Montage einer Photovoltaikanlage.
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HavellandDer Briefwechsel zur Solaranlage auf dem Dach füllt einen Aktenordner. Er steht im Aktenregal ganz unten links. Muss nicht mehr ständig verfügbar sein, bedeutet diese Ortsangabe in Bezug auf das Zusammentreffen deutscher Bürokratie mit meinem Haushalt. Kann aber auch nicht weggeschmissen oder verkramt werden. Könnte noch mal wichtig werden.

Zieht man den Ordner heute aus dem Regal, liest sich der Inhalt wie ein Rückblick auf die chaotischen Auswüchse, die Deutschlands Umstieg von Atomenergie, Kohle und Gas hin zu erneuerbaren Energien am Anfang begleitet haben. Ein Blick in den Ordner reicht, und man weiß gleich wieder, wie es sich anfühlt, wenn massive Förderpolitik auf ein darauf nicht ausreichend vorbereitetes System stößt.

Wir, mein Mann und ich, sind 2009 Stromerzeuger geworden. Wir haben auf unserem Dach eine große Photovoltaikanlage errichtet. Der Vertrag mit dem nach Lage des Hauses zuständigen Energieunternehmen E.on befindet sich in besagtem Ordner. „Netzparallelbetriebsvertrag Erzeugungsanlagen“ heißt das Werk. Geregelt ist auf vielen Seiten in erschöpfenden technischen Details, was für eine Anlage errichtet wurde, wie gemessen und vergütet wird, wer haftet, wer was zusichert. Der Vertrag ist von 2009. Es gibt diverse Anlagen, Ergänzungen und Formblätter. Bei so viel Bürokratie, denkt man sich, kann ja nichts schiefgehen.

Falsch gedacht. Die Errichtung von Photovoltaikanlagen auf deutschen Dächern folgte im Jahr 2009 doch eher Murphys Gesetz „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen“. Regierung und Energieunternehmen wirkten geradezu überrascht vom Erfolg ihrer Lockprämien. Und kollabierten erst mal bei der Umsetzung. Die hohen Vergütungssummen, die für jede Kilowattstunde nach dem Erneuerbare Energien-Gesetz festgelegt worden waren, hatten offenbar so viele Menschen verlockt, auf ihren Dächern Photovoltaikanlagen zu bauen, dass die Energieunternehmen postwendend in eine Art Angststarre zu verfallen schienen. Manch einer hat ihnen damals Absicht unterstellt.

Es ist eine große Anlage auf unserem Dach und dem der Remise im Garten. Entsprechend teuer ist sie gewesen. Eine Investition im mittleren fünfstelligen Bereich. Wir erzeugen allerdings deshalb auch jedes Jahr abhängig vom Sonnenschein sehr viel Strom und speisen das ein, was wir nicht selbst verbrauchen. Jede erzeugte Kilowattstunde wird entsprechend eines zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses gültigen Satzes bezahlt, festgesetzt auf 20 Jahre Laufzeit. Bei im Jahr 2009 errichteten Anlagen wird die Kilowattstunde exakt doppelt so hoch vergütet, wie uns umgekehrt der Bezug von Strom kostete. Im Jahr summiert sich das auf eine mittlere vierstellige Summe, die ausgeschüttet werden soll.

Rechnung an den Chef

Tatsächlich wurde erst mal gar nicht gezahlt. Monatelang. Wer einen Kredit aufgenommen hatte, um seine Anlage zu bauen, musste jetzt die Schulden bedienen, ohne entsprechende Einnahmen erzielen zu können. Telefonate nützten zumindest in unserem Fall überhaupt nichts. Am Telefon klang das so: Ein neues Abrechnungssystem mache dem Computer zu schaffen. So ging es anderen auch.

Wir haben dann jeden Monat eine Rechnung geschrieben und an den Geschäftsführer der Aktiengesellschaft geschickt. Zahlbar umgehend. Zinsen haben wir nicht erhoben. Wir haben auch nicht mit Abbruch der Stromlieferung gedroht. Wir waren froh, dass er umgehend reagierte und zahlte. Jeden Monat eine Rechnung, jeden Monat eine Einzelüberweisung über den Schreibtisch des Chefs.

Ein Jahr lang sind wir ganz ohne unser Zutun auch mal doppelt bezahlt worden. Das hatte zur Folge, dass wir das zu viel gezahlte Geld nicht nur zurückzahlen mussten, sondern auch noch versteuern sollten. Es wurden nachträglich Schalter eingebaut, um die Anlage aus der Ferne abschalten zu können, wenn zu viel Strom produziert wird. Damit das Netz nicht zusammenbricht. Verweigern konnte man sich dem nicht. Das Gesetz wurde nachträglich verändert und betraf auch alle bereits errichteten Anlagen. Kontrollieren lässt sich von unserer Seite nicht, wie oft abgeschaltet wird.

Wir hätten wahrscheinlich auch ohne die hohen Fördersummen früher oder später eine solche Anlage errichtet. Aber so haben wir uns einmal wie Pioniere fühlen können. Auch diese Erinnerung ist in dem Aktenordner konserviert.