Wer seine Autoreifen wechseln, sich aber nicht selbst die Finger schmutzig machen will, landet leicht bei der Werkstattkette ATU. Immerhin ist sie mit 600 Filialen und 11.000 Beschäftigten hierzulande die größte ihrer Art. Der Marktführer aus Weiden in der Oberpfalz war sogar mal ein heißer Börsenkandidat. Das ist zehn Jahre her, und wenn ATU zuletzt ein Kandidatenstatus zuerkannt wurde, dann der für eine Pleite. Lange schien das Aus nur noch eine Frage der Zeit. Jetzt gibt es das erste Mal einen echten Hoffnungsschimmer – und das ausgerechnet nach dem Einstieg eines Finanzinvestors. Das ist die Spezies von Anteilseignern, denen bisweilen der Ruf einer allesfressenden Heuschrecke anhaftet.

„Es gibt solche und solche“, sagt der Amberger IG Metall-Funktionär Udo Fechtner. Er ist gerade dabei, mit dem neuen Management über die Einrichtung eines Betriebsrats für die Weidener ATU-Zentrale mit ihren 1 000 Beschäftigten zu verhandeln. Die Initiative sei vom neuen ATU-Chef Norbert Scheuch und dem hinter ihm stehenden US-Finanzinvestor Centerbridge gekommen. Ohne Hilfe eines funktionierenden Betriebsrats sei ATU nicht zu retten, habe dieser erkannt. „Der neue Vorstand denkt um“, lobt Fechtner. Die zuvor bei ATU regierenden Herren hätten noch 2012 eine Arbeitnehmervertretung verhindert.

Auf Pump gekauft

Das waren der jüngst abgelöste Firmenchef Hans-Norbert Topp und Finanzinvestor KKR, der in der Oberpfalz wie die idealtypisch fragwürdige Heuschrecke agiert hat. ATU für 1,45 Milliarden Euro auf Pump gekauft, die Schulden dem Unternehmen aufgebürdet, das unter dieser Last zu kollabieren drohte – das ist die Kurzfassung der Vorwürfe an die Adresse von KKR.

Komplett erklärt das die jahrelange Talfahrt der Schrauber-Kette nicht. Als sie vom einstigen Firmenpatriarch Peter Unger verkauft wurde, wechselten nur Markenname und Werkstatteinrichtung den Besitzer, erinnern sich Wegbegleiter. Die Immobilien blieben in Ungers Hand und wurden von ihm langfristig und angeblich zu um ein Drittel überhöhten Preisen an ATU vermietet. Damit waren die Weidener doppelt geknebelt, durch Mieten und Übernahmekosten.

Gewerkschafter wie Udo Schmode prangern auch Managementfehler an. „Man hat sich auf schneeweiße Winter verlassen“, beschreibt der IG Metall-Unternehmensbeauftragte die Zeit unter KKR. Als „Kommandowirtschaft“ beschreibt er diese ATU acht Jahre lang lähmende Phase, die insgesamt neun Managerwechsel an der Firmenspitze gebracht hat. Andere Branchenexperten bestätigen, dass ATU gefährlich stark vom Wechsel und Verkauf von Reifen abhängig ist und witterungsunabhängige Geschäfte mit Autoglas oder Internet sträflich vernachlässigt hat.

Schmode sieht nun in Weiden erstmals eine Managerriege am Werk, die den Karren nachhaltig aus dem Dreck ziehen könnte. „Die gehen anders ran, professionell“, sagt der Gewerkschafter. Scheuch will aber auch weitere 900 Stellen streichen, nachdem eine frühere Abbaurunde 2000 Stellen gekostet hatte. Betriebsräte und IG Metall verhandeln. Für die Weidener Zentrale habe man erreicht, dass statt geplanter 140 nur 50 Stellen gestrichen werden, sagt Fechtner.

Nicht alle sind aber von den neuen ATU-Herren begeistert. Das sind die Gläubiger einer ATU-Anleihe über 150 Millionen Euro von 2004, die eigentlich im Oktober 2014 fällig geworden wäre. Centerbridge hat die ATU-Sanierung auf Basis britischen und US-Rechts so eingefädelt, dass diese Anleihegläubiger völlig leer ausgehen.

Centerbridge selbst hatte sich zuvor in eine andere Anleihe eingekauft und sie zu Firmenanteilen gemacht, um die Kontrolle von ATU zu übernehmen.

Klagen möglich

Rund 180 Millionen Euro hat das die neuen Investoren gekostet, sagt ein Insider. Weitere 100 Millionen Euro investiert Centerbridge in ATU, um das Unternehmen mit rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz wieder flott zu machen. Die Methoden seien aber mit Blick auf die Anleihegläubiger der „räuberische Versuch“, die Sanierung auf deren Kosten durchzuziehen, kritisiert die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Sie prüft wie Gläubigeranwalt Carsten Heise nun eine Klage gegen Centerbridge.

Das Vorgehen der neuen ATU-Herren sei „rechtlich abgesichert“, aber wohl recht speziell, formuliert Gewerkschafter Schmode vorsichtig. Für Beschäftigte und Unternehmen sei Centerbridge die letzte Chance, schätzt Kollege Fechtner. Ob der Marktführer wirklich die Trendwende schafft und neue Strategien fruchten, sei aber wohl erst in zwei Jahren gewiss.