Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer Löcher bekam, nahte nicht nur das Ende der deutschen Teilung, des Realsozialismus und der Blockkonfrontation. Eine neue Ära der Weltwirtschaft brach an. Vormals abgeschottete Länder konvertierten zum Kapitalismus. Und daraus entstand etwas nie Dagewesenes: ein globaler Arbeitsmarkt. „Es war ein Wendepunkt der Wirtschaftsgeschichte“, so der Harvard-Ökonom Richard B. Freeman.

Noch in den Achtzigerjahren bestand die weltweite Arbeitskraftreserve aus Menschen in den Industrieländern, Teilen von Afrika und Lateinamerika. „Dann aber kollabierte die Sowjetunion, fast gleichzeitig drehte China in Richtung Marktwirtschaft, und Indien öffnete seine zuvor geschlossene Wirtschaft“, erklärt Freeman. Die Menschen zwischen Ost-Berlin und Peking betraten den Weltmarkt. Ergebnis: Der globale Pool von Arbeitskräften verdoppelte sich.

Das war nicht allein eine Folge des Mauerfalls. China etwa hatte bereits Ende der Siebziger begonnen, sich von seinem alten Produktionssystem zu lösen und marktwirtschaftliche Elemente einzuführen. Aber erst nach 1989 startete die Regierung Chinas ihre Privatisierungsprogramme und Preisreformen.

Die neue Freiheit spülte Millionen Menschen auf den Markt. Gleichzeitig brachten diese Neuankömmlinge wenig Kapital mit. „Das führte dazu, dass weltweit mehr Arbeitnehmer darum konkurrierten, mit dem vorhandenen Kapital zu arbeiten“, so Freeman. Die Folge war eine Schwächung der Verhandlungsposition der Arbeitnehmer gegenüber den Unternehmen. Mit Folgen: „Seit 30 Jahren sinkt in allen Industrieländern die Lohnquote, also der Anteil des Lohns am gesamten Einkommen“, konstatiert Engelbert Stockhammer in einer Untersuchung für die ILO, die Internationale Arbeitsorganisation der UN.

Dramatische Wandel der Einkommensverteilung

Dies bedeutet einen dramatischen Wandel in der Einkommensverteilung – in der Nachkriegszeit waren die Lohnquoten bis in die frühen 80er-Jahre stabil oder stiegen. Doch von 1980 bis 2007 fiel sie in den Industrieländern von 73,4 auf 64 Prozent, in Deutschland von 72,2 auf 61,8, in Japan von 77,2 auf 62,2, in den USA von 70 auf 64,9 Prozent. Insgesamt blieb das Lohnwachstum hinter dem Produktivitätswachstum zurück. Diese Entwicklung ist Teil eines größeren Trends zu mehr Ungleichheit, stellt die ILO fest.

Der Fall der Mauer beschleunigte eine Bewegung, die in den Neunzigern zum geflügelten Wort wurde: die Globalisierung. Dazu gehörte auch die Privatisierung. „Mit dem Ende der Sowjetunion wurde sie zu einem globalen Phänomen“, so Chris Giles von der Financial Times. Staaten verkauften ihr Eigentum in der Hoffnung auf größere Effizienz und Wachstum. Der Welthandel explodierte – in den vergangenen 30 Jahren wuchs er fast doppelt so stark wie die Weltwirtschaft. Immer mehr Waren und Dienstleistungen überqueren die Grenzen, die durchlässig geworden sind.

Das gilt auch für Finanz-Investments, für die die Deregulierung der Kapitalmärkte alle Schranken niederriss. Die weltweiten Direktinvestitionen verdoppelten sich zwischen den 80er- und 90er-Jahren und ein weiteres Mal zwischen 2000 und 2007. Betrugen die globalen Kapitalflüsse vor 1990 zehn Prozent der Weltwirtschaftsleistung, so überstiegen sie ab 1998 jedes Jahr 20 Prozent. „Finanzialisierung“ der Weltwirtschaft heißt dieser Trend, von dem die ILO sagt, dass er stärker als andere die Lohneinkommen weltweit gedrückt hat. Denn erstens „haben die Firmen immer mehr Investitionsgelegenheiten“, erklärt Stockhammer, „sie können in Finanzanlagen investieren oder in Realkapital überall auf der Welt“. Die Mobilität des Kapitals schwächt die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer, die weit weniger mobil sind. Zweitens stärkt die Finanzialisierung die Stellung der Aktionäre gegenüber den Arbeitnehmern. „Die finanzielle Globalisierung führt daher zu einer Absenkung des Anteils der Löhne an der Wirtschaftsleistung“, stellte die ILO bereits 2008 fest.

Fallende Grenzen und der freie Kapitalfluss ermöglichten es vor allem großen Unternehmen, ihre Fertigungsprozesse in Einzelteile zu zerlegen und maximal von den Vorteilen einzelner Standorte zu profitieren. „Zeitgleich mit dem riesigen Angebotsschock auf den Arbeitsmärkten entstanden weltumspannende Produktionsketten, die Industrie verlagerte sich schrittweise vom Westen in den Osten“, beschreibt die Bank of America die neuen Maßstäbe der Wettbewerbsfähigkeit.