Welthungerbericht: Trotz Fortschritten Situation in vielen Ländern noch sehr ernst

Im vergangenen Herbst einigte sich die Weltgemeinschaft auf ein Ziel, dass – anders als das Pariser Klimaabkommen – nicht für die breite mediale Aufmerksamkeit sorgte, die es verdient hätte. Tatsächlich klingt es eher nach einem Wunschtraum und nicht nach einem realistischen Ziel: Bis 2030 soll kein Mensch auf der Erde mehr an Hunger leiden. Das ist eines der wichtigsten Vorhaben der Agenda 2030 der Uno. Der neueste Welthungerindex der Hilfsorganisation Welthungerhilfe und des Internationalen Forschungsinstituts für Ernährungs- und Entwicklungspolitik (IFPRI) zeigt zwar, dass es bei der Hungerbekämpfung deutliche Fortschritte gibt. Das Tempo reicht aber bei Weitem nicht aus, das Ziel einer Welt ohne Hunger bis 2030 auch wirklich zu erreichen.

„Hungerwert“ seit dem Jahr 2000 um fast ein Drittel gesunken

Auf der Weltkarte des Hungers ist der Fortschritt auf den ersten Blick zu sehen. Waren vor wenigen Jahren noch eine Reihe von Ländern tiefrot eingefärbt, gibt es laut Index derzeit kein Land mehr mit gravierendenden Ernährungsproblemen. Dafür wechseln immer mehr Staaten in den grünen Bereich. Der globale Index, die Autoren sprechen vom „Hungerwert“, ist seit dem Jahr 2000 um fast ein Drittel gesunken. Die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, erinnerte allerdings daran, dass weltweit noch immer 795 Millionen Menschen unterernährt seien. „Wir haben nach wie vor eine himmelschreiende Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt“, sagte sie. Hunger und Krieg hätten rund um den Globus 65 Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Nur ein Bruchteil der Menschen auf der Flucht sei nach Europa gekommen, sagte Dieckmann. Die meisten würden in angrenzende Länder fliehen.

Der am Dienstag in Berlin vorgestellte Welthungerindex erfasst die Ernährungssituation in 118 Ländern. Er basiert auf vier Indikatoren. Erfasst werden der Anteil der unterernährten Menschen an der Gesamtbevölkerung sowie die Sterblichkeitsrate von unter fünfjährigen Kindern. Hinzu kommen der Anteil der untergewichtigen Kinder und der mit Wachstumsverzögerungen. Letzteres gilt als Beleg für eine chronische Unterernährung. Sinkt der errechnete Index, verbessert sich die Lage - was im Vergleich zu den Vorjahren in vielen Ländern der Fall war. So konnten 22 Staaten ihren Index-Wert im Vergleich zum Jahr 2000 um die Hälfte oder mehr reduzieren, wie Brasilien, Ghana, Ruanda, der Iran oder Kambodscha. In immerhin 70 Ländern gelang eine Senkung zwischen 25 und 50 Prozent. Zu dieser Gruppe gehören auch frühere Bürgerkriegsländer wie Angola oder Äthiopien.

Kriege, Katastrophen und schlechte oder korrupte Regierungen

Trotz dieser Fortschritte ist die Hungersituation in 50 Ländern noch immer "ernst" oder "sehr ernst". Zur letzteren Kategorie zählen etwa Afghanistan, Haiti, Sambia oder – weiterhin als Schlusslicht auf der Liste - die jüngst von einem verheerenden Bürgerkrieg betroffene Zentralafrikanische Republik. Syrien, der Südsudan, Libyen, Burundi und weitere sechs Länder dürften ebenfalls ganz weit hinten landen - doch für diese Länder liegen derzeit keine verlässlichen Daten vor, weshalb sie nicht in den aktuellen Hunger-Index aufgenommen werden konnten. Beachtet werden muss zudem, dass die nationalen Werte zum Teil verdecken, wie ungleich einzelne Regionen oder Bevölkerungsgruppen innerhalb eines Landes vom Hunger betroffen sind. Als Beispiel wurde die Region Chiapas in Mexiko genannt, wo deutlich mehr Kinder unterernährt sind als in anderen Teilen des Landes.

Nach Einschätzung Dieckmanns gibt es drei wesentliche Ursachen für Hungersnöte: Kriege, Katastrophen und schlechte oder korrupte Regierungen beziehungsweise Verwaltungen. Würde man die bisherige Entwicklung des Indexwertes in die Zukunft fortschreiben, dann gäbe es 2030 nach Auskunft von IFPRI-Vertreter Klaus von Grebmer noch immer 40 Staaten, in denen sich die Menschen nicht satt essen können. „Die Geschwindigkeit der Hungerbekämpfung ist völlig unzureichend“, so von Grebmer. Dieckmann forderte von den westlichen Staaten unter anderem ein stärkeres politisches Engagement, um kriegerische Konflikte rasch zu beenden.