Die Investoren der Vox-Show "Die Höhle der Löwen": Carsten Maschmeyer (l-r), Judith Williams, Ralf Dümmel, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl, Georg Kofler und Nils Glagau.
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BerlinVon der Gründer-Show „Die Höhle der Löwen“ läuft mittlerweile die sechste Staffel und immer noch schalten wöchentlich regelmäßig knapp drei Millionen Fernsehzuschauer ein. Das Konzept der Show: Echte Start-ups geben vor laufender Kamera einen Pitch, das heißt, sie präsentieren ihr Unternehmen möglichen Investoren. Kommt es zu einem Deal, geben die Investoren Geld und die Gründer im Gegenzug Unternehmensanteile. Eigentlich. Denn in nicht wenigen Fällen sind die Deals bereits zur Ausstrahlung schon wieder Geschichte. Also alles nur Show?

Zu einem geplatztem Deal kam es auch bei dem Berliner Start-up „Deine Studienfinanzierung“. Mit ihrer App, die Studierenden zum Beispiel helfen soll, komplizierte Bafög-Anträge durchzusehen, überzeugten sie in der aktuellen Staffel zwar Investor Frank Thelen, doch das in der Sendung genannte Investment von 500.000 Euro für 17,5 Prozent Unternehmensanteile wurde nie getätigt. Das aber habe einen nachvollziehbaren Grund gehabt, sagt Gründer David Meyer. Man sei sich nach der Show bei der Bewertung nicht einig geworden. So sei der Deal sowieso nur unter der Prämisse zustande gekommen, sich mit bereits bestehenden Investoren über die Verteilung der Anteile zu einigen. Das ist nicht aufgegangen. „Dennoch war das ein ganz normaler Prozess“, betont Meyer. Solche Nachverhandlungen seien auch im realen Leben ganz normal – und dass Deals schon mal platzen auch.

Investor und Gründer Michael Brehm: "Die Sendung hat mit der Realität nur wenig zu tun"

Vielmehr sei dieser Prozess im realen Leben noch um einiges ausgeprägter. „In Wahrheit zieht sich die Investorenakquise meist über Monate“, sagt Michael Brehm. Der Berliner ist zugleich Gründer des KI-Start-ups i2x wie auch langjähriger Investor und kennt somit beide Seiten. Auf 300 Pitches würden normalerweise gefühlt 299 Absagen folgen, sagt er. Das Format sei zwar gut, um das Thema Start-ups präsenter zu machen, seiner Ansicht nach habe die Sendung mit der Realität aber nur wenig zu tun. „Die entscheidenden Verhandlungsprozesse, die erst nach der Löwengewinnung hinter den Kulissen laufen, werden nicht gezeigt. So entsteht ein verzerrtes Bild“, sagt er. Dies vermittle den Eindruck, dass eine kurze Vorstellung des Produktes beziehungsweise der Business-Idee für das Gewinnen eines Investors ausreiche.

Ein tieferer Blick in die Geschäftszahlen, in den Markt und die Technologie – in wenigen Minuten ist das kaum möglich, aber auch nicht das Konzept des Formats. Die Show ist Unterhaltung, das Bühnenbild gestellt, der gesendete Auftritt der Gründer nur ein Ausschnitt des tatsächlichen Gesprächs und dazu spannend zusammengeschnitten. So dauerte die Aufzeichnung, wie aus Gesprächen mit mehreren Gründern hervorgeht, stets 60 bis 90 Minuten und länger. Der Zuschauer sieht weniger als die Hälfte.

"Spooning Cookie Dough" profitierte von der Hilfe der Investoren

Doch was resultiert daraus? Die Investorengelder, wenn sie denn fließen, gibt es tatsächlich. Allein in der vergangenes Jahr ausgestrahlten Staffel sind 39 Deals zustande gekommen. Insgesamt verteilten sich dabei laut einer Berechnung von Deutsche-Startups.de 11.645.000 Euro auf die knapp 40 Start-ups.

Eines davon war „Spooning Cookie Dough“, das junge Unternehmen der Gründer Diana Hildenbrand und Constantin Feistkorn verkauft rohen Keksteig ohne Bauchschmerzen in allen denkbaren Geschmacksrichtungen. Vor der Aufzeichnung betrieben sie nur eine Bar in der Kollwitzstraße in Prenzlauer Berg. Innerhalb eines Jahres sind zwei weitere Standorte hinzugekommen, außerdem schafften die Gründer den Sprung in den Einzelhandel. „So schnell hätten wir all das ohne die Höhle der Löwen und unseren Investoren Dagmar Wöhrl und Frank Dümmel nicht erreicht“, ist sich Feistkorn sicher. Allein die Aufmerksamkeit nach der Show war riesig. Am Tag nach der Ausstrahlung habe es zeitweise 100 000 Zugriffe gleichzeitig auf ihre Website gegeben. „Jetzt geht es für uns darum, langfristig auf der Welle zu surfen“, sagt Feistkorn.

Es geht darum aus einem Hype ein langfristig stabiles Unternehmen zu entwickeln

Auch Meyer sagt, trotz des geplatzten Deals habe die Sendung nur positive Auswirkungen auf das Unternehmen gehabt. Mit Fast-Investor Frank Thelen und seinem Team habe man im Nachhinein noch einen sehr guten Austausch gehabt. „Wir würden uns jederzeit wieder für eine Teilnahme entscheiden.“

Von der Aufmerksamkeit profitieren selbst Start-ups, die keinen Deal in der Sendung bekommen haben. Mareile Wölwer von Vetevo war vor wenigen Wochen mit ihrem Wurmtestset für Tiere in der Sendung zu sehen. Danach hätten sich bereits mehrere potenzielle Geschäftspartner gemeldet, auch der Absatz der Produkte habe sich in wenigen Tagen verdreifacht.

Für sie und alle anderen geht es nach der Sendung darum, aus einem Hype ein langfristig stabiles Unternehmen zu entwickeln. Zahlreiche Start-ups aus früheren Staffeln haben das geschafft, einige nicht. Den allerersten Deal der Sendung überhaupt schloss 2014 ein Berliner Unternehmen, Crispywallet. Die Firma ist mittlerweile insolvent.

Fazit: Vieles ist Show, die Gründer aber sind echt.