Berlin - Für Carsten Keller ist die Schuldfrage geklärt. Das Sterben kleinerer Händler in den Innenstädten sei nicht dem Onlinehandel zuzuschreiben, sondern vor allem den großen Modeketten von H&M bis Zara. Denn sie hätten in den vergangenen zehn Jahren im Bekleidungsgeschäft genau jenen Umsatzanteil übernommen, den kleinere Ladengeschäfte abgeben mussten. Der Onlinehandel sei nicht schuld und Zalando schon gar nicht, so der Manager aus eben jenem Hause. „Wir sind nicht der Feind der kleinen Läden“, sagt Keller. „Wir wollen sie retten.“

Keller, 44 Jahr alt, leitet bei Europas größtem Online-Modekaufhaus das Ressort „Direct to Customer“. Dort wird seit mehr als einem Jahr das sogenannte Connected-Retail-Programm vorangetrieben. Dabei arbeitet Zalando mit stationären Händlern zusammen. Im „vernetzten Verkauf“ sollen sie einspringen, wenn eine bestellte Ware von keinem Zalando-Lager geliefert werden kann.

Inzwischen haben sich deutschlandweit bereits 1.300 Geschäfte für eine Zusammenarbeit entschieden. Es seien einige Läden dabei, die kurz vor der Schließung standen, und es mit Zalando noch einmal probieren wollten, sagt Keller und weiß, die Entscheidung als Erfolg zu verkaufen. So habe etwa ein Schuhhändler seinen Monatsumsatz dank der Zalando-Vernetzung um bis zu 100.000 Euro anheben können.

Zalandos Flirt mit dem stationären Handel ist alles andere als uneigennützig 

Und tatsächlich steckt einiges Potenzial in der Online-Offline-Beziehung. Schließlich kann ein Ladenbesitzer so völlig neue Kunden erreichen und muss dafür nicht einmal einen eigenen Internet-Auftritt aufbauen. Zalando versorgt ihn mit der Software, über die das Onlinekaufhaus Zugriff auf den Lagerbestand des Händlers erhält. Auch die Abholung der Ware übernimmt Zalando.

Der Händler muss nur das Paket packen und abholbereit halten. Die Provision, die Zalando kassiert, beziffert Keller auf durchschnittlich etwa 13 Prozent. „Wir helfen Läden, in der Stadt zu überleben“, sagt der Zalando-Mann und verspricht Händlern ein Umsatzwachstum von bis zu 30 Prozent.

Allerdings ist Zalandos Flirt mit dem stationären Handel alles andere als uneigennützig. Der Online-Modehändler aus Friedrichshain, der es im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 5,4 Milliarden Euro brachte und nach eigenen Angaben eine Art „Spotify der Modebranche“ werden will, hat mit erheblichen Reibungsverlusten zu kämpfen.

Laut Keller verliert Zalando pro Jahr etwa 40 bis 50 Millionen Bestellungen, weil etwas nicht sofort geliefert werden kann. Bei einem durchschnittlichen Warenwert pro Bestellung von derzeit knapp 57 Euro kommt dem Unternehmen also jährlich ein Umsatz von rund 2,5 Milliarden Euro abhanden. Der vernetzte Verkauf soll helfen.

Derweil wird in Kellers Ressort bereits der nächste Schritt vorbereitet. Zuerst in Berlin soll Connected Retail mit der Lieferung noch am Tag der Bestellung verbunden werden. Wird also ein Artikel von einem Berliner Zalando-Kunden bestellt, prüfen die Computerprogramme zuerst, ob der Schuh, das T-Shirt oder die Tasche in einem der angeschlossenen Berliner Läden verfügbar ist.

Zalando-Sortiment:  „Jeder kleine Eckschuhladen“ könne mitmachen

Ist das der Fall, geht die Order an den Händler, der die Ware verpackt. Ein Lieferdienst von Zalando sammelt dann die Bestellungen in den Berliner Läden ein, bringt sie zu einem Zwischenlager in der Stadt, von dem aus Kuriere die Waren am Abend ausliefern.

Im ersten Quartal des kommenden Jahres soll der Berliner Test für schnelle Lieferung und kurze Wege starten. Dafür will Zalando-Manager Keller bis Jahresende mindestens 100 Läden im Portfolio haben. 

50 hat er bereits. Allerdings sind das nicht gerade die rettungsbedürftigen kleinen Läden, sondern große Filialen von Tommy Hilfiger und Jack Jones oder das Karstadt-Kaufhaus am Hermannplatz. Größe sei laut Keller aber wirklich nicht nötig. „Jeder kleine Eckschuhladen“ könne mitmachen, sofern das Sortiment mit dem von Zalando entspricht.

Unabhängig vom Zalando-Angebot sehen Deutschlands Groß- und Einzelhändlern die Digitalisierung der Branche grundsätzlich als Chance. Das jedenfalls ergab eine zur Wochenmitte veröffentlichte Umfrage des Digitalverbands Bitkom, in der die Händler auch klare Erwartungen für das Jahr 2030 formulierten.

So glaubt etwa jeder fünfte von ihnen, dass in zehn Jahren Verkaufsroboter durch Geschäfte führen werden. 39 Prozent halten Warenlieferungen per Drohne für verbreitet und jeder Zweite geht davon aus, dass Geschäfte immer geöffnet haben. Keller würde es freuen.