Berlin - 2020 haben sich viele Menschen das erste Mal mit ihren Finanzen beschäftigt. Motiviert durch niedrige Zinsen und günstige Gebühren bei sogenannten Smartphone-Brokern – aber auch deren Marketing-Budgets –, strömen sie an die Aktienmärkte. Dabei sind vor allem ETF (Exchange Traded Funds) bei Privatanlegern sehr beliebt, die gegen eine geringe Gebühr die Wertentwicklung auf den Weltmärkten abbilden. Thomas Kehl verschafft, über seinen YouTube-Kanal Finanzfluss, den Kleinanlegern eine erste Orientierung im unübersichtlichen Börsengeschehen.

Wie haben Sie angefangen zu investieren?

Mit etwa 15, 16 habe ich angefangen zu investieren – ich bin jetzt 31. In dem Alter habe ich natürlich noch nicht alleine gehandelt, sondern mit meinen Vater.

Investieren junge Leute heute anders? Was unterscheidet sich von früher? 

Der Vorteil, den junge Leute heute haben, ist, dass der Zugang zum Kapitalmarkt deutlich einfacher geworden ist. Als ich mein erstes Depot eröffnet habe, war das zwar auch schon ein Onlinebroker bei der Comdirect, aber da musste ich noch zur Post, Briefe abschicken. Das dauerte alles ein paar Wochen. Ein weiterer Unterschied ist die Auswahl an Finanzprodukten: Als ich angefangen habe, gab es zwar schon ETF, aber sie waren bei weitem nicht so verbreitet. Wer damals breit diversifizieren wollte, hat aktive Fonds gewählt. Damit bin ich groß geworden. Es gab dabei auch viele Fondsprodukte, die einfach gescheitert sind, zum Beispiel offene Immobilienfonds.

Welche Rolle spielen für jüngere Investoren dabei nachhaltige Investmentkriterien?

Ich habe schon das Gefühl, dass das eine größere Rolle spielt: Wir werden viel auf Nachhaltigkeit angesprochen. Es ist zwar keine Mehrheit, es bleibt noch eine Nische, die aber regelmäßig nachgefragt wird, und zwar überwiegend von Frauen. Wenn wir bei uns ins Team gucken, wie die Frauen bei uns anlegen, legen die deutlich mehr Wert auf das Thema Nachhaltigkeit als Männer. Wir haben vor drei oder vier Jahren ein erstes Video zu nachhaltigen Produkten produziert, damals noch mit der Anmerkung, dass es leider noch nicht so viele ETFs gibt, die auf Nachhaltigkeitskriterien basieren. Das hat sich mittlerweile aber stark verändert. Ich glaube, dass das ein starker Zukunftsmarkt ist. Ich habe mit vielen Fondsmanagern gesprochen, die der festen Überzeugung sind, dass das nachhaltige Investment zur Normalität wird und die meisten Finanzprodukte eine Nachhaltigkeitskomponente haben werden. 

Was bedeutet nachhaltiges Investieren denn konkret in der Praxis?

Die erste Herausforderung war, erst mal zu definieren, was ist denn nachhaltig? Was ist ethisch und was ist vertretbar? Mein Lieblingsbeispiel dabei ist Frankreich. Für die Franzosen ist zum Beispiel Atomkraft sehr nachhaltig, weil sie keinen CO2 Ausstoß hat – in Deutschland sieht man das anders. Die erste Hürde, die man nehmen muss, ist, sich über die Kriterien zu einigen, damit alle über dasselbe sprechen und nicht jeder Fonds seinen eigenen Ethikrat hat, der die Dinge so interpretiert, wie es gerade passt.

Wie beurteilst du die neuen Handelsplattformen, die oft mit dem Verkauf von spekulativen Differenzkontrakten, also CFDs, groß geworden sind?

Ich bin kein großer Fan davon und das auch nie gewesen. Die versuchen jetzt, ihr Image zu bereinigen und ein Saubermannimage zu erstellen – das ist natürlich problematisch, weil die Leute dazu verführt werden, zu spielen. Glücklicherweise hat der Gesetzgeber dem ein wenig den Riegel vorgeschoben: Es darf für Privatanleger keine Nachschusspflicht mehr geben und man muss – wie beim Rauchen – so einen Disclaimer auf die Seite packen und sagen: „83 Prozent unserer Anleger verlieren Geld“ – das sollte Zeichen genug sein. Die haben aber natürlich tiefe Taschen, sind super gut finanziert und machen Werbung ohne Ende.

Thomas Kehl, 31

Bevor Thomas Kehl den YouTube-Kanal Finanzfluss gegründet hat, studierte er Finanzen und BWL an der Frankfurt School of Finance and Management und der ESCP Europe in Paris und London. Nach seinem Studium arbeitete er mehrere Jahre als Investmentbanker in Paris. 

Würden Sie von diesen Plattformen abraten?

Am Ende kann man das vergleichen mit einem Messer: Man kann es benutzen, um zu morden oder um in der Küche Gemüse zu schneiden. Man muss die Leute aufklären und sagen: Wenn du zocken willst, dann zock halt, aber mach es mit einem Zweitdepot und einem geringeren Betrag und nicht mit deiner Altersvorsorge.

Denken Sie, dass die vielen neuen Broker dazu führen, dass sich junge Leute überhaupt mit dem Thema Finanzen beschäftigen?

Absolut, ich merke das an anderen Influencern – wir haben jetzt schon einige Kooperationen gehabt und ich fand es besonders interessant, dass ausgerechnet jetzt während der Corona-Krise viele Leute auf mich zugekommen sind. Das Thema wird mehr und mehr Mainstream.

Hängt das auch damit zusammen, dass die Leute zum Teil gerade nicht wissen, wie sie ihr Geld ausgeben sollen?

Das spielt eine Rolle und natürlich die Tatsache, dass während der ersten Corona-Welle die Kurse so stark eingestürzt sind. Zunächst mussten wir die Leute auf unserem YouTube-Kanal beruhigen – früher hätte das der Bankberater gemacht. Da wäre man hingegangen und er hätte einem davon abgeraten, seine Fonds in dieser Situation zu verkaufen. Jetzt haben wir eine Community von Selbstentscheidern. Als die Kurse teilweise 30 Prozent runtergingen, war da schon eine Unruhe. Deshalb habe ich dazu Videos gemacht, wo die Leute auch Fragen stellen konnten.

Wie haben Ihre Zuschauer auf den ersten Schock reagiert?

Nach dem ersten Schock haben wir schnell gemerkt, wie die Stimmung umgeschlagen ist. Die Leute sind dann mit so einem Optimismus aufgebrochen: „Die Aktienkurse sind so günstig wie noch nie, ich muss da jetzt rein und da anfangen!“ Die Leute haben zum Teil damit begonnen, jeden Mist zu kaufen, weil sie darauf spekuliert haben, dass die Kurse ohnehin nur steigen. Wenn das dann nicht passiert ist, haben sie damit begonnen, sich doch mal mit dem Thema ETF zu beschäftigen.

Sehen Sie in dem veränderten Anlegerverhalten eine Gefahr für die Banken und Versicherungen – welche Probleme haben die klassischen Akteure des Finanzmarkts und was müssen die besser machen?

Für Banken und Versicherungen gibt es viele Herausforderungen: Die niedrigen Zinsen sind das eine, aber das Thema erstreckt sich bis hin zum Konto und zum Thema Kryptowährungen. Wir waren vor kurzem bei der europäischen Zentralbank und haben dort Interviews geführt. Sie testen derzeit den digitalen Euro, und wenn wir den erst mal haben, wozu brauchen wir dann überhaupt noch eine Bank? Es kann sogar so weit gehen, dass wir diese Giralgeldschöpfung nicht mehr brauchen – ich wäre sehr ungern ein Bankvorstand in den nächsten 30 Jahren.

Ist das eine neue Entwicklung?

Dieses Schrumpfen ist für sich genommen nicht neu, also dass Banken ihre Filialen zumachen, ist schon seit 15 Jahren oder noch länger ein Thema. Ich habe eine Ausbildung gemacht zum Bankkaufmann im Rahmen eines dualen Studiums, und da haben wir vom Vorstand die Aufgabe bekommen, uns zu überlegen, wie sich die Bank weiterentwickeln könnte. Wir haben dann gesagt, lass uns digitaler werden: Wir müssen digitale Filialen machen, die Berater müssen 24/7 via Skype erreichbar sein und solche Dinge – das ist überhaupt nicht gut angekommen.

Ich mag langweilige Banken, aber habe nur selten wirklich das Bedürfnis, mich mit meinen Bankberatern auseinanderzusetzen …

Die dürfen einem heute auch nichts mehr anbieten! Einerseits wollen die Leute nicht mehr mit ihnen sprechen, auf der anderen Seite dürfen sie höchstens bei sehr reichen Kunden etwas vertreiben und dann kommen sie mit irgendwelchen Containerfonds …

Und kurzfristig? Viele der klassischen Bankangebote wirken auf den ersten Blick sehr unattraktiv und teuer im Vergleich zu den Depots bei den neuen Brokern – haben die Banken, so wie sie derzeit ihr Geschäftsmodell aufziehen, eine Zukunft?

Die aktuellen Filialbanken sind natürlich zu teuer, aber sie profitieren davon, dass die Leute keine Lust haben oder zu faul sind, mit ihrem Konto oder Depot umzuziehen. Dabei werden wir regelmäßig von Banken kontaktiert: „Wollen wir nicht mal was zusammen machen, wir haben jetzt unsere monatlichen Sparraten auf nur einen Euro pro Ausführung heruntergesetzt.“ Denen sage ich, es geht unseren Zuschauern nicht darum, nur einen Euro zu investieren – bringt einfach auf Dauer eure Kosten herunter und euer ETF Angebot hoch – guckt euch an, wie die Fintechs das machen.

Was hindert die Banken daran, das in die Tat umzusetzen?

Wir stehen im guten Kontakt mit Banken und sagen denen, was aus der Community gefordert wird, aber sie haben immer so lange Anlaufphasen und verstehen nicht, was die User wollen – da kann man nichts machen.

Sie beschäftigen sich den ganzen Tag mit Finanzthemen, warum investieren Sie trotzdem in ETF, also in eine Anlageform für passive Investoren – wo sehen Sie da den Vorteil?

Für 90 Prozent der Bevölkerung sind ETF die richtige und auch einfachste Wahl. Sie sind besser als die Riesterrente, sie sind besser als die Lebensversicherung oder ein Bausparvertrag und sie sind – für den Großteil der Bevölkerung – besser als das Investment in Einzelaktien. Für mich ist das keine Frage von Anfänger oder Profi. Die Frage bei Einzelaktien ist: Bin ich bereit, da meine Zeit zu investieren, und erzeuge ich damit genügend Rendite, um den Index zu schlagen, sodass sich das lohnt. Wenn es nur ein Hobby ist, muss es sich ja nicht lohnen – Hobbies kosten in der Regel Geld, und wenn ich mit meiner Aktie weniger gut abschneide, dann darf das Geld kosten, ist ja in Ordnung.

In Deutschland sind Untergangspropheten, die vor dem nahenden Finanz- beziehungsweise Börsencrash warnen, sehr beliebt. Sie empfehlen ihre eigenen, scheinbar sicheren Fonds oder das Investment in physisches Gold – ist das eine deutsche Erscheinung?

Ob das spezifisch deutsch ist, weiß ich nicht, aber es stimmt: Das Phänomen ist auf jeden Fall ausgeprägt. Während der Corona-Krise haben diese Herren eine absolute Boom-Phase erlebt, wenn man seit zehn Jahren sagt, dass der Crash kommt, und dann gibt es auf einmal einen kleinen Dip, dann fühlen sich diese Leute direkt bestätigt. Auch eine kaputte Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Uhrzeit an. Es hat aber natürlich keiner vorhergesagt, dass der Crash durch ein Virus kommen wird – aber das ist dann plötzlich egal.

Und wie beurteilen Sie dieses Phänomen? 

Ich halte den Einfluss dieser Leute für sehr schädlich: Erstens mal für die Rendite derjenigen, die in deren katastrophale Produkte investieren und die zum Beispiel dem Ratschlag gefolgt sind, Goldmünzen zu kaufen. Die Aufschläge, die man für physisches Gold bezahlt, sind während der ersten Corona-Welle durch die Decke gegangen – das war eine sehr schlechte Investition. Ich finde diese Panikmache falsch – klar sollte man darauf hinweisen, dass es zum Crash kommen kann und wird, aber das gehört einfach dazu. Das ist kein Grund, in teure Fonds mit hoher Verwaltungsgebühr und Aufgabenaufschlag zu investieren, die nie eine Performance gebracht haben.

Was wäre Ihre Empfehlung für Berufsanfänger, die sich erstmals mit Finanzthemen auseinandersetzen?

Ich würde einfach möglichst früh anfangen, die Füße ins Wasser zu halten und ein Gespür dafür zu bekommen, wie es auf den Aktienmärkten abläuft – dieses emotionale Karussell muss man einfach mal mitgemacht haben. Ein kleiner psychologischer Trick ist dabei, nicht auf den Wert der Anlage in Euro zu gucken, sondern auf die Anzahl der Anteile – denn die Anzahl an Anteilen wächst kontinuierlich, die fällt nicht, und wenn ich regelmäßig spare, habe ich mehr und mehr Anteile.

Sie werden immer wieder von Banken und Versicherungen nach Kooperationen gefragt. Haben Sie Interesse daran, Banken und Versicherungen zu beraten, wie sie eine neue Generation an Investoren ansprechen können?

Nein – erstens macht mir das keinen Spaß und zweitens hätten wir dann einen Interessenskonflikt, den ich nicht möchte. Wenn Ratschläge gewollt sind, geben wir diese aber super gerne – gerade die neuen Broker lieben es, mit uns zu telefonieren und Feedback einzuholen. Wenn man da aktiv mitwirken kann, ist das schon sehr, sehr cool.