Der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi.
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BerlinIn Zeiten, in denen die Corona-Pandemie die Weltwirtschaft lahmlegt, bleiben Veränderungen, die nur eine ganz bestimmte Branche betreffen nahezu unbemerkt. Das gilt sogar für den deutschen Fernsehmarkt. Er wird, von den Öffentlich-Rechtlichen einmal abgesehen, im Wesentlichen von zwei großen Senderfamilien beherrscht: von der Mediengruppe RTL Deutschland und von der Pro Sieben Sat 1 Media SE. RTL gehört dem Medienunternehmen Bertelsmann. Die Aktien von Pro Sieben Sat 1 befanden sich bis vor einiger Zeit nahezu komplett in Streubesitz.

Letzteres hat sich geändert. Bereits im Mai 2019 wurde bekannt, dass der Mailänder Medienkonzern Mediaset 9,6 Prozent der Pro-Sieben-Sat-1-Anteile übernommen hat. Inzwischen halten die Italiener an der Sendergruppe eine Beteiligung in Höhe von 20,1 Prozent. Zuletzt kauften sie Ende März Anteile an dem deutschen TV-Konzern hinzu. In Branchenkreisen wird spekuliert, Mediaset könne demnächst seine Beteiligung auf 25 Prozent aufstocken. Dann würde das Unternehmen über eine Sperrminorität verfügen. Ohne seine Zustimmung ginge bei Pro Sieben Sat 1 gar nichts mehr.

Hauptgesellschafter von Mediaset ist Berlusconis Familie

Mediaset ist nicht irgendein Medienkonzern. Hauptgesellschafter des Unternehmens ist die Familie des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Dessen politischer Aufstieg in den 1990er-Jahren wäre ohne die massive Unterstützung der italienischen Mediaset-Sender kaum möglich gewesen. So aber wurde Berlusconi der wohl erste populistische Regierungschef neuen Typs und damit zur Blaupause für Politiker wie Viktor Orban, Boris Johnson oder Donald Trump.

Darf man der Familie eines solchen Mannes eine der größten deutschen Sendergruppen überlassen? Schon ihr letzter Anteilserwerb verschaffte den Italienern einen „wettbewerblich erheblichen Einfluss auf die Pro Sieben Sat 1 Media SE“, wie es in der dazu erforderlichen Anmeldung beim Bundeskartellamt heißt. Die Meldung eines Branchendienstes, dass damit eine neuerliche Aufstockung der Mediaset-Beteiligung vorbereitet werde, ist zwar eine Ente. Dennoch ist der Einfluss der Mailänder beim TV-Konzern schon jetzt gewaltig: Die Absetzung des Chefs der Sendergruppe, Max Conze, Ende März soll vor allem auf Druck von Mediaset erfolgt sein.

Forderung nach Fusion

Kann die Medienpolitik der schleichenden Übernahme von Pro Sieben Sat 1 durch den Berlusconi-Konzern weiterhin zusehen? In einem anderen Zusammenhang forderte bereits Mitte Februar Bertelsmann-Chef Thomas Rabe die Politik auf, das Kartellrecht zu ändern, um eine Fusion seiner RTL-Gruppe mit Pro Sieben Sat 1 zu ermöglichen. Es brauche „nationale Champions“, auch „im Fernsehbereich“. Gut einen Monat später wiederholte Rabe anlässlich der Bertelsmann-Bilanzpressekonferenz seine Forderung.

Aber wäre, Berlusconi hin oder her, eine Fusion der beiden großen deutschen TV-Konzerne wirklich wünschenswert? Im Sinne der Meinungsvielfalt wäre sie auf gar keinen Fall. Und wer garantiert eigentlich, dass die Bertelsmann-Tochter RTL dauerhaft stabil bleibt und nicht selbst eines Tages zum Einfallstor fragwürdiger Investoren wird? 1994 jedenfalls schwatzte ausgerechnet Bertelsmann dem schon damals nicht gut beleumundeten Medien-Tycoon Rupert Murdoch die Anteilsmehrheit von Vox auf, der den seinerzeit insolventen TV-Sender sanierte.

Zudem ist fraglich, ob man hierzulande allein mit Pro Sieben Sat 1 ein politisches Beben auslösen könnte. Der deutsche TV-Konzern hat nicht die Bedeutung, die Berlusconis Sender in den 1990er-Jahren in Italien hatten. Hinzu kommt: Damals war das Fernsehen das Leitmedium. Heute ist es das Internet.