Die indische Regierung will sich nicht von der Welthandelsorganisation WTO stören lassen, wenn sie Lebensmittel mit öffentlichen Mitteln aufkauft. Kuba pocht auf ein Ende des US-Handelsembargos. Argentinien drängt auf ein Aus für alle Exportsubventionen. China reklamiert das Recht einer Großmacht, eine lange Liste an Ausnahmen für sich durchsetzen zu können.

Auch wenn der Welthandel boomt und die Globalisierung den letzten Winkel der Erde erreicht hat, ist das Leben eines Handelsdiplomaten nicht leicht in diesen Zeiten. Seit mehr als einem Jahrzehnt versuchen die nationalen Regierungen, sich über eine weitere Öffnung der Märkte zu verständigen. Doch seit die Doha-Runde zur Liberalisierung des Welthandels 2001 gestartet ist, hat sie nichts gebracht als endlose Verhandlungen, immer neue Debatten und Berge an Dokumenten, die freiwillig kein Mensch liest.

Auf der indonesischen Insel Bali probieren es von Dienstag bis Freitag über 150 Minister aus allen Kontinenten noch einmal. Mit einem reduzierten Paket wollen sie bürokratische Hemmnisse bei der Einfuhr an Häfen abbauen und sich über die Standards im internationalen Agrargeschäft verständigen. Spezielle Zugeständnisse an arme Länder sollen die Zustimmung erleichtern. Besonders sensible Themen wie Finanzdienstleistungen oder Investitionen im Ausland tauchen auf der Tagesordnung erst gar nicht auf.

Auf einen Erfolg hofft die deutsche Wirtschaft. „Angesichts der angespannten Weltwirtschaftslage erwarten wir, dass die Verhandlungsführer Stärke zeigen und in Bali den Weg für einen erfolgreichen Abschluss des multilateralen Handelssystems ebnen“, sagte Anton Börner, Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, der Berliner Zeitung. Schon ein Teilabschluss würde aus seiner Sicht der Weltwirtschaft einen erheblichen Schub geben. „Ein Abbau der Zoll- und andere Handelskosten um nur ein Prozent würde rund 40 Milliarden Dollar mehr Einkommen rund um den Globus schaffen. Davon kämen allein 25 Prozent den Entwicklungsländern zugute“, betonte Börner. Ein Scheitern dagegen könne sogar die Doha-Runde insgesamt in Frage stellen.

Sogar für die WTO geht es möglicherweise um alles. Wer braucht eine Welthandelsorganisation, die seit ihrer Gründung 1995 keinen einzigen Durchbruch bei den Liberalisierungsverhandlungen zustande brachte? Die Großmächte kümmern sich längst um Alternativen. So verhandeln die USA sowohl mit führenden Wirtschaftsnationen des Pazifikraums als auch mit der Europäischen Union über regionale Handelsabkommen.

Gegen ein Debakel kämpft unermüdlich der brasilianische WTO-Generaldirektor Roberto Azevêdo. Vor einer Woche hatte selbst er resigniert und eingeräumt, dass die Unterhändler in den Vorbereitungstreffen in Genf kaum Fortschritte erzielt hätten. Nun aber verbreitet er wieder Optimismus. Ein Erfolg sei noch immer möglich, sagte er dem Wall Street Journal. „Es sind nur wenige Hindernisse noch aus dem Weg zu räumen“, betonte Azevêdo.

Als Schlüsselland gilt Indien, das einen Abschuss bei dem Agrarteil blockiert. Die regierende Kongress-Partei will vor den Wahlen im nächsten Jahr nicht akzeptieren, dass Staaten nur für eine Übergangszeit Grundnahrungsmitteln kaufen dürfen. Für die WTO sind solche Aktionen Eingriffe in den freien Markt, die den Handel verzerren können. Mit Spannung wartet die Welthandelsorganisation daher darauf, ob der indische Minister in Bali mehr Kompromissbereitschaft zeigt.