Im letzten Jahr haben Berliner Unternehmen nach Angaben der Industrie und Handelskammer Berlin (IHK) Güter im Wert von 794 Millionen Euro in das Vereinigte Königreich exportiert. Im Unterschied zum Bundestrend ist die Zahl der Exporte nach Großbritannien in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Das gilt sogar fürs vergangene Pandemiejahr: Gegenüber dem Vorjahreszeitraum steigerten sich die Exporte von Januar bis Oktober 2020 um 15 Prozent. Im vergangenen Jahr haben die Briten insbesondere Nahrungsmittel und pharmazeutische Produkte stärker nachgefragt. Britische Unternehmen haben sich außerdem für die Monate nach dem Brexit vorsorglich mit Waren eingedeckt. Vor diesem Hintergrund geht das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft davon aus, dass die Zahl der Exporte gen UK in den kommenden Monaten einbricht. Wo der Bedarf gedeckt ist, wird nicht bestellt.

Während der Export die vergangenen Jahre stabil war, lassen sich die Auswirkungen des Brexits auf die Berliner Wirtschaft beim Import britischer Waren erahnen: Die Einfuhr ist aufgrund der mit dem Brexit verbundenen Rechtsunsicherheit seit dem Referendum über Großbritanniens Austritt konstant gesunken. Während 2016 noch Waren im Wert von 571 Millionen Euro nach Berlin verkauft worden waren, exportierten die Briten 2019 nur noch Waren im Wert von 466 Millionen Euro.

Insbesondere kleinen Unternehmen bereitet der Brexit Schwierigkeiten. Bei der IHK Berlin heißt es dazu: „Viele Anfragen erreichen uns von Berliner Unternehmen, die zum Beispiel über den eigenen Webshop Produkte oder Dienstleistungen an Privatkunden in Großbritannien verkaufen.“ Diese Unternehmen seien verpflichtet, sich im Vereinigten Königreich als Gesellschaft zu registrieren, sagt Anke Fredericksen-Alde, Bereichsleiterin Außenwirtschaft und Recht der IHK Berlin: „Das galt bisher erst ab einem bestimmten Schwellenwert, soll jetzt aber ab der ersten Bestellung bzw. dem ersten Penny greifen.“ Gerade für kleine Anbieter sei das eine erhebliche bürokratische Hürde, die den Unternehmen durch die Briten vorgeschrieben würde. Ebenso verhält es sich mit dem Zollrecht: So soll der Warenverkehr mit den Briten zwar zollfrei bleiben, seit Januar müssen allerdings alle Waren, die für den In- und Export von und nach Großbritannien vorgesehen sind, zumindest angemeldet werden.

Der Brexit ist unterdessen nicht nur für Unternehmen mit intensiven Geschäftsbeziehungen zu Großbritannien ein Problem, sondern auch für Berliner Firmen, die eine britische Rechtsform wie die Limited (ltd.) oder die Limited Liability Partnership (LLP) gewählt haben. In Großbritannien wird das Recht des Gründungsortes auf ein Unternehmen angewendet. Im Unterschied zu Deutschland spielt der Ort der eigentlichen Geschäftsaktivität nur eine untergeordnete Rolle. Allein in Berlin waren Anfang 2020 noch 1030 Gesellschaften als Limiteds registriert. Bei einem Teil dieser Unternehmen handelt es sich um reguläre Zweigstellen von britischen Firmen. Viele andere Unternehmen haben den Verwaltungssitz in Großbritannien hingegen lediglich für Briefkastenfirmen genutzt.

Gerade bei kleinen Unternehmen erfreute sich die „Flucht“ ins britische Recht in den frühen 2000er-Jahren einer großen Beliebtheit. Das günstige Grundkapital von nur einem Pfund, der niedrige bürokratische Aufwand und das geringe Haftungsrisiko waren für viele Gründer attraktiv. So war es bis Ende 2020 möglich, dass der Späti um die Ecke offiziell seinen Verwaltungssitz in der City of London hatte, aber sein Bier auch weiterhin in Berlin-Kreuzberg verkaufte. Bei Zahlungsschwierigkeiten hatten die Gläubiger dann das Nachsehen. Was nach großer, weiter Welt klingt, war in der Praxis indessen oft mit erheblichen Bürokratiekosten für die betroffenen Unternehmen verbunden. Der Umweg über London ersparte den Unternehmen nicht, gegenüber dem britischen Handelsregister Berichtspflichten zu leisten. Die britischen Gesellschaften waren zudem als Kunden bei Banken und Versicherungen eher unbeliebt, wenn sie keine Sicherheiten über das Gesellschaftsvermögen hinaus bieten konnten.

Rechtsanwälte schätzten die Limited Liability Partnership als Gesellschaftsform nichtsdestotrotz auch nach 2016. Ermöglichte sie Kanzleien bei teuren Beratungsfehlern doch, nur mit dem Gesellschaftsvermögen zu haften, ohne dabei wie bei Kapitalgesellschaften ansonsten üblich Körperschaftssteuern zahlen zu müssen. Das hat sich zum 31. Dezember 2020 verändert. Limited-Gesellschafter haften nun persönlich. Dementsprechend waren Notartermine Ende vergangenen Jahres heiß begehrt. Viele Kanzleien haben zum Jahresende noch schnell ihre bis dahin nach britischem Recht eingetragene in eine deutsche Gesellschaft umgewandelt.