Peer Steinbrück muss sich hinter Currywurst und Käsesalat einreihen, dafür ist bei Angela Merkel das Rednerpult erst einmal so hoch eingestellt, dass sie fast dahinter verschwindet. Es geht also außerordentlich gerecht zu, wenn der Bundesverband der Industrie (BDI) zu seiner Jahrestagung Politiker einlädt, um sich auf den Bundestagswahlkampf einzustimmen.

„Irgendwie weiter so!“ ruft dann auch Merkel den mehreren hundert Unternehmensvertretern im Berliner Tempodrom zu. Es ist der Schluss ihrer Rede, die Kanzlerin hat sich irgendwie ein bisschen verhaspelt, gerade hatte sie ja die Unternehmen gemahnt, dass es eben nicht so weitergehen kann mit Vollzeitjobs zu Hungerlöhnen. Und dass die, die für die Finanzkrise verantwortlich seien, auch dafür zahlen müssten. Das sind nicht die klassischen BDI-Jubel-Themen.

Warnung vor Wahlgeschenken

Verbandschef Ulrich Grillo sitzt in der ersten Reihe. Das Nein zum Mindestlohn und zu Eingriffen in Managergehälter wird gleich einer der ersten Punkte in seiner Rede sein. Ein Horrorland ist das Deutschland Grillos schon ohne Lohngrenzen unten und oben: Deutschland sei als einziges Land Europas industriefeindlich ausgerichtet, mit hohen Strompreisen, Steuererhöhungen, zu viel Bürokratie, zu vielen Eingriffen in die Unternehmensführung. Die Strafe ist bereits erfolgt, im biblischen Sinne sogar: Das Hochwasser in Deutschland sei „der Preis für die Industriefeindlichkeit“, sagt Grillo. Auf den Schrecken gibt es erstmal eine Pause mit Currywurst.

Peer Steinbrück muss die Pause abwarten, schön säuberlich hat der BDI die Redner voneinander getrennt: Die Regierungsvertreter am Vormittag, SPD und Grüne am Nachmittag. Die Linkspartei ist gleich gar nicht geladen, dafür darf am Vormittag neben FDP-Chef Philipp Rösler auch noch CSU-Chef Horst Seehofer ran.

Sonderweg für die Mütterrente

Der eine warnt die Union vor Wahlgeschenken, der andere erinnert die FDP daran, dass sie selbst ja vor der letzten Wahl Steuersenkungen versprach. „Ganz koalitionsfreundlich“ sei die Erinnerung, sagt Seehofer. Merkel merkt an, mit der FDP gebe es weniger Differenzen als mit anderen Parteien. Ohne Verrenkungen geht es nicht für Merkel: Damit Rösler mit seinen Sparforderungen nicht allein ist, setzt Merkel die Haushaltskonsolidierung auf Platz 1 ihrer Agenda – alle Wahlversprechen stehen damit unter Finanzierungsvorbehalt. Weil sie die höhere Mütterrente aber schon fest zugesagt hat, ist dafür ein Sonderweg gefunden: die Finanzierung aus der Rentenkasse.

Auch Steinbrück hat eine schwierige Rolle: Er kann nicht den Genossen der Bosse geben, das würde die SPD ihm nicht durchgehen lassen, aber er will die Wirtschaftsleute auch nicht gleich Schwarz-Gelb überlassen. Also arbeitet er mit Erinnerung, mit Zweifeln und mit Sarkasmus. Auf die Zuhörer prasseln Prozentzahlen ein und Hebesätze, Begriffe aus der Managersprache und die Botschaft: Als ich Finanzminister war, fandet ihr mich doch gut.

Und dann kommt das leise Gift: Punkt für Punkt geht Steinbrück die schwarz-gelbe Politik durch und stellt den Zuhörern Fragen: Die Energiewende – ist das nicht die größte Investitionsbremse seit langem? Die Regierung sagt, in Europa gebe es keine Haftungsunion – glauben Sie das? Ausbau des Breitbandnetzes fürs Internet – hat die Regierung das nicht schon vor zwei Jahren verkündet? Was hat sich seither getan?

Rasierer und Trockenhauben

Es sind Fragen, deren Antworten Steinbrück zu kennen glaubt. „Ich würde ganz gern Zweifel wecken“, sagt er. „Das Kurzzeitgedächtnis ist der größte Verbündete der Regierung.“ Die Erinnerung wäre somit der Verbündete der SPD. Anti-Krisen-Programme hätten in der großen Koalition die Sozialdemokraten durchgesetzt, die Abwrackprämie und die Kurzarbeit etwa. Er streift die Agenda 2010 – mutig, aber an manchen Stellen mit Fehlentwicklungen. Und dann ist er bei den Steuererhöhungen.

„Wir werden keine Steuern erhöhen“, hat Merkel am Vormittag versichert. Steinbrück sagt, es werde sicher bald noch gestreut werden, dass die SPD Rasierapparate und Trockenhauben verstaatliche. Wahr sei lediglich, dass die Sozialdemokraten die Vermögensteuer einführen werden, um damit Infrastruktur- und Bildungsprojekte zu finanzieren, für die sonst das Geld fehle.

Die CDU setzt da auf die gute Wirtschaftsentwicklung. Zu zufällig, findet Steinbrück. Merkel hat versichert: „Ich werde das noch mal aufschreiben, schwarz auf weiß, damit es jeder glauben kann.“ Es müssen ja nicht alle Reformen immer schmerzhaft sein. „Ich verspreche Ihnen nichts, glauben sie mir“, entgegnet Steinbrück. Es gibt Applaus, allerdings nur zum Schluss.