In der Hochphase des Weihnachtsgeschäfts erhöht die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi den Druck auf den Online-Versandhändler Amazon. Am Montag rief Verdi erstmals an drei Amazon-Standorten gleichzeitig zu Warnstreiks auf, um eine Bezahlung der Amazon-Belegschaft nach dem Tarif für den Einzel- und Versandhandel zu erreichen. Amazon lehnt dies mit der Begründung ab, es handele sich in den neun deutschen Versandzentren um Tätigkeiten, die eindeutig der Logistik zuzurechnen seien und somit nicht dem Versandhandelstarif unterlägen.

Der Konflikt dauert bereits seit April an und war bereits an 15 einzelnen Tagen von Warnstreiks begleitet. An den jüngsten Arbeitsniederlegungen beteiligten sich laut Amazon rund 640 Mitarbeiter der Frühschicht in Bad Hersfeld, Leipzig und Graben bei Augsburg. Verdi gab die Gesamtzahl der Streikenden mit insgesamt 1350 an.

Folgen fürs Weihnachtsgeschäft?

Für den weiteren Verlauf der Woche wurden weitere Ausstände angekündigt. In Leipzig werde es an allen Tagen bis zum Wochenende Warnstreiks geben, hieß es seitens der Streikleitung vor Ort. Zudem sollen noch weitere Standorte einbezogen werden, wie Verdi Hessen ankündigte. Im bayerischen Graben, wo 350 Amazon-Beschäftigten die Arbeit niederlegten, hieß es, die Stimmung sei kämpferisch. Zudem wurde am Montag eine Verdi-Abordnung in der US-Konzernzentrale in Seattle vorstellig, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Ob das ausreicht, um den größten Versandhändler auf dem deutschen Markt ernsthaft in Bedrängnis zu bringen, ist allerdings zweifelhaft. Denn trotz des aus Unternehmenssicht denkbar ungünstigen Streikzeitpunkts dürften sich die Auswirkungen auf den Versand der Waren vor Heiligabend in Grenzen halten. Zum einen nimmt nur rund ein Zehntel der ganzjährig bei Amazon Beschäftigten an den Warnstreiks teil: Das Unternehmen beziffert die in Vollzeit unbefristet angestellten Mitarbeiter in Deutschland auf rund 9000.

Hinzu kommen befristet Beschäftigte, über deren Zahl sich Amazon ausschweigt, sowie derzeit etwa 14.000 eigens für das Weihnachtsgeschäft angestellte Saisonkräfte. Da fallen 700 oder auch 1350 Streikende nicht so sehr ins Gewicht. Zum anderen organisiert Amazon den Warenversand für Deutschland europaweit. „Wir nutzen unser gesamtes europäisches Netzwerk mit 25 Logistikzentren, um das Weihnachtsgeschäft zu bewältigen. Streikbedingte Verzögerungen im Ablauf sehen wir nicht“, sagte Amazon-Sprecher Stefan Rupp der Berliner Zeitung.

Was Lagerarbeiter verdienen

Gerade in der Wintersaison müsse das Unternehmen ohnehin weitreichende Vorkehrungen treffen, um kurzfristig auf witterungsbedingte Einschränkungen reagieren zu können. „Wir sind auf alles vorbereitet, bei uns herrscht wegen Verdi keine Hektik“, so Rupp. Ob die Gelassenheit wirklich so ausgeprägt ist, wie der Amazon-Sprecher glauben machen will, sei dahin gestellt. Fakt ist: Die Auswirkungen der bisherigen Warnstreiks hielten sich in Grenzen, Verzögerungen größeren Umfangs wurden nicht registriert.

Im Kern geht es in der Auseinandersetzung ums Geld: Amazon zahlt den Lagerarbeitern mit Einstiegsstundenlöhnen von 10,01 Euro im Westen und 9,55 Euro im Osten zwar mehr als viele Logistikunternehmen, aber deutlich weniger als es nach dem Tarifvertrag für den Versandhandel der Fall wäre: Laut Handelstarifvertrag erhielten die Beschäftigten während der ersten drei Jahre Stundenlöhne von 11,77 Euro (West) und 11,39 Euro (Ost). Bei Amazon dagegen liegen die Stundenentgelte selbst im dritten Jahr der Anstellung mit 11,71 Euro und 10,99 Euro noch darunter. Hinzu kommt, dass das Weihnachtsgeld bei Amazon mit 400 Euro deutlich geringer ist als im Einzelhandel, wo mindestens 1250 Euro gezahlt werden.