Ist es möglich, dass Menschen auf wachsenden Wohlstand verzichten?
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BerlinEin Neuer Mensch ist gefragt. Wieder einmal. Er wird gebraucht, um die alte Welt zu überwinden, die wachstumsfixiert und krisenanfällig ist, einen zerstörerischen Klimawandel erzeugt, Ungerechtigkeit verschärft, Menschen krank macht – kurz: die Lebensgrundlagen zerstört. Wer sonst als ein Neuer Mensch voller Einsicht in die Notwendigkeit sollte in der Lage sein, in aller Freiheit eine Welt jenseits von Wachstum und Naturausbeutung zu errichten?

Die Bewegung für eine Postwachstumsgesellschaft formiert sich vor allem im jungen Akademikermilieu. Und sie trifft einen Punkt: Die Hochkonsumgesellschaft treibt die Welt in schwerste Konflikte. Man fragt sich: Wie kommen wir da raus?

Zwei Vertreterinnen und ein Vertreter der Bewegung für eine Postwachstumsgesellschaft trafen am Donnerstagabend im Rohnstock Erzählsalon im Prenzlauer Berg auf drei Vertreter einer Generation, die sich erstens mit der Suche nach dem Neuen Menschen auskennt und zweitens reichlich Transformationserfahrung hat.

Zwei Welten begegnen sich

Die Akteure aus Zeiten der sozialistischen Planwirtschaft in der DDR stellen sich seit Jahren die Frage, was sie falsch gemacht haben, obwohl die Ideen doch gut und viele Instrumente sinnvoll waren. Und sie hoffen: Die Nächsten fechten es besser aus. Wenn man dazu beitragen kann, tut man es gerne.  

Diese Konstellation erwies sich als günstig für das Treffen zweier Milieus, die einander sonst nicht begegnen, wie Gastgeberin Katrin Rohnstock bei der Eröffnung der Runde sagte. Der vollständige Titel der Veranstaltung: "Postwachstum und Postsozialismus - Was können wir für die sozial-ökologische Transformation von der postsozialistischen  Transformation lernen".  

Neugier und Interesse aneinander waren dann groß. Jana Gebauer, 1971 in Stralsund geborene freie Unternehmensforscherin, richtete an die transformationserprobten Postsozialisten die Frage, um die es ging: Was ist zu lernen aus dem Wandel in Ostdeutschland und Osteuropa? Gerrit von Jorck, 1986 in Kleve geborener Ökonom und Philosoph, ergänzte: Welche alternativen Bewegungen und Ansätze gab es in der Wendezeit? Warum setzte sich stattdessen die neoliberale Variante durch?

Der alte Neue Mensch

Eckhard Netzmann, Jahrgang 1938, Generaldirektor des VEB Schwermaschinenbaukombinat Magdeburg (SKET), erinnerte sich an den Neuen Menschen, wie er in der 1950er-Jahren gedacht war: gebildet, sich des  Sinns seiner Arbeit bewusst, Kumpel, erfüllt von demokratisch-humanistischem Denken.

Vor allem lag dem Wirtschaftsmann die Botschaft am Herzen: Ohne Staat, ohne gesamtgesellschaftliche Planung kommt auch eine neue Gesellschaft nicht aus. Die Arbeitsproduktivität darf nach seiner Ansicht auch in der Postwachstumsgesellschaft wachsen; die Frage sei, wie man das Erwirtschaftete verwendet und verteilt.  

Uwe Trostel, 1943 geboren, in der DDR u.a. in der Staatlichen Plankommission für Investitionen zuständig, Mitglied der Modrow-Regierung und der Treuhandanstalt, berichtete von seinen Beobachtungen aus der Transformationszeit in Russland: Ein großer Umbau brauche eine Kraft, die den Prozess organisiere – auf das Gemeinwohl orientiert und mit den Massen. Wieder: Staat und Planwirtschaft.

Volkseigentum funktioniert

Nach seiner Überzeugung haben die Kombinate in der DDR bewiesen, dass Volkseigentum funktioniert. Nicht der Profit, sondern das gesellschaftliche Bedürfnis müsse im Vordergrund stehen. Infrastruktur, Gesundheitswesen, soziale Betreuung müssten profitfrei sein.

Der Sachse Alexander Schmejkal, geboren 1943, Ingenieur und ab 1972 Vize-Bürgermeister von Prenzlauer Berg, stellt sich die unausweichliche Transformation als permanente Bewegung vor. Wachstum werde es weiter geben, im Falle der Arbeitsproduktivität sieht er kolossale Zunahmen voraus, wenn sich Digitalisierung, Vollautomatisierung und Künstliche Intelligenz durchsetzen.

Aber: „Was wird aus den Millionen freiwerdenden Arbeitskräften?“ Generell brauche es ein differenziertes Wachstum: im Süden um der Gerechtigkeit willen stärker, auch in der heimischen Abfall- und Kreislaufwirtschaft. In der Gesamtschau ist er überzeugt: „Der Mensch wird nur mit Negativwachstum überleben.“

Wie soll man mit Verzicht überzeugen?

Doch wie soll das gehen, dass Menschen auf wachsenden Wohlstand verzichten oder gar den erreichten reduzieren? Hat nicht gerade die Transformation in der DDR bewiesen, dass Konsumhunger alle ökologisch-alternativen Ansätze über den Haufen wirft?

Gerrit von Jorck antwortet mit wärmenden Worten: Man brauche ein neues Narrativ von sozial-ökologischer Lebensweise. Man könne die Bevölkerung ja mit der Idee von Zeitwohlstand locken. Jana Gebauer sieht Möglichkeiten, die Mehrheit zu erreichen, indem man die Frage „Was ist gutes Leben“ umfassend diskutiert, also im Sinne sozialer Gerechtigkeit, gesellschaftlicher Teilhabe, auskömmlichem Einkommen …

Skeptisch blieben die jungen Leute gegenüber Staat und Planwirtschaft. Natürlich müsse man „Gegenmacht“ bündeln, aber man diskutiere die Frage anders, eher anarchistisch, meinte Jana Gebauer. Gerrit von Jorck sprach von „Reserviertheit gegenüber dem Top-down-Ansatz“.

Irgendwie emanzipatorisch-demokratisch

Schließlich verliefen sich die sympathischen Utopien der Postsozialisten wie der Postwachstumsfreunde in Ratlosigkeit. Sagte Alexander Schmejkal, die Menschen müssten den Sinn des Wandels begreifen, und zwar global, und das werde ein langer evolutionärer Prozess sein. Reagierte Jana Gebauer: „Bis die Mehrheit soweit ist, wird es zu spät sein!“ Der Klimawandel! „Irgendwie muss es einen emanzipatorisch-demokratischen Weg geben!“Irgendwie.

Konkrete Beobachtungen trug Lilian Pungas bei, 1987 in Tallinn geboren, die Jüngste der Runde. Estland stand in der Transformationszeit im Ruf des eifrigsten Neoliberalismus. So sei das im Falle der ethnischen Esten gewesen, sagt Pungas. Die russischen Babuschkas hingegen pflegten in ihren Gärten ihr Erfahrungswissen, bauten wertschätzend gesundes Gemüse an, entfremdeten sich nicht von den Lebensmitteln, lebten in der  Gemeinschaft. „Das ist weder altmodisch noch überholt“, findet die junge Frau, sondern sei „ein wirklich gutes Leben“. Das wird vor allem bei jungen Stadtbewohnern Anklang finden.