Verwaiste Fluggasttreppe auf dem Flughafen Tegel.
Markus Wächter

BerlinNoch vor weniger als zwei Monaten drängten sich in den Terminals viele Fluggäste, standen vor dem Start Dutzende Flugzeuge Schlange. Das Coronavirus hat den einst viertwichtigsten Flughafen Deutschlands in Rekordzeit in eine Endzeitkulisse verwandelt. Wer Tegel heute besucht, fühlt sich wie in einer Geisterstadt. Oder wie im Set eines sehr pessimistischen Science-Fiction-Films, dessen Crew gerade zum Essen gegangen ist.

Im sechseckigen Hauptterminal A ist nur noch die Apotheke geöffnet, dort sind alle Check-in-Schalter geschlossen. Wo zuvor täglich oft über 500 Flugzeuge abhoben, zeigen die elektronischen Tafeln meist gerade mal rund zehn Abflüge pro Tag an. Auf dem Vorfeld dämmern fast 30 Flugzeuge mit eingemotteten Triebwerken vor sich hin.

Die Luftfahrt ist weltweit fast völlig zum Stillstand gekommen, und das zeigt sich auch auf dem innerstädtischen Flughafen im Nordwesten Berlins. Er ist tot, seit Wochen schon. Daraus sollten endlich Konsequenzen gezogen werden. Wenn an diesem Mittwoch der Aufsichtsrat und die Gesellschafterversammlung der Flughafengesellschaft FBB erneut über die Zukunft Tegels beraten, kann das Ergebnis vernünftigerweise nur lauten: TXL muss rasch geschlossen werden.

Für viele Menschen hört sich das brutal an. Wer Tegel lange kennt, wird sentimental, wenn er in den menschenleeren Terminals die Stille auf sich wirken lässt. Auch wenn sich Nachbarn über den Fluglärm ärgerten: Noch mehr Berliner haben eine Bindung zu dem kompakten zentrumsnahen Flughafen entwickelt, den sie so oft genutzt haben.

Doch in der Pandemie fehlt für Sentimentalitäten die Zeit, und Nostalgie ist kein guter Ratgeber. Niemand kann ignorieren, dass Corona auch die Welt des Luftverkehrs, wie wir sie kannten, aus den Angeln gehoben hat. Die Zahl der Fluggäste ist eingebrochen, in Berlin um mehr als 98 Prozent. Die Flughafengesellschaft FBB nimmt kaum noch Geld ein, ihr Umsatz pro Tag liegt um eine Million Euro unter dem Stand vor Corona.

Weltweit hat die Krise dazu geführt, dass Staaten gewaltige Ströme öffentlicher Gelder in Gang setzen. Das heißt aber nicht, dass ein Staatsunternehmen wie die FBB Geld verbrennen darf. Genau dies geschieht in Tegel.

Monat für Monat gibt die Flughafengesellschaft nach eigenen Angaben zehn Millionen Euro aus, um TXL in Betrieb zu halten. Würde die Anlage betriebsfähig eingemottet, ließen sich monatlich sieben Millionen Euro sparen, so die offizielle Rechnung. Auf die Erreichbarkeit der Hauptstadt-Region hätte das keinen Einfluss.

Berlin und Brandenburg würden ihren Anschluss nicht verlieren. Nur rund 30 Kilometer entfernt gibt es einen weiteren großen Verkehrsflughafen, auf dem anders als in Tegel sogar rund um die Uhr gestartet werden darf. Schönefeld verfügt zudem über umfangreiche Anlagen für den Frachtverkehr sowie über ein Medical Assessment Center, in dem Fluggäste untersucht werden können.

Auch der Regierungsflugverkehr könnte uneingeschränkt weitergehen – besser als zuvor. Im März übernahm der Bund sein Terminal in Schönefeld, das zehn Mal so groß ist und mehr Annehmlichkeiten bietet als die Buden in Tegel-Nord.

Zu Recht weisen Juristen darauf hin, dass es rechtlich heikel ist, wenn ein Verkehrsflughafen auch nur vorübergehend stillgelegt wird. Möglicherweise müsse die Europäische Kommission einbezogen werden, die Airlines hätten auf jeden Fall ein Vetorecht. Hier ist die Lage uneinheitlich. Zwar hat die Lufthansa bereits heftige Kritik geäußert, andere Fluggesellschaften wie KLM und Finnair verhalten sich dagegen neutral.

Ähnlich ist es beim Bund. Während das Finanzministerium nichts gegen eine Stilllegung Tegels einzuwenden hat, führte das Verkehrsministerium bislang Gegenargumente ins Feld.  Durchaus verständlich setzte sich Andreas Scheuer (CSU) Ende März dafür ein, erst einmal zu schauen, wie sich der Verkehr entwickelt.

Einen Monat später herrscht Einigkeit: Die Luftfahrt wird noch lange am Boden bleiben. Tegel muss schließen, wenigstens vorübergehend. Eine andere Entscheidung kann es an diesem Mittwoch nicht geben. Paris hat Orly geschlossen, Rom Ciampino stillgelegt. Nun muss Berlin mit Tegel folgen.