls an den  Tankstellen bemerkbar, wo Autofahrer deutlich mehr zahlen müssen.  In Nordrhein-Westfalen kostete ein Liter Superbenzin im Schnitt rund 1,43 Euro, fast zehn Cent mehr als im März.

Furcht vor Drosselung der Iran-Lieferung

Ob sich das mittel- und langfristig fortsetzt, ist ungewiss. Zwar haben die USA die Abnehmerländer aufgefordert, die Käufe innerhalb von 100 Tagen zu reduzieren. Andererseits hat Washington aber auch Ausnahmeregelungen in  Aussicht gestellt. Die Furcht vor einer Drosselung der Iran-Lieferung trifft auf einen Markt, der wegen der starken Nachfrage in Folge der guten Weltkonjunktur ohnehin angespannt ist. Andererseits hat Saudi-Arabien angekündigt, seine Exporte steigern zu wollen, um Angebot und Nachfrage auszugleichen. Iran stellt innerhalb der OPEC rund zwölf Prozent der Ölproduktion. Die tägliche Förderung entspricht rund vier Prozent der weltweiten Menge, fällt also durchaus ins Gewicht. Doch zu den wichtigsten Abnehmerländern zählen neben denn EU-Staaten China, Indien und die Türkei. Experten halten es für fraglich, ob diese  Nationen  sich von den Drohungen aus den Vereinigten Staaten beeindrucken lassen.

In jedem Fall nimmt die Unsicherheit zu. Dies  gilt auch für den Handel und die Investitionen. Japan, Südkorea und die Türkei. Seit Unterzeichnung des Atomvertrages im Jahr 2015 mit dem Iran hat sich der deutsch-iranische Handel um 42 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro. Das Hauptproblem für die Wirtschaft insgesamt aber ist die Ankündigung von US-Donald Trump, alle im Iran aktiven Firmen mit Sanktionen zu belegen. Dies löse in der Wirtschaft erhebliche Sorgen um, beklagte Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Denn aufgrund der extraterritorialen Wirkung der Sanktionen drohen den Unternehmen in den USA empfindliche Strafen.“ Extraterritorial meint, dass die Vereinigten Staaten diese Strafen auch auf Geschäfte außerhalb ihres Gebiets anwenden. Auch wenn die Europäische  Union Investitionen in Teheran für rechtmäßig hält, riskieren französische, italienische oder deutsche Konzerne mit solchen Aktivitäten Sanktionen.  Dieses besonders umstrittene Vorgehen der US-Regierung führt  laut Maschinenbauerverband VDMA schon  seit geraumer Zeit zu Engpässen bei der Kreditbeschaffung:  „Das Hauptproblem im Iran-Geschäft ist und bleibt die Zurückhaltung der Banken in der Finanzierung und Abwicklung von Geschäften.“

Airbus und VW sind mit dem Iran verflochten

Einzelne Anbieter und Branchen sind besonders betroffen. So hat der Flugzeughersteller Airbus Ende 2016 einen Vertrag mit der Fluggesellschaft IranAir abgeschlossen, der die Lieferung von Flugzeugen zu einem Listenpreis von 16 Milliarden Euro vorsieht. Das deutsch-französische Unternehmen bezieht rund zehn Prozent seiner Komponenten aus den Vereinigten Staaten, so dass es unter die Sanktionsdrohungen fallen könnte. Die treffen auch den Konkurrenten Boeing. Der US-Konzern hat den Verkauf von 80 Flugzeugen mit einem Listenpreis von 14 Milliarden Euro vereinbart. VW hat gerade den Export von Autos in das Land gestartet. Der französische Konkurrent PSA Peugeot Citroen wollte bislang vor Ort produzieren und auch Renault setzt auf den iranischen Markt.

Die Europäer werden nun versuchen, die Nachteile für ihre  Firmen zu begrenzen. Ausdrücklich forderte der DIHK eine Absicherung der Unternehmen durch den Staat ein.  „Jetzt sind Bundesregierung und EU gefragt, das europäische  Iran-Geschäft zu schützen“, heißt es in einer Erklärung des Verbandes. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sagte die Bereitschaft zu, darüber nachzudenken. Allerdings könne die Prüfung geeigneter Instrumente dafür noch etwas andauern.

US-Botschafter Grenell irittiert auf Twitter

Für erhebliche Irritationen nicht nur in der deutschen Politik, sondern auch in der Wirtschaft sorgte der neue US-Botschafter in Berlin,  Richard Grenell. Dieser forderte die hiesigen Unternehmen per Twitter auf, ihre Aktivitäten im Iran „sofort“ herunterzufahren. Für solche  Äußerungen habe er kein Verständnis, sagte Dieter Kempf, Präsident des Industrieverbandes BDI. Der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, erteilte dem Neuling in Berlin  ebenfalls via Twitter einen „Rat“. Grenell solle die Politik seines Landes erklären und sich für das Gastland einsetzen, aber niemals dem Gastland sagen, was es zu tun habe, so Ischinger.