Die Kurve des DAX auf der Anzeigetafel im Handelssaal der Börse in Frankfurt.
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Frankfurt/MainNach dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie stehen die Zeichen für die Weltwirtschaft auf Rezession. Joachim Fels vom Vermögensverwalter Pimco sieht die Lage als sehr kritisch an. Er sagte der Financial Times, er sei besorgt, dass die Lage „die heute wie eine Rezession aussieht, sich in eine Depression entwickeln“ könne. Die Börsen würden dann „vom Absturz zur Kernschmelze“ übergehen.

Die Unruhe bei den Anlegern liegt vor allem in der völligen Wirkungslosigkeit der jüngsten Maßnahmen der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Die Fed hatte am Sonntagabend überraschend Notfallmaßnahmen bekannt gegeben. Die Zentralbank senkte den Leitzins um einen ganzen Prozentpunkt auf einen Korridor von 0 bis 0,25 Prozent. Außerdem will die Fed die Wirtschaft mit einem 700 Milliarden Dollar schweren Anleihekaufprogramm ankurbeln und Banken vorübergehend Notfallkredite gewähren.

Der Dax stürzte ab

Solche Ankündigungen führen in der Regel zur Stabilisierung an den Aktienmärkten. Doch aktuell kann davon keine Rede sein: Der Dax stürzte am Montag ebenso ab wie alle anderen europäischen Indizes. Der FTSE in London notierte zwischenzeitlich Verluste von neun Prozent. Die Intervention der Fed scheint das Gegenteil dessen bewirkt zu haben, was geplant war: Investoren zeigten sich überrascht, dass mit der Bekanntgabe der Maßnahmen nicht bis zum Donnerstag gewartet wurde. Dies zeuge von „Stress“ bei den Zentralbanken. Investoren stellen sich darauf ein, dass die Zentralbanken ihr Pulver verschossen haben und die Kurse weiter abstürzen können.

Verschärft wird die Lage durch zahlreiche Spekulanten, die in den vergangenen Jahren die Positionierung der Zentralbanken als „letzte Retter“ ausgenutzt und mit dem billigen Geld Aktien erworben hatten. Von der Hausse haben auch seriöse Anleger wie Pensionsfonds profitiert, die von den Zentralbanken wegen der niedrigen Zinsen in die Aktien getrieben worden waren. Nun kommt es zu den gefürchteten Nachschussforderungen („marin calls“), weshalb Anleger sogar ihre Goldbestände verkaufen müssen, um liquide zu bleiben. Daher sackte auch der Goldpreis ab, der in Krisenzeiten eigentlich antizyklisch nach oben gehen müsste.

Es ist zu erwarten, dass es zu massiven Unternehmenspleiten kommen wird. Betroffen sind viele Branchen, allen voran die Transport- und Reise-Industrie. Selbst große Fluggesellschaften sind gefährdet: Die Mutter von British Airways, IAG, stürzte um 25 Prozent ab; Air-France-KLM-Werte fielen um 15 Prozent; die Lufthansa gab zehn Prozent ab.

Unter starken Druck geriet erneut der Autosektor. Analysten zufolge dürfte sich die weltweite Nachfrage wegen der Viruspandemie merklich abschwächen. Die Verluste von BMW, Daimler und Volkswagen verloren jeweils rund zehn Prozent. Aktien des Zulieferers Continental gaben ähnlich stark nach.

Gegen den Markt schnellten Papiere von Drägerwerk um 20 Prozent nach oben. Das Unternehmen hat von der Bundesregierung einen Großauftrag zur Lieferung von 10 000 Beatmungsgeräten erhalten.

Lücken in der Lieferkette

Der europäische Bankenindex gab zwischenzeitlich um zwölf Prozent nach. Der Reise-Branchenindex Stoxx Europe 600 Travel & Leisure bleibt damit der am größten belastete, am Montag ging es für ihn um mehr als 13 Prozent bergab auf das schlimmste Tief seit 2012. Nicht viel besser erging es weiteren konjunkturempfindlichen Branchenindizes, prozentual zweistellig waren die Abschläge am Montag auch in den Sektoren Automobil, Versicherungen, Banken und Bau.

Eine besonders gefährliche Entwicklung ergibt sich dadurch, dass wegen der unterbrochenen Produktion und der Einschränkungen bei den Lieferketten ein deflationärer Schock droht: Wegen des geringen Warenangebots werden die Preise steigen. Bereits im Februar waren die Lebensmittelpreise um 3,3 Prozent gestiegen – noch ohne Corona-Hamsterkäufe.

Der wegen der Saudi-Attacke auf die US-Ölindustrie niedrig gehaltene Ölpreis wird eine starke Inflation vorerst verhindern. Doch sobald der Ölpreis steigt und die Leute wieder Waren kaufen wollen, könnte es zu einem sogenannten Crack-up-Boom kommen. Ein solcher ist der letzte Akt vor einer deutlichen Geldentwertung. Diese hätte zu Folge, dass die Billionen-Schuldenblase platzt. Die Zentralbanken haben nämlich zur Stützung der globalen Schuldenpolitik Unsummen in die Märkte gepumpt. (mit dpa)