Berlin - Börsengewinne wandern zu mehr als einem Viertel ins Staatssäckel. Nur ältere Aktien oder längerfristige Goldanlagen sind ausgenommen. Es gibt aber Möglichkeiten, möglichst viele Gewinne mitzunehmen. Der Rechtsanwalt und Steuerberater Markus Deutsch erklärt, was zu beachten ist.

Abgeltungssteuer

Im Jahr 2009 erließ die Bundesregierung eine Reform, die es Anlegern erleichtern sollte, ihre Gewinne aus Geldanlagen zu versteuern: Die Abgeltungssteuer oder auch Kapitalertragssteuer wurde eingeführt; sie wird direkt von den Banken an die Finanzämter abgeführt.

Die Abgeltungssteuer wird auf Gewinne aus den verschiedensten Finanzprodukten erhoben, also auf Gewinne aus Aktien, Derivaten, Zertifikaten, Fonds, ETFs, Rentenpapieren etc. Gewinne werden zum Beispiel durch Verkäufe, aber auch durch Renditen wie Dividenden erzielt. Auch die Veräußerung einer Kapitallebensversicherung oder eine Rechtsübertragung von Hypotheken oder Renten werden mit der Abgeltungssteuer belegt.

Gewinne aus dem Verkauf solcher Produkte werden unabhängig vom Einkommen pauschal mit 25 Prozent besteuert. Auf die Steuersumme werden noch 5,5 Prozent Solidaritätszuschlag und bei Konfessionszugehörigkeit 9 Prozent Kirchensteuer geschlagen. „Der Gesamtsatz liegt knapp unter 28 Prozent – das ist manchen politischen Parteien zu wenig, ist aber höher als in einigen Nachbarländern“, sagt Deutsch, der auch als Vizepräsident den Steuerberaterverband Berlin Brandenburg vertritt. Die Steuersätze in der EU liegen in etwa zwischen 10 und 30 Prozent.

Wer vor zehn Jahren für 10.000 Euro Aktien gekauft hat und diese heute für 20.000 Euro verkauft, erhält als Gewinn also nicht 10.000 Euro, sondern etwas weniger als 7500 Euro. Der Staat verdient am Börsengewinn kräftig mit. Der Solidaritätszuschlag auf die Einkommenssteuer wird ab 2021 nur noch bei hohen Einkommen veranschlagt. Ähnliches ist auch bei der Abgeltungssteuer geplant. Ab 2021 profitieren zunächst Menschen mit geringem Einkommen. Wer knapp 17.000 Euro (Singles)/34.000 Euro (zusammen Veranlagte) verdient, zahlt keinen Soli. Darüber wird er zunächst vermindert, bei hohen Einkommen voll erhoben, teilt das Finanzministerium mit.

Absenken des Steuersatzes

„Hat ein Anleger einen geringeren Steuersatz als 25 Prozent auf sein Einkommen, kann er in der Steuererklärung beantragen, dass sein individueller Steuersatz auch auf Gewinne aus Anlageprodukten gilt“, sagt Deutsch. Grundlage ist die sogenannte Günstigerprüfung. Das Finanzamt muss immer die für den Steuerzahler günstigste Steuerregelung anwenden. Dieses Prinzip kann zum Vorteil der Anleger sein. Wer Börsengeschäfte im Namen von seinen Kindern tätigt, die kein Einkommen haben, kann den Steuersatz sogar bis auf null senken. „In diesem Fall bekommt man die Steuer komplett zurück“, sagt Deutsch.

Verluste

Verkauft ein Anleger ein Finanzprodukt mit Verlust, verrechnet die Bank diesen mit einem Gewinn – aber nur unter bestimmten Bedingungen. „Das Depot der beiden Finanzprodukte muss sich bei derselben Bank befinden und der Verkauf muss im selben Jahr getätigt werden“, sagt Deutsch. Befindet sich ein Depot bei einer anderen Bank, sollte sich der Anleger eine Bescheinigung von der Bank ausstellen lassen, wo das Depot mit der verlustreichen Anlage lag. „Dann kann er die Verrechnung mit dem Gewinn bei der Steuererklärung beantragen.“

Ältere Finanzprodukte

Gewinne aus dem Verkauf von Aktien, die vor dem 1. Januar 2009 gekauft wurden, sind weiter steuerfrei. Um alte von neuen Aktien zu trennen, ist es ratsam, zwei Depots zu führen. Es lohnt sich, die älteren Aktien lange zu halten.

Bei Investmentfonds hat der Gesetzgeber die Steuerfreiheit vor zwei Jahren aufgehoben. 2018 wurde der Wert von Fonds festgestellt und amtlich notiert. Der Gesetzgeber behandelt die Fonds quasi, als seien sie am 31. Dezember 2017 verkauft und am 1. Januar 2018 neu angeschafft worden. „Die Wertsteigerung, die seitdem entstanden ist, muss bei Fonds jetzt versteuert werden“, sagt Deutsch. Allerdings hat der Gesetzgeber hier eine eigene Freibetragsgrenze von 100.000 Euro eingeführt. Werden, zum Beispiel durch Dividenden, jährlich Gewinne aus solchen Alt-Fonds eingestrichen, werden diese laufend von den 100.000 Euro abgezogen.

Auslandsdepot

Finanzprodukte auf Depots im Ausland anzulegen, war früher ein beliebter Weg, das Geld am Finanzamt in Deutschland vorbeizuschleusen. Mittlerweile gibt es mit den meisten Ländern einen automatischen Datenaustausch über Finanzkontodaten – das Finanzkontenaustauschgesetz von 2018 macht es möglich. „Wenn ich in Liechtenstein ein Konto habe, ist Liechtenstein dazu verpflichtet, die Kontodaten weiterzugeben“, sagt Deutsch. Das Netz der beteiligten Staaten werde immer dichter. „Es gibt kaum noch Staaten, die keinen Austausch haben.“ Hat das Finanzamt Kenntnis von einem solchen Depot erhalten, aus dem früher keine Gewinne gemeldet wurden, ist es zu spät für eine Selbstanzeige. Das Finanzamt wird gegen den Steuerzahler tätig.

Freistellungsbetrag

Anleger dürfen jährlich 801 Euro Kapitalgewinne steuerfrei einstreichen. Bei Ehepaaren sind es 1602 Euro. Vor 20 Jahren war der Betrag noch doppelt so hoch. Wer mehrere Depots hat, muss überlegen, wo die meisten Dividenden gezahlt werden, oder von welchem Depot Aktien verkauft werden sollen. Der Freibetrag kann online geändert werden.

Altersvorsorge

Finanzprodukte, die als private Altersvorsorge abgeschlossen wurden, werden nicht mit der Abgeltungssteuer besteuert. Das gilt zum Beispiel für Riester-Fondssparpläne, Rürup-Renten und betriebliche Vorsorgepläne. Wenn private Renten- und Kapitallebensversicherungen vor dem 1. Januar 2005 abgeschlossen wurden und die Haltedauer mindestens zwölf Jahre beträgt, sind diese ebenfalls von der Steuer ausgenommen.

Gold

Das Wertmetall Gold sowie Goldzertifikate unterliegen einer besonderen Regelung. „Wer sie erwirbt, kann sie nach einem Jahr steuerfrei verkaufen“, sagt Deutsch. Das gilt für physisches Gold, aber auch für Wertpapiere, die auf Gold basieren, sogenannte Gold-ETC. Wird die Gold-Geldanlage innerhalb von einem Jahr verkauft, ist der Gewinn steuerpflichtig. Es gibt aber eine separate Freigrenze in Höhe von 600 Euro. Gewinne ab 600 Euro sind in voller Höhe als sonstige Einkünfte mit dem individuellen Steuersatz zu versteuern.