An den Mal-Workshops von Artnight nahmen vor der Corona-Krise im Monat mehr als 30.000 Menschen teil. Jetzt bietet entwickelt die Firma Produkte für Zuhause. 
Foto: Artnight

BerlinEin bisschen fühlt es sich für Aimie-Sarah Carstensen und ihren Geschäftspartner David Neisinger wieder wie vor dreieinhalb Jahren an, als sie ihr Start-up Artnight gründeten und praktisch rund um die Uhr arbeiteten, um erfolgreich und bekannter zu werden. Damals ist ihnen dieser Schritt gelungen.

Artnight bringt mit kreativen Malworkshops pro Monat mittlerweile mehr als 30.000 Menschen zusammen, indem kleine Gruppen in Bars oder Restaurants unter Anleitung eines lokalen Künstlers ausgewählte Motive malen. Zudem bietet das Unternehmen weitere Workshops im Backen, Cocktails mixen oder zum Thema Pflanzen an.

Neue Strategien gefragt

Das war vor Corona und die Krise stellt das Konzept nun stark auf die Probe. „Wir mussten in fünf Ländern mehr als 1500 Events absagen“, sagt Carstensen. Bis Mitte April liegt alles auf Eis, was für das Start-up von heute auf morgen keinen Euro Umsatz und etliche Ticketerstattungen bedeutet. Ob sie nach Ostern wieder regulär weitermachen können, ist ungewiss.

Aimie-Sarah Carstensen in ihrem Homeoffice.
Foto: Artnight

Wie viele andere Berliner Unternehmer versuchen Carstensen und Neisinger deshalb ihr Geschäftsmodell an die derzeitige Situation anzupassen. Seit zwei Wochen arbeiten die 80 Mitarbeiter, die sich ansonsten ein Großraumbüro am Tempelhofer Hafen teilen, im Homeoffice.

Die eine Hälfte von ihnen kümmert sich um die Absage der geplanten Veranstaltungen, die andere feilt an einem Alternativkonzept, damit das Start-up weiterhin bestehen kann. „Wir haben eine Umfrage unter unseren Kunden gestartet, um zu erfahren, was sie sich jetzt von uns wünschen“, sagt Carstensen. Das Ergebnis: Artnight soll Produkte für die Isolation zu Hause anbieten.

Teameeting digital bei Artnights.
Foto: Artnight

Website für medizinisches Personal

Im Schnellverfahren hat das Team in einem ersten Schritt Mal- und Bastelsets entworfen und entsprechende Tutorials veröffentlicht, die Interessierte sich nach Hause liefern lassen und im Internet als Schritt-für-Schritt-Anleitung abrufen können. In den kommenden Tagen sollen Live-Events folgen, in denen etwa ein professioneller Barkeeper zeigt, wie man Cocktails zubereitet, während die Kursteilnehmer von Zuhause elektronisch zugeschaltet sind. „Bei den Kunden kommt das bisher gut an und uns gibt das viel Kraft dranzubleiben“, sagt Carstensen.

Bis zu 14 Stunden täglich sitzt sie aktuell vor dem Rechner, damit die Ausbreitung der Viruserkrankung nicht das zerstört, was sich die 31-Jährige so hart aufgebaut hat.

Während für die festangestellten Mitarbeiter von Artnight bisher keine Kurzarbeit geplant sei, treffe es die freiberuflichen Künstler, mit denen das Unternehmen die Veranstaltungen durchführt, finanziell dagegen umso mehr. „Für sie haben wir eine Aktion gestartet. Unsere Kunden konnten ihr bereits gekauftes Ticket spenden und 100 Prozent der Nettoerlöse werden unter den Künstlern aufgeteilt. Knapp 500 Menschen haben ihr Ticket bereits gespendet“, sagt die Start-up-Chefin.

Dass sie sich so schnell wie möglich auf die neue Situation einstellen müssen, sei ihr und ihrem Partner relativ früh klar geworden. „Wir haben uns intensiv damit auseinandergesetzt und denken, dass dieser Zustand noch länger andauern wird“, sagt Carstensen.

Geldgeber Cherry Ventures erstellt Corona-Pläne

Ähnlich beurteilt die momentane Lage der Berliner Investor Filip Dames, Gründungspartner vom Geldgeber Cherry Ventures, der mehr als 60 Start-up-Firmen in seinem Portfolio hat. „Es gibt zwei Themen, mit denen sich Gründer jetzt befassen müssen. Der Zugang zu Wagniskapital wird in den nächsten Monaten erschwert. Deshalb müssen die Firmen umdenken und planen, wie sie länger mit dem vorhandenen Geld wirtschaften können“, sagt Dames. „Außerdem sollten sie prüfen inwieweit das gesamte Geschäftsmodell von den Beschränkungen betroffen ist und ob sich das Konzept anpassen lässt.“

Filip Dames.
Foto: Cherry Ventures

Die Investorengruppe stellt derzeit mit jedem Unternehmen ihres Portfolios einen Corona-Plan auf, der die Kosten- und Umsatzseite in der Krise hinterfragt. Je besser man seine Optionen kennt, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass man diese Zeit überstehe.

Gründern rät Dames, sich schon frühzeitig um finanzielle Hilfen zu bemühen, die der Bund angekündigt hat. Der Investor rechnet in den kommenden Monaten jedoch damit, dass nicht alle Start-ups es schaffen werden. „Ein paar Monate kann man das unter Umständen verkraften. Es gibt aber Firmen, wo das Geschäftsmodell durch die Ausgangssperren komplett wegbricht.“

Start-up-Szene hält zusammen

Positiv bewertet Dames hingegen den Zusammenhalt in der Start-up-Welt, der in schwierigen Zeiten wie diesen deutlich werde. So hat das Berliner Start-up Medwing vor wenigen Tagen die kostenlose Initiative „Wir wollen helfen“ ins Leben gerufen.

Über die Internetseite www.wirwollenhelfen.com wird medizinisches und pflegerisches Personal, das nicht mehr aktiv ist, an Krankenhäuser und andere Einrichtungen aus dem Gesundheitswesen vermittelt, um die vorhandenen Mitarbeiter während der Corona-Krise zu entlasten. Gleichzeitig können Freiwillige auf dem Portal ihre Hilfe anbieten, indem sie etwa Besorgungen für Menschen aus ihrer Nachbarschaft erledigen.

Ressourcen gemeinsam nutzen

Ein weiteres Beispiel ist die Internetseite www.stronger-together.de, auf der sich kleine und nachhaltige Unternehmen unterschiedlichster Branchen zusammengetan haben, um sich gegenseitig zu unterstützen und auf ihr Angebot aufmerksam zu machen. Mit dabei ist auch die Berliner Visagistin Miriam Jacks, die unter ihrer Marke Jacks Beauty Line handbemalte Make-up-Pinsel vertreibt. „Wir wollen unter anderem versuchen, Ressourcen wie Packsysteme oder Programmierer gemeinsam zu nutzen“, sagt sie.

Miriam Jacks.
Foto: Sophia Lukasch

Der Shutdown hat Jacks vor einem wichtigen Schritt getroffen: Zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin und ihren Mitarbeitern stand sie kurz davor, neue Produkte zu launchen und an internationalen Messen teilzunehmen. All das ist nun erstmal hinfällig und Jacks muss ihre Mitarbeiter vorerst in die Kurzarbeit schicken und sich Alternativen überlegen.

„Ich spiele schon seit längerem mit dem Gedanken, ein Onlinekonzept auszuprobieren und Beratungen übers Netz durchzuführen, um insgesamt mehr Kunden zu erreichen“, sagt sie. „Die aktuelle Situation nehme ich als Anlass, dieses Vorhaben nun endlich auf den Weg zu bringen und wir erhoffen uns, dadurch neue Umsätze zu generieren, so dass niemand entlassen werden muss.“