Es droht eine neue Eskalationsspirale im Ukraine-Krieg. Die russischen Militärkreise zeigen sich nervös wegen der neuesten Ankündigung der USA, die sogenannten High Mobility Artillery Rocket Systems Himars (М142), ein Mehrfachraketenwerfer-Artilleriesystem (MLRS), an die Ukraine zu liefern. Auch Großbritannien will in den USA produzierte MLRS М270 an die Ukraine übergeben – für die Raketen mit einer Reichweite von maximal 80 Kilometern. Wohin wird das aber führen?

Laut dem russischen Militärexperten Igor Korotchenko wäre eine Himars-Übergabe an die Ukraine „kein sehr gutes Szenario“ für Russland. Die russischen Streitkräfte wollen sich darauf vorbereiten und drohen damit, die Entscheidungszentren in Kiew, also selbst das Büro von Präsident Selenskyj, anzugreifen, falls die Ukraine die Entscheidung trifft, mit Langstreckenraketen das russische Territorium zu attackieren.

Kreml-Chef Wladimir Putin reagierte zwar gelassen auf die Lieferungen der Artilleriesysteme, drohte aber mit Angriffen auf Objekte in der Ukraine, die „die russische Armee bisher verschont hat“. Er drohte außerdem mit Vergeltung, sollte der Westen entsprechende Langstreckenraketen mit einer Reichweite von über 70 Kilometer an die Ukraine liefern.

Ansonsten sei eine Lieferung von MLRS der amerikanischen Produktion „nichts Neues“ für Russland, so Putin, denn die ukrainische Armee habe schon früher ähnliche Systeme der sowjetischen und russischen Produktion des Typus Grad, Smertsch und Hurrikan in ihren Beständen gehabt – Raketen also, die über eine Reichweite von „nur“ 40 bis 70 Kilometern verfügen.

Die blutige Stunde der modernen schweren Artillerie

Doch auch wenn der russische Oberbefehlshaber sich äußerlich so gelassen gibt, bedeutet das nicht, dass er nicht beunruhigt ist. Denn es stellte sich im Ukraine-Krieg heraus: Das Militärpotenzial der ukrainischen Armee ist offenbar größer, als selbst westliche Geheimdienste es erwartet hätten. Russlands Quick-win-Szenario, also das Szenario des schnellen Sieges, ist gescheitert, und jetzt scheint der Krieg zu einem langwierigen Konflikt zu werden, was auch die Anführer der EU und der Nato betonen.

Obwohl sich die meisten westlichen Experten einig waren, dass schwere Artillerie für eine moderne Kriegsführung weniger effektiv sei als etwa Hyperschallwaffen oder Cyberwaffen, hatten russische Forscher schon früher festgestellt, dass genau diese Art von schweren Waffen im Fall einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine entscheidend sein wird.

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Russische Panzer des Typs T-72

In der Anfangsphase des Konflikts unterstützten europäische Länder wie Polen die Ukraine noch ganz vorsichtig mit kleinen Panzerabwehrwaffen wie Panzerfäusten oder mit alter Artillerie sowjetischer Produktion, darunter 200 Panzer des Typs T-72, von denen übrigens auch Russland einige besitzt.

Es wurde argumentiert, dass der Einsatz von moderner schwerer Artillerie in der Ukraine eine intensive Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte erfordere und es keine Zeit dafür gebe. Nun kann man aber eine qualitative Veränderung des Potenzials im Bereich der schweren Artillerie in der Ukraine beobachten. Denn der Westen stellt der Ukraine zunehmend auch schweres Kriegsgerät bereit, darunter Haubitzen und Kampfpanzer. Spanien hat Kiew nun sogar die alten eigenen Kampfpanzer Leopard 2 in Aussicht gestellt.

Die gesamten Liefermengen wirken beeindruckend, obwohl man die exakten Daten aufgrund der Geheimhaltungstaktik des Militärs nicht genau einschätzen kann. Doch kann man mit diesen Waffen Russland wirklich besiegen?

Russland informiert die Welt seit 2015 nicht mehr über seine Waffen

Das russische Kriegspotenzial ist technisch gesehen nach wie vor groß. Doch die Welt wird nicht erfahren, wie groß dieses Potenzial genau ist. Russland hatte seine Teilnahme an Sitzungen der Gemeinsamen Beratungsgruppe zum Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) 2015 eingestellt.

Eines der wichtigen Elemente dieses Abkommens war die Bereitstellung von Daten über die Zahl und den Standort der Streitkräfte der einzelnen Mitgliedsländer. Es bleiben also nur die offenen Quellen auf Basis der sogenannten Open Source Intelligence (OSINT), die Nachrichtendienste verarbeiten, sowie offizielle Mitteilungen, die allerdings sehr oft Elemente der staatlichen Propaganda sind.

Nach Schätzungen des British Institute for International Strategic Studies (IISS) waren die ukrainischen Streitkräfte den russischen zahlenmäßig vor dem Kriegsbeginn um das Fünffache unterlegen. Qualitativ erwies sich die ukrainische Armee offenbar aber als überlegen, weswegen auch das russische Quick-win-Szenario scheiterte. Das folgt auch einer gewissen Logik, denn die Ukrainer verteidigen ihr Land.

Neben den Kampfhandlungen unmittelbar in der Ukraine ist es dabei offensichtlich, dass sich der Krieg auch im Informations- bzw. Pressebereich entfaltet, und zwar nicht nur zwischen Russland und der Ukraine, sondern auch zwischen Russland und der Nato. Unter diesen Bedingungen ist die Analyse des russischen Militärpotenzials durch russische Analysten und dessen Vergleiche mit dem des „Feindes“ eine der Formen der Konfrontation und eines der Werkzeuge, um den Nebel des Krieges weiter zu verdichten.

Hat Russland mehr Panzer als die gesamte Nato?

Schon 2019 berichtete Rossijskaja gaseta, das offizielle Presseorgan der russischen Regierung, unter Berufung auf eine Einschätzung des amerikanischen Portals We Are The Mighty, dass Russland angeblich einen quantitativen Vorsprung bei der Gesamtzahl aller Panzertypen im Vergleich zur gesamten Nato habe: Wenn die Nato nur 11.000 Stück habe, so der Text, habe Russland inklusive der Panzer der Typen T-72, T-80 und T-90 etwa 22.000 Stück. Darüber hinaus wurde im Artikel behauptet, dass das russische Panzerpotenzial die Nato in Bezug auf Produktionsgeschwindigkeit und -qualität in allen Schlüsselindikatoren übertreffe.

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Russische Panzer des Typs T-72

Informationen über die angeblich doppelte Panzerüberlegenheit Russlands gegenüber der Nato sind sicherlich mehr als überzogen. Das amerikanische Portal Global Firepower erkennt Russland zwar als führend in Bezug auf die Anzahl der Kampfpanzer im Jahr 2022 im Vergleich zu allen anderen Ländern an. Nach Angaben des Portals verfügte Russland Anfang des Jahres über 12.420 Kampfpanzer, die Vereinigten Staaten folgten danach mit nur 6612 Kampfpanzern. Insgesamt sollen alle Nato-Mitglieder jedoch mindestens über 16.000 Kampfpanzer verfügen – wie konnte also die Nato 2019 nur 11.000 Panzer von allen Typen haben, wie die russische Berichterstattung darstellt? In der Ukraine wurden zur gleichen Zeit 2596 Kampfpanzer gezählt.

Im Allgemeinen ist die Rhetorik russischer Militärexperten über westliche Militärausrüstung in den letzten Jahren sehr negativ. Solche Einschätzungen vonseiten Russlands sollten aber nicht überraschen. Immerhin sind sie dazu da, die Kampfmoral hochzuhalten und patriotische Gefühle zu wecken. Die Panzerverluste Russlands im Krieg wiederum lassen sich ebenfalls schwer einschätzen. Die ukrainische Armee behauptete, bis Mitte Mai 1228 russische Panzer zerstört zu haben, aber sollte man diesen Informationen angesichts der Propaganda auf allen Seiten vertrauen?

Wird das ukrainische Militär schwere Waffen benutzen können?

Im Laufe des Ukraine-Krieges machten russische Militärexperten weitere bemerkenswerte Vergleiche. So bewertete der Oberst a. D. Michail Chodarenok amerikanische leicht gepanzerte Mannschaftstransporter M133, die Berichten zufolge bereits Mitte April in einer Menge von 200 Stück an die Ukraine übergeben wurden. Diese gepanzerten M133-Mannschaftstransporter, so Chodarenok, wären bereits 1960 im Dienst der US-Soldaten gewesen, hätten während des Vietnamkriegs eine „Feuertaufe“ erhalten und werden nun nach und nach durch modernere Technologien ersetzt.

Das russische Analogon dieses Transporters ist der leicht gepanzerte Mehrzwecktransporter (MT-LB). In den meisten Hauptmerkmalen sind beide Fahrzeuge schon identisch, als Hauptnachteil des amerikanischen M113 wird in Russland allerdings seine schwache Panzerung genannt. Chodarenok stellt fest, dass der amerikanische Schützenpanzer von russischen 30-mm-Kanonen leicht zerstört werden kann.

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US-amerikanische Haubitzen M777

Zuletzt wurde auch berichtet, dass die Vereinigten Staaten fast 100 M777-Haubitzen an die Ukraine übergeben würden (zehn aus Kanada und Australien und 90 aus den USA). Dieser Typ von Haubitzen gehört zu den neusten Entwicklungen, und deren Anwendung benötigt eine spezielle Schulung der ukrainischen Soldaten. Einige russische Experten bezweifeln deswegen, dass das ukrainische Militär in der Lage sei, solche hoch entwickelten Waffen sofort zu beherrschen.

Russisches Verteidigungsministerium
Ein Soldat bereitet sich darauf vor, eine Salve aus einer 152-mm-Selbstfahrlafette Hyacinth-S abzufeuern.

Experten nennen das selbstfahrende Artillerie-Reittier Hyacinth-S das russische Gegenstück zum M777. Nach Einschätzung des ehemaligen Kommandeurs der 58. Armee, Generalleutnant Anatoly Khrulev, ist die amerikanische Haubitze vor allem deshalb anfällig, weil sie mitgezogen werden muss und für ihren Transport ein leistungsstarker Lastwagen erforderlich ist, von denen die Streitkräfte der Ukraine angeblich nicht genug hätten.

Das russische Analogon Hyacinth-S ist dagegen selbstfahrend und kann Geschwindigkeiten von bis zu 60 Stundenkilometern erreichen. Gleichzeitig stellt Khrulev fest, dass amerikanische Haubitzen in früheren Artillerie-Duellen Luftaufklärungsgeräte wie Drohnen als Stärkung bekommen hätten, um Ziele genau anzuvisieren. Das würde die amerikanischen Haubitzen in dieser Kombination gefährlicher machen.

Anfang Mai äußerten russische Experten Zweifel an den selbstfahrenden Flugabwehrkanonenpanzern vom Typ Gepard, die Deutschland der Ukraine versprochen hatte. Sie glaubten, dass die beeindruckenden technischen Eigenschaften und die komplexe Steuerung, die eine lange Vorbereitungszeit erforderte, eine Lieferung unwahrscheinlich machten.

Deutschland will aber offenbar noch im Juli mindestens 15 Gepards an die Ukraine liefern und hat laut Bundeskanzler Scholz sogar damit begonnen, das ukrainische Militär dafür auszubilden. Die Munition dafür müsse allerdings noch besorgt werden.

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Ein Luftverteidigungssystem Tunguska nimmt im Rahmen der Internationalen Armeespiele 2021 auf dem Schießstand von Alabino bei Moskau an einer Ausstellung militärischer Ausrüstung teil.

Das russische Analogon von Geparden, das sowohl in Russland als auch in der Ukraine im Einsatz sei, ist das Luftverteidigungsraketensystem Tunguska. Laut der Zeitschrift The Military Balance verfügte Russland nach den letzten Daten 2016 über 250 solcher Gerätschaften. Die Ukraine hatte im Jahr 2021 nur 75 davon.

U.S. Army
Ein US-Soldat startet eine Switchblade-Drohne während einer Demonstration auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr, Bayern, am 6. April 2018.

Die größte Gefahr: Westliche Drohnen?

Es sind allerdings die amerikanischen Drohnen, die unter russischen Experten eine große Besorgnis hervorrufen. Besonders hervorzuheben sind die amerikanischen unbemannten Drohnen namens Switchblade, die sich als sehr effektiv bei der Bekämpfung schwerer Artillerie erwiesen.

Die Vereinigten Staaten sagten der Ukraine Berichten zufolge mindestens 700 Switchblades zu. Russische Experten argumentieren, dass solch eine Drohne von Luftverteidigungssystemen wie dem mobilen Luftverteidigungssystem Tor-M2 abgeschossen werden könne. Russland hat mindestens zwölf davon, den Rest von etwa 120 SAMs 9K331, 9K332 oder Tor-M/M1/M2/M2U nicht mitgezählt.

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Ein Tor-M2-Raketensystem beteiligt sich an Militärübungen der Flugabwehreinheiten der russischen baltischen Flotte in Kaliningrad.

Es wird in der Debatte in Russland ebenfalls darauf hingewiesen, dass eine große Anzahl gelieferter Switchblade-Drohnen zu einer Überlastung der russischen Luftverteidigungskräfte führen könnte.

Eine Reaktion suchen die russischen Militärexperten nun auf die US-Lieferungen der Mehrfachraketenwerfer-Artilleriesysteme (MLRS) wie die oben beschriebenen Himars. Laut dem Direktor des russischen Museums für Luftverteidigungskräfte, Jury Knutov, wird ein Himars-System normalerweise schon mit sechs Raketen mit einer Reichweite von bis zu 70 Kilometern ausgestattet und könnte, wegen der unpräzisen Steuerung, zum Tod vieler Zivilisten führen, den ukrainischen Streitkräften aber nicht wirklich zu einem Sieg verhelfen. Raketen mit einer Reichweite von bis zu 70 Kilometern werden in Russland als „klassisch“ angesehen und nicht als Eskalationsstufe gewertet, die eine eskalierende härtere Reaktion der russischen Streitkräfte erfordert.

Russisches Verteidigungsministerium
Ein erbeutetes MLRS Tornado-S der ukrainischen Streitkräfte wird hier angeblich an die Einheiten der Volksrepublik Donezk übergeben.

Die russischen Streitkräfte haben als Analogon zu Himars die Systeme Tornado-S, die viel moderner und gefährlicher sind als die Typen Grad oder Smertsch. Der Kriegsveteran Alexey Sakanzev warnt die russische Militärführung davor, die Himars-Systeme zu unterschätzen. Die russischen Streitkräfte sollten die Himars-Systeme so früh wie möglich vernichten. Die russischen Luftverteidigungssysteme S-300, S-350, S-400 Triumf, Buk, Тор-М2 und Tunguska sind seiner Einschätzung nach für die Bekämpfung von Himars М142-Raketen zwar geeignet. Aber sollten diese Raketen mit einem GPS-Signal abgefeuert werden, wird es für die Russen praktisch fast unmöglich sein, die Rakete vorher abzufangen.

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Soldaten nehmen an Übungen der russischen Ostseeflotte mit einem Luftverteidigungs-Raketensystem S-400 Triumf am 25. März 2022 teil.

Wie viele Kriegsressourcen gibt es noch?

Es ist also nach drei Monaten Ukraine-Krieg nicht nur ein Trend zur Eskalation zu beobachten, sondern auch einer Überlastung beider Kriegsparteien. Russische Militärexperten sind sich öffentlich zwar einig, dass westliche Hilfe für die Ukraine auf dem Schlachtfeld nicht entscheidend sein werde, weil russische Ressourcen trotzdem wenigstens zahlenmäßig die ukrainischen übertreffen. Objektiv gesehen ist es aber schwer zu sagen, wie viele Militärressourcen in Russland wirklich vorhanden sind.

Offiziell verneint Moskau die Aussicht auf eine Generalmobilisierung, doch je länger der Krieg andauert, desto deutlicher wird, dass er eine deutliche Aufstockung des Personals erfordert.

Die verdeckte Mobilisierung in Russland geht weiter, alle Arten von Ressourcen werden verwendet, um sogenannte Vertragssoldaten zu gewinnen. (Die Voraussetzungen für solch einen Vertragsdienst werden immer weiter gesenkt.) Die Hauptfrage ist, ab wann Moskau die nächste Lieferung der westlichen Waffen an die Ukraine als Überschreiten der roten Linie betrachtet. Deklarativ argumentieren Beamte seit Langem, dass sich die „militärische Sonderoperation“ in der Ukraine nicht gegen die Ukraine, sondern gegen den gesamten kollektiven Westen richte.

Das Überschreiten der von Moskau erklärten roten Linie sollte eigentlich den Eintritt neuer Parteien in den Krieg bedeuten, aber es ist nicht klar, wie der Kreml genau reagieren wird. Wenn die internationale Politik weiterhin nicht auf einen routinierten, langwierigen diplomatischen Austausch setzt, wird sich der Nebel des Krieges noch weiter verdichten.

*Der Autor hat einen wissenschaftlichen Hintergrund und schreibt hier unter einem Pseudonym. Sein Name ist der Redaktion bekannt.