Pia Fischer mit einem ihrer tragbaren Kunstwerke: einem Kleid aus Etiketten.
Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinElisabeth Prantner trägt ihre Kleidung buchstäblich, bis sie ihr vom Leibe fällt. Bevor es so weit kommt, greift die Modedesignerin aber rechtzeitig zu Nadel und Faden. Am Ende sind ihre Hosen, Oberteile oder Mäntel fast wieder wie neu oder sogar noch schöner als vorher. Neben ihren eigenen Sachen hat sie im vergangenen Jahr knapp 2000 weitere Teile in ihrem Schöneberger Veränderungsatelier „Bis es mir vom Leibe fällt“ vor der Mülltonne bewahrt.

Sparsamkeit kennt die 63-Jährige von früher. Einst trug sie die „guten Sachen“ ihrer Tante auf – natürlich kreativ aufgepeppt. Was aus der Not geboren war, wurde zur Berufung. Anfang der 80er-Jahre ging Elisabeth Prantner, gebürtige Österreicherin und gelernte Kunsterzieherin, nach New York und gründete ihr Modelabel Lisa D. Danach zog sie nach Berlin, zu jener Zeit ein Hotspot für junge Designer. Schon damals hatte sie ein Faible für umweltfreundliche Stoffe und Recycling. Heute ist für sie Nachhaltigkeit ein Muss. Sie sagt: „Jedes neu produzierte Kleidungsstück hat, bevor es über den Ladentisch geht, im Schnitt schon 60.000 Kilometer zurückgelegt.“ Auch bei vielen Konsumenten finde ein Umdenken statt.

Flicken zeigen, wer zur nachhaltigen Avantgarde gehört

„Während Flicken einst ein Zeichen von Armut waren, zeigten sie heute: Ich gehöre zur nachhaltigen Avantgarde“, glaubt die Modemacherin. Statt nur Löcher zu stopfen, will sie alte Stücke in neue Gewänder verwandeln. Altkleider stecken für sie voller Erinnerungen. Manchmal gehe es um Biografiearbeit oder Vergangenheitsbewältigung. So habe sich eine Frau aus den Jeans ihres verstorbenen Mannes ein Kleid nähen lassen. Den Ideen der Kundschaft seien kaum Grenzen gesetzt. Allerdings habe das kreative Upcycling von „Schrankleichen“ in originelle Unikate seinen Preis.

„Bis es mir vom Leibe fällt“ bietet deshalb auch eine offene Werkstatt, in der Interessierte ihre Lieblingsstücke umzuarbeiten lernen. Die Veränderungsschneiderei wurde schon mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundespreis Ecodesign 2012, dem Green Buddy Award der Stadt Berlin 2017, 2018 mit der Spitzen Nadel von Inkota und mit dem 1. Platz des Re-Use Wettbewerbs der Berliner Senatsumweltverwaltung. Letztere engagiert Prantner inzwischen regelmäßig als Expertin für Nachhaltigkeit für das Projekt „Retourenvermeidung“ im Rahmen der Re-Use Initiative. Ziel ist es, die Flut der Rücksendungen im Onlinehandel einzudämmen.

In diesem Rahmen fanden in der Tchibo-Filiale am Alexanderplatz „Aktionstage zur Wiederverwendung von Textilien“ statt. Kunden konnten ihre Fehlkäufe gegen andere Retouren tauschen. Elisabeth Prantner und die Näherinnen ihres Veränderungsateliers halfen beim Aufpeppen der Altkleider.

Anspruchsvollere Näharbeiten können bei einem Workshop im neuen Re-Use Store für Gebrauchtwaren umgesetzt werden. Das „B-Wa(h)renhaus“ in der 3. Etage von Karstadt am Hermannplatz gehört zu den Vorzeigeprojekten der Initiative Re-Use der Berliner Senatsumweltverwaltung, die schon das dritte Jahr in Sachen Recycling und Wiederverwendung von Ressourcen gemeinsam mit Partnern wie der Stadtmission und der BSR aktiv ist.

Auf über 600 Quadratmetern inmitten des Traditionskaufhauses finden Besucher ein halbes Jahr lang Gebrauchtwaren, darunter Secondhand-Textilien. Geplant sind außerdem regelmäßige Workshops und Vorträge. Weitere „Gebrauchtwarenhäuser“ sollen in Berlin entstehen.

Unter dem Motto „zero waste“ hat die Re-Use-Initiative zahlreiche Projekte und Aktionen angestoßen: Markt- und Sammeltage oder Ideenwettbewerbe. Am 24. September wird es einen Online-Fachdialog zum Thema „Retourenrettung von Textilien“ geben. Alles im Dienste der Ressourcenschonung.

Aus alt mach neu: Elisabeth Prantner in ihrem Atelier in Schöneberg
Berliner Zeitung/Markus Wächter

Auch andere Modemacher setzen sich für eine Textilindustrie der Zukunft ein, in der an die Umwelt gedacht und mit neuen und nachhaltigen Materialien experimentiert wird. Dazu zählen Stoffe aus Orangenschalen, Brennnesseln und Pilzen oder Leder aus Ananas.

Stefanie Schlagenhauf von „Verstrickt in Berlin“ fühlt sich eigentlich ganz und gar nicht als Weltverbesserin. Aus reiner Experimentierfreude begann die Modedesignerin, ausrangierte Bettlaken, Blusen und Hosen in Streifen zu schneiden und daraus modische Schuhe, Taschen und Sitzkissen zu stricken. Inzwischen hat sich ihr Schlafzimmer in Friedrichshain – sie arbeitet am liebsten im Bett – in ein halbes Warenlager verwandelt. In den Regalen stapeln sich ihre Kreationen in allen Ausführungen und Farben. Sie kann es selbst kaum fassen, was für tolle Dinge sich aus Materialien, die andere bedenkenlos wegwerfen, herstellen lassen – und das alles nur mit ihrer Hände Arbeit. Aufwendige technische Hilfsmittel braucht sie nicht.

Auch Materialkosten hat die aus Schwaben zugezogene, studierte Grafikdesignerin im Prinzip nicht. Freunde schenken ihr Stoffreste, und sie selbst besitzt noch jede Menge Textilien, die sie einst auf Modemessen gekauft hat. Nur mit Stricknadeln und Schere entdeckt sie nun materialtechnisch und gestalterisch Neuland. Mit ihrer nachhaltigen und rohstoffarmen Handarbeit liegt sie voll im Trend.

Ein gutes Gespür für Moden hatte die studierte Grafikdesignerin schon immer. Fast zwei Jahrzehnte lang produzierte sie sogenannte Trendbücher. Mit fast wissenschaftlichem Blick beobachtete sie dafür den internationalen Markt. Sie entwarf und zeichnete neue Modelle und Muster, von denen viele später in der Branche Erfolge feierten. Zu ihren Kunden zählten große Häuser wie Armani, H&M, Zara und C&A. Wohin die jetzige Reise geht, weiß sie noch nicht. Erst einmal verstrickt sie weiter alles, was ihr in die Finger kommt. Kürzlich wurde sogar ein Strickbild von ihr auf einer Auktion verkauft.

Versiert im Verwerten von Resten

Auch Pia Fischer ist versiert im Verwerten von Resten und getrieben von der Idee, „dem Objekt, etwa einem T-Shirt, mit Überbleibseln wie alten Krawatten oder einem übriggebliebenem Handschuh neues Leben einzuhauchen“. Die Textilkünstlerin, die in Luzern Haute Couture lernte und regelmäßig den Gala-Abend der Textile Art Berlin organisiert, macht aus Textilabfällen wie Etiketten oder Reißverschlüssen Kunst. Ihre Hochzeitsoutfits suchen in der Modewelt ihresgleichen, wie das Brautkleid aus gebrauchten Krawatten und neuen Damenslips. Pia Fischer ist mit ihren tragbaren Kunstwerken aus Recyclingmaterialien, an denen sie bis zu einem halben Jahr näht, auf Modeevents im In- und Ausland präsent: auf der World of WearableArt in Neuseeland, der Berliner Zeughausmesse und sogar im Deutschen Historischen Museum. Und natürlich in ihrem Laden für „Art Couture & Unikat Design“ in der Eisenacher Straße in Schöneberg.

Einen vielversprechenden zukunftsweisenden Ansatz, der langfristig die Modewelt revolutionieren könnte, hat Ina Budde von circular.fashion entwickelt, einem mit dem hochdotierten Nachhaltigkeitspreis Global Change Award ausgezeichneten Start-up-Unternehmen. Ein verantwortungsvoller Umgang mit textilen Rohstoffen sei dringend notwendig: „25 Prozent aller Insektizide weltweit werden für die Baumwollproduktion eingesetzt“, sagt sie. Mit 1,2 Milliarden Tonnen jährlich verursache die Modebranche weltweit mehr CO2-Ausstoß als der internationale Flug- und Schiffsverkehr zusammen.

Jedes Jahr werden 100 Milliarden Kleidungsstücke produziert

Doch um wirklich etwas zu ändern, hält die Modedesignerin und Unternehmerin eine komplett neue Art des Wirtschaftens für nötig: die Kreislaufwirtschaft. Diese würde es ermöglichen, dass aus den Produkten von heute die Rohstoffe von morgen werden. Doch noch wird von den 100 Milliarden Kleidungsstücken, die weltweit jährlich produziert werden, weniger als ein Prozent recycelt. Was hält die Industrie auf? Es sei die fehlende Transparenz für alle Beteiligten, glaubt Ina Budde: für Kunden, Produzenten und Recyclingunternehmen.

Das brachte sie auf die Idee, die Circularity.ID zu entwickeln, ein scanbares Label, auf dem transparent alle für das Recycling relevanten Materialinformationen eines Produktes gespeichert und diese Kunden, Sortierbetrieben und Recyclern bereitgestellt werden. Zudem hat das Unternehmen eine Design-Software entwickelt, die es mithilfe einer Materialdatenbank und von Design Guidelines der Industrie leicht macht, kreislauffähige Kleider herzustellen und eigene Rohmaterialen zurückzugewinnen. Ina Budde hofft damit, schon innerhalb der nächsten zehn Jahre die Quote auf 25 Prozent erhöhen und langfristig Modeprodukte sogar vollständig recyceln zu können. Bei den Unternehmen rennt sie offene Türen ein.

Hinweis an Konsumenten: „Bewusster und minimalistischer einkaufen“

Übrigens könnten auch Kunden mithelfen, die Modewelt nachhaltiger zu gestalten, findet die 31-Jährige, deren apricotfarbenes Oberteil aus Bio-Baumwolle ist, das Schuhwerk aus recycelten Fischernetzen. Nötig sei, sagt Ina Budde: „Bewusster und minimalistischer einkaufen. Sich fragen: Was brauche ich wirklich? Auf Langlebigkeit achten.“ Anbieter wie Green Fashion Tours informierten außerdem darüber, wo man nachhaltige Mode kaufen kann.

Warum nicht bei einem Bummel in der Modemetropole Paris? Wo bislang Verschwendung angesagt war, gibt man sich inzwischen ökologisch. 2019 präsentierte die exklusive französische Warenhauskette Printemps eine Frühlingskollektion der besonderen Art: Die Schaufenster des Jugendstilgebäudes am Pariser Boulevard Haussmann lockten Freunde der Haute Couture mit fairen Produkten, Jeans, bei deren Herstellung Wasser gespart wurde, oder schicken Teilen aus recycelten Materialien.

Die Schaufensterpuppen rekelten sich auf Altkleidersäcken, Altpapierstapeln oder gepresstem Plastikmüll. Die Kunden durften beim Shoppen gleich ihre ausrangierte Garderobe für einen guten Zweck spenden. Pariser Chic wird umweltfreundlich. Marketingspezialisten sprechen lieber von „nachhaltigem Luxus“. Das klingt eleganter. Ob es mit dem neuen ökologischen Bewusstsein wirklich so weit her ist und die Akteure allesamt Idealisten sind, die an eine bessere Welt glauben, bleibt dahingestellt. Ina Budde weiß, warum sich auch einige der größten Umweltsünder der Modeindustrie plötzlich für Nachhaltigkeit interessieren: „Die EU drängt auf höhere Recycling-Quoten. Textilien müssen ab 2025 getrennt gesammelt werden.“