Der Weg nach Gottesberg führt durch verwunschenes Land. Von der A 72 geht es hinauf durch die „Große Kreisstadt Auerbach“, man lässt das Städtchen Schöneck rechter Hand hinter sich, durchquert den Ort Jägersgrün, passiert Abzweige nach Schneckenstein, Thierteich und Grünheide, bevor die Bundesstraße 283 Tannenbergsthal erreicht. Zwischen bergigen Hügeln, dicht bedeckt mit Nadelgehölz, stehen Häuser in übersichtlicher Zahl. Die meisten tragen Schieferdächer.

Das ist so Tradition im Vogtland, und die gilt etwas im äußersten südwestlichen Zipfel Sachsens. In der Bäckerei Schürer zieht man ausschließlich Brote aus Natursauerteig aus dem Ofen; die Fleischerei Dieter Stab hat vor allem regionale Erzeugnisse in der Auslage. Es gibt überdies das Sporthaus Albert, spezialisiert auf Wander- und Wintersportbedarf, den Friseursalon Birgit sowie die Bruzelstub mit „original Thüringer Rostern“. Gegenüber dem Gasthaus „Zur Tanne“ thront, an steilem Hang, seit 1910 die Martin-Luther-Kirche, ein trutziger Bau aus Granit. Es scheint nur ein Frage der Zeit, wann Hänsel und Gretel um die Ecke biegen.

Zinn im Wert von zwei Milliarden Euro

Nichts deutet darauf hin, dass unter der Oberfläche der naturgeschützten Lande Reichtümer verborgen liegen, die jeden Märchenschatz in den Schatten stellen. In Gottesberg, nur ein paar Meter weiter den Hügel hinauf, ist die Deutsche Rohstoff AG vor einigen Monaten bei Probebohrungen auf eines der weltweit größten Zinnvorkommen gestoßen. In bis zu 1000 Metern Tiefe liegen auf einer Fläche von 1,6 Quadratkilometern mindestens 115.000 Tonnen des Metalls verborgen. Nach derzeitigem Weltmarktpreis entspräche das einem Wert von fast zwei Milliarden Euro. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird die Gemeinde Muldenhammer mit den Ortsteilen Gottesberg, Tannenbergsthal, Hammerbrücke, Morgenröthe-Rautenkranz und Schneckenstein in wenigen Jahren zu den wichtigsten Bergbaustandorten Mitteleuropas zählen.

Die Rahmenbedingungen sind günstig. So hat sich der Zinnpreis an den internationalen Rohstoffmärkten seit 2002 vervierfacht und liegt derzeit bei 16.000 Euro pro Tonne. Vor allem die stark gewachsene Nachfrage aus China treibt den Preis. Die Verwendung des Metalls erschöpft sich schließlich nicht in der Produktion ästhetisch zweifelhafter Trinkgefäße oder Spielzeugsoldaten. In der Elektroindustrie ist Zinn als Lötmetall unersetzlich. Massenhaft verwendet wird es auch für Innenbeschichtungen von Getränkedosen und Lebensmittelverpackungen, weil Zinn völlig ungiftig ist. Rohstoff-AG-Finanzvorstand Thomas Gutschlag spricht von einem „grünen Metall“.

Viele große Vorkommen sind erschöpft

Mittlerweile sind viele große Vorkommen, so in Indonesien und China, erschöpft. Andere gehen bald zur Neige. „Die besten Lagerstätten mit Zinngehalten von einem bis zwei Prozent im Gestein sind ausgebeutet. Dadurch rücken Vorkommen wie bei Gottesberg, mit einem mittleren Gehalt von 0,27 Prozent, in die erste Liga auf“, sagt Jörg Reichert, Chefgeologe der Rohstoff AG. Zugute kam der 2006 gegründeten Aktiengesellschaft mit Sitz in Heidelberg, dass sie auf Vorarbeiten aus DDR-Zeiten zurückgreifen konnte.

Für den Arbeiter- und Bauernstaat war die Ausbeutung heimischer Rohstoffe essenziell, denn Devisen zum Ankauf an den Weltmärkten waren knapp. Also durchlöcherte man den Untergrund auf der Suche nach Verwertbarem gründlich. Besonders im Erzgebirge und im westlich angrenzenden Vogtland wurden in beachtlicher Bandbreite industriell verwertbare Rohstoffe entdeckt. Viele Vorkommen blieben unangetastet, weil zunächst noch andere Bergwerke zur Verfügung standen. Gottesberg sollte von Mitte der 90er Jahre an die auslaufende Zinnförderung bei Altenberg ersetzen. Nach der Vereinigung 1990 waren die Pläne Makulatur – sämtliche Bergbauaktivitäten wurden eingestellt.

„Es ging uns zunächst darum, die alten Befunde zu bestätigen, und das ist in vollem Umfang gelungen“, sagt Rohstoff-AG-Vorstand Gutschlag. Auf gleiche Weise hat das Unternehmen ein weiteres Zinnlager im sächsischen Geyer durch Probebohrungen bestätigen können, wobei dort neben 44.000 Tonnen Zinn auch 450 Tonnen Indium der Ausbeutung harren. Trotz der vergleichsweise geringen Menge ist das Indium ein bemerkenswerter „Beifang“: Die bekannte Weltreserven umfassen nur 11.000 Tonnen, der Kilopreis schwankt seit längerem zwischen 550 und 800 Euro.

Der Boom im deutschen Bergbau hat freilich nur zum Teil mit den umfangreichen Vorarbeiten der DDR-Geologen zu tun. Zum anderen ist er einem „Schweinezyklus“ mit besonders langer Laufzeit geschuldet, wie Volker Steinbach, Abteilungsleiter Rohstoffe der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, erläutert: Nachdem der Club of Rome 1972 das nahende Ende der irdischen Rohstoffreserven prognostizierte, seien überall auf der Welt neue Vorkommen gesucht und erschlossen worden: „In der Folge war die Rohstoffsituation auf dem Weltmarkt während der 80er Jahre insgesamt entspannt.“

Wichtige Stoffe für High-Tech-Industrien

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion weitete Russland in Ermanglung konkurrenzfähiger Industriegüter seine Rohstoffausfuhren deutlich aus. Die Angebotsmengen blieben hoch, die Preise niedrig – und Erkundungen neuer Vorkommen auf der Strecke. Als nach der Jahrtausendwende der Rohstoffverbrauch Chinas und anderer Schwellenländer stark zunahm, explodierten die Preise.

Allein im Sächsischen Oberbergamt Freiberg, das Bohr- und Abbaugenehmigungen erteilt, liegen derzeit 28 bewilligte Bergbaurechte für Unternehmen aus aller Welt vor, die unter anderem nach Kobalt, Lithium, Wolfram, Molybdän oder Tantal fahnden. Nahe Spremberg südlich von Cottbus wird ein Millionen Tonnen schweres Kupfererz-Vorkommen erkundet; in Niederschlag im Erzgebirge baut man schon bald wertvolle Fels- und Schwerspate ab; bei Kieferberg wird nach Nickel, Chrom und Vanadium gebohrt, in der Region Passau gibt es ein reiches Grafitlager.

Vielversprechend ist zudem ein Projekt der Rohstoff-AG-Tochter Seltenerden Storkwitz AG im nordsächsischen Delitzsch nahe Leipzig. Dort schlummern, ebenfalls vorerkundet von den DDR-Geologen, rund 38 000 Tonnen Seltener Erden im Boden, zum Beispiel Lanthan, Cer, Neodym, Europium, Yttrium und allein 8000 Tonnen Niob. Diese Stoffe sind für Hightech-Industrien unerlässlich. Sie kommen in Computern und Fachbildschirmen zum Einsatz, in der Raumfahrt und der Nuklearmedizin, in der Keramik- und Glasindustrie, beim Aufspalten von Erdöl und zur Härtung von Metallen. Bisher besitzt China für Seltene Erden mit einem Weltmarktanteil von 97 Prozent faktisch ein Monopol. Das südsächsische Lager könnte die Abhängigkeit von Fernost deutlich senken.

Deutschland sei ohnehin reich an Rohstoffen, sagt Steinbach: „Sande, Kiese und Tone decken zu 100 Prozent den heimischen Bedarf. In der Braunkohleförderung liegen wir mit 170 Millionen Tonnen pro Jahr weltweit an der Spitze. Deutschland ist mit drei Millionen Tonnen viertgrößter Förderer von Kalisalz, dazu kommen zehn Millionen Tonnen Steinsalz. Heimische Lagerstätten decken 14 Prozent unseres Erdgasbedarfs und 2,5 Prozent des Erdölverbrauchs.“

Bis der Abbau in Gottesberg beginnen kann, werden Investitionen von fast 100 Millionen Euro in das Projekt geflossen sein. Dann aber wird, in fünf bis acht Jahren, nicht allein Zinn, sondern auch Arsen, Gold und Kupfer, Molybdän, Schwefel und Silber, Wismut, Wolfram und Zink als Beifang abgebaut werden können. Geologe Reichert spricht von einem „absoluten Weltklasselager“.

Niedrige Arbeitslosenquote

Wie es sich anfühlt, auf einem solchen zu sitzen? Jürgen Mann faltet die Hände vor einem Bäuchlein, das im Alter von 59 Jahren keine Schande ist, und zeigt ein tiefenentspanntes Lächeln. Der hauptamtliche Bürgermeister der Gemeinde Muldenhammer, die 2009 durch den Zusammenschluss winziger Gebietskörperschaften wie Gottesberg entstand, ist sich im Klaren, dass den 3500 Bewohnern seiner Kommune der Milliardenschatz im Untergrund unmittelbar nichts nutzt. Die Rohstoffe gehören dem Staat. Die Abbau-Lizenzgebühren von zehn Prozent des Rohstoffwertes kommen dem Landeshaushalt zugute, nicht der Gemeinde.

Jürgen Mann weiß aber auch: „Ohne uns geht nichts.“ Wege, Abraumflächen, Anschlüsse an Strom und Kanalisation für das Bergwerk hängen schließlich von der Zustimmung der Gemeinde Muldenhammer ab. Natürlich, 300 gut dotierte Arbeitsplätze in der Zinngewinnung und mittelbar noch einmal so viele für das örtliche Handwerk und im Einzelhandel, die wären schon schön. Aber angesichts einer Arbeitslosenquote von unter fünf Prozent und gesunder Kommunalfinanzen in Muldenhammer weiß Mann sich in guter Verhandlungsposition: „Wir lassen uns nicht über den Tisch ziehen.“

Einen guten Überblick der Rohstoffvorkommen zwischen Berchtesgaden und Flensburg liefert Christoph Seidler in seinem Buch „Deutschlands verborgene Rohstoffe“. Er berichtet von der Rohstoffbörse in London, von Goldwäschern am Rhein, Ölsuchern in Bayern und dem Bergbau im Südosten der Republik. 230 Seiten, Hanser-Verlag.