Beim Hören ist Abstandhalten leicht.
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BerlinKrimis sind selbst in schweren Zeiten gefragt, und natürlich stehen auf der Hitliste von Audible, der Hörbuch-Tochter von Amazon, Thriller von Sebastian Fitzek und Karsten Busse in den Top Ten. Doch ein neues Hörbuch, in dem der Tod eine zentrale Rolle spielt, wurde zunächst in den September verschoben. Schauspieler Hanno Koffler ist der Sprecher des Hörbuchs vom „Übergangsmanager“, der unter dem Motto „Besser stirbt man nicht“ seine Kunden ins Reich der Toten bzw. in die „Reinkarnationslotterie“ führt. Das aber passte wohl nicht zu Corona. Auch das Tonstudio in der Schumannstraße in Berlin-Mitte, das luftiger und heller als andere wirkt und in dem Koffler das komplette Buch eingelesen hatte, bleibt vorerst geschlossen.

Doch trotz solcher Einschränkungen haben die Zeiten des Zuhausebleibens der Hörbuch-Branche einen Boom beschert. Eine Umfrage von Kantar-Emnid im Auftrag von Audible ergab, dass knapp eine Million Deutsche seit Beginn der Corona-Krise sich erstmals Hörbüchern und Podcasts gewidmet haben, zwölf Millionen haben diese Medien intensiver genutzt als zuvor. Die deutsche Tochter der amerikanischen Gründung, an der anfangs noch deutsche Verlagshäuser beteiligt waren, gehört seit 2009 vollständig zu Amazon. Mit über 200.000 Hörbüchern und Podcasts bietet das Unternehmen die meisten deutschen Titel: Die Hörbuch-Sparte von Thalia umfasst 20.000 Titel, bei Bookbeat sind es 50.000.

Schon vor Corona war die Nutzung von Audio-Inhalten stark gestiegen – 2019 sei sie regelrecht explodiert, betont Oliver Daniel, seit fünf Jahren verantwortlich für die deutschsprachige Audible-Sparte. Die Zahl der Hörer habe sich im letzten Jahr fast verdoppelt – etwa acht Millionen rufen täglich Audioinhalte ab. Dass so viele Kunden gewonnen werden konnten, erklärt er damit, dass das Streamen über das Smartphone die langjährige Nutzung über CDs endgültig überholt habe. „Gerade Jüngere unter 40 sind bildschirmmüde und steigen aufs konzentrierte Hören um.“ Den Erfolg erklärt Daniel auch mit der Etablierung eines neuen Genres: der ungekürzten Lesung. Wurden zu CD-Zeiten die Werke oft zusammengefasst, um den Umfang der CD-Boxen in Grenzen zu halten, so fiel diese Beschränkung mit abrufbaren Dateiformaten weg. Audible hat dazu ein eigenes Dateiformat entwickelt. Im Netz kursieren aber Programme, um die Hörbücher in gängige Formate wie MP3 umzuwandeln.

Wie die Konkurrenten setzt Audible auf ein Abonnement-Modell. Nach dem Probemonat kann der Nutzer für knapp zehn Euro monatlich ein Hörbuch laden und es auf verschiedenen Geräten hören. Das ist nicht gerade günstig – verglichen mit dem Musik-Streamingdienst Spotify, wo man für dieselbe Summe nicht nur Millionen Songs abrufen kann, sondern auch Hörbücher und Podcasts. „Unsere Hörer nutzen uns im Schnitt fünfzehn Stunden monatlich“, so Daniel. „Die meisten Hörbücher sind länger.“ Und jeder ausgewählte Titel bleibe beim Nutzer, auch nach Kündigung des Abos. Während die enge Rundum-Kundenbindung an einen Giganten wie Amazon oft kritisch gesehen wird, verweist Oliver Daniel auf die Vorteile der Verflechtung: So lässt sich das Hören via Audible mit dem Lesen auf dem Amazon-Kindle-Reader synchronisieren.

Audible kooperiert mit 400 Verlagen. Wer sich für einen bestimmten Titel interessiert, sollte vorab recherchieren, ob er ihn nicht anderswo kostenlos abrufen kann. So sind Hits wie das Känguru-Best-Of von Marc-Uwe Kling oder die Lesung der „Berlin Babylon“-Krimis von Volker Kutscher auch bei Spotify abrufbar, Bestseller wie „Unter Leuten“ stehen in der ARD-Audiothek. Audible setzt verstärkt auf „Originals“, die nur hier zu hören sind. Auch der verschobene „Übergangsmanager“ ist eine der jährlich 100 Eigenerfindungen.

Die Podcasts aber sind im Preis inbegriffen. In dieser boomenden Sparte, in der nahezu wöchentlich neue Anbieter an den Start gehen, kooperiert Audible mit der Wochenzeitschrift Spiegel. Eine Reportage über den Bau des BER ist derzeit genauso beliebt wie ein Meditationskurs. Dagegen seien Business-Ratgeber und Science-Fiction-Titel weniger gefragt. Bei den Hörbüchern haben sich Klassiker als Corona-Favoriten entpuppt, vor allem die Harry-Potter-Reihe mit Rufus Beck. „Die Hörer folgen den Stimmen“, hat Oliver Daniel beobachtet und nennt als Beispiel Simon Jäger, der nicht nur die Fitzek-Thriller spricht, sondern in vielen Genres zu Hause ist. Hanno Koffler ist mit seinem „Übergangsmanager“ noch relativ frisch in der Sparte, hat aber als Vorleser von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ auch schon viele Auftritte bestritten. In der Corona-Zwangspause hat das Unternehmen den gebuchten Sprechern einen Teil der Honorare vorab gezahlt. Oliver Daniel verweist auf die USA: Dort gehöre Audible inzwischen zu den größten Arbeitgebern für Schauspieler überhaupt.