Bochum/Berlin - Die hohe Inflation wird nach Einschätzung von Deutschlands größtem Immobilienunternehmen Vonovia bei einem anhaltenden Trend auch auf die Mieten durchschlagen. „Wenn die Inflation dauerhaft bei vier Prozent liegt, müssen auch die Mieten künftig jährlich dementsprechend ansteigen“, sagte Vorstandschef Rolf Buch im Interview des „Handelsblatts“ (Mittwoch). Sonst würden viele Vermieter in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. In Berlin hat es an Buchs Aussagen von verschiedener Seite deutliche Kritik gegeben.

„Wir können nicht so tun, als wenn die Inflation an den Mieten vorbeigeht. Das wird nicht klappen“, sagte Buch. Viele Bankmanager sagten ihm, dass sie davon ausgingen, „dass wir auf Dauer mit einer höheren Teuerung als in den letzten Jahren in Deutschland leben werden müssen“. Ein Geschäftsmodell, bei dem der Umsatz stabil bleibe und die Kosten mit der Inflation stiegen, sei daher endlich.

Der Berliner Mieterverein kritisierte Vonovia: „Für eine 1:1-Übersetzung der Inflationsrate in Mieterhöhungen gibt es weder einen wirtschaftlichen Grund noch eine mietrechtliche Zulässigkeit in der weit überwiegenden Zahl der Mietverhältnisse“, erklärte Mietervereins-Geschäftsführer Reiner Wild. „Wenn Butter gegenüber dem Vorjahr um 27 Prozent im Preis gestiegen ist, werden die Gewerkschaften auch keine 27-prozentige Lohnerhöhung fordern.“

„Wenn Vermieter nun eine Mieterhöhungswelle lostreten, dann wird dies die Inflation weiter anheizen, mit hohen gesamtwirtschaftlichen Risiken.“ Für das die Aussagen von Vonovia habe er kein Verständnis.

Buch hatte sich zu dem Thema in dem Interview auf die Frage „Worauf müssen sich die Mieter der 500 000 Wohnungen von Vonovia einstellen?“ geantwortet. Eine Vonovia-Sprecherin betonte aber, dass es bei den Äußerungen um die wirtschaftliche Entwicklung gehe und nicht um eine konkrete Ankündigung. „Wir sprechen hier über wirtschaftliche Zusammenhänge auf dem Wohnungsmarkt“, unterstrich die Sprecherin. Stark gestiegene Baupreise etwa würden sich insbesondere im Neubau bemerkbar machen. Die Neuvermietungen gingen in die Mietspiegel ein.

„Wir sind in einem stark regulierten Markt unterwegs und das gilt auch weiterhin“, sagte die Vonovia-Sprecherin. Das Unternehmen halte sich auch weiter an die Zusage für den eigenen Wohnungsbestand in Berlin, dass Mieten für die nächsten drei Jahre im Durchschnitt nicht mehr als 1 Prozent stiegen und danach nicht mehr als die Inflation. Zudem könnten bei Härtefällen gemeinsame Lösungen gefunden werden.

Auch der mietenpolitische Sprecher der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Niklas Schenker, kritisierte den Konzern: „Die Ankündigung von massiven Mietsteigerungen bei der Vonovia ist ein Schlag ins Gesicht der Mieterinnen und Mieter, die ohnehin schon unter den steigenden Mieten und Energiekosten leiden“, sagte er.

Schenker wies darauf hin, dass Vonovia für Berlin angekündigt, hatte, ihre Mieten durchschnittlich nur um ein Prozent jährlich zu erhöhen. Allerdings habe es schon zu Beginn des Jahres Fälle von Mieterhöhungen von bis zu zehn Prozent gegeben. Das Verhalten des Unternehmens verstärke die Zweifel an der Wirksamkeit von freiwilligen Selbstverpflichtungen, wie sie aktuell im Bündnis für Neubau und bezahlbares Wohnen in Berlin diskutiert werden. „An der Vergesellschaftung der großen privaten Wohnungsunternehmen führt kein Weg vorbei“, sagte Schenker.

Die Landesvorsitzenden der Grünen, Susanne Mertens und Philmon Ghirmai, teilten mit, Vonovia habe in den vergangenen beiden Jahren hohe Milliardengewinne erwirtschaftet. „Die Inflation wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Strohmann-Argument.“

Vonovia ist Deutschlands größter Wohnungskonzern. Bei der Vorstellung der Jahresbilanz 2021 hatte der Vonovia-Vorstand Mitte März berichtet, dass sich die Miete im Durchschnitt auf 7,33 Euro pro Quadratmeter erhöhte - das waren 2,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Zum Zuwachs trugen den Angaben zufolge vor allem modernisierte Wohnungen bei. Die Kosten für energetische Sanierungen wie etwa Wärmedämmung sowie Austausch alter Heizungsanlagen und Fenster können die Konzerne teilweise auf die Miete umlegen.