Berlin - Als Lutz Herrmann 2012 die ersten Düfte der Marke Schwarzlose Berlin einer Parfümerie-Inhaberin vorstellt, muss diese stutzen. Es rieche so nach „1A“, sagt sie – nach Lindenblüten und Magnolie – ein Duft aus ihrer Vergangenheit. Als sie das Flakon mit der Aufschrift „1A-33“ auf dem Tresen vor Herrmann erkennt, kann sie es kaum fassen. Sie habe das Parfüm in den 1950er-Jahren getragen und den Duft gleich wieder erkannt. Die Szene hat sich vor neun Jahren in der Parfümerie Liebe in Hannover abgespielt, erzählt Herrmann. Das Parfüm „1A-33“ war zu dem Zeitpunkt bereits längst vergessen, die Berliner Marke J. F. Schwarzlose Söhne existierte seit den 1970er-Jahren nicht mehr. Durch Herrmann erlebt sie seit 2012 einen Neuanfang.

Die Traditionsfirma wurde 1856 von Joachim Friedrich Schwarzlose in Berlin gegründet. Sie war einst preußischer Hoflieferant, Anfang des 20. Jahrhunderts wurde J. F. Schwarzlose Söhne zur größten Parfümmarke Deutschlands und lieferte Düfte bis nach China und Australien. Die Fabrik lag in Moabit und die Parfümerie in der Leipziger Straße.

Eine Berliner Parfümmarke verschwindet von der Bildfläche

1976 wurde die Produktion schließlich eingestellt – die Marke verschwand nach 120 Jahren von der Bildfläche. Warum Herrmann die Marke wiederbeleben wollte? Ihm fehlten hochwertige Parfüms auf dem deutschen Markt, sagt Herrmann. Jedes Modehaus würde mittlerweile jährlich einen neuen Duft herausbringen. Doch es seien keine schönen, qualitativ hochwertigen Produkte – Parfüms mit nur wenig Duftöl. Die ganze Branche habe an Glaubwürdigkeit verloren. „Ich war auf der Suche nach einer authentischen deutschen Parfümmarke“, erzählt der Designer für Verpackungen. Bei seiner Recherche stieß er auf J. F. Schwarzlose Söhne und fasste den Entschluss, die alten Düfte der Marke wieder aufleben zu lassen und daraus ein Geschäft zu machen. 

Da die Markenrechte nicht geschützt waren, konnte Herrmann J. F. Schwarzlose Berlin 2012 neu anmelden – ohne den Zusatz Söhne. Er kaufte die bereits gekippten, jahrzehntealten Parfüms ein. Die befreundete Parfümeurin Véronique Nyberg ermittelte die Düfte im Labor. Ihr gelang es, die alten Duftformeln wiederherzustellen. „Es sind Düfte einer Berliner Marke, die schon einmal existiert hat – das war mir wichtig“, sagt Herrmann. Dass die Inhaberin der Parfümerie in Hannover das Parfüm erkannt hat, bestätige nur, dass die Duftformeln den früheren ähneln.

Foto: Schwarzlose Berlin
Lutz Herrmann ist bei einer Recherche auf die Parfümmarke J. F. Schwarzlose Söhne gestoßen. 

Nicht nur Kunden aus der Vergangenheit, auch Nachkommen der Firma hätten sich bei ihm gemeldet. So habe er auch eine der letzten Nachfahren, die Tochter der ehemaligen Eigentümerin von J. F. Schwarzlose und Söhne persönlich kennengelernt. Heute heiße sie Jutta Köthner und lebe in Hamburg. Anfangs sei sie skeptisch, doch dann von Herrmanns Idee überzeugt gewesen, erzählt er. 

„Die Firma hat Tradition, die Düfte habe eine tolle Qualität – das bemerken auch die Kunden“, sagt Herrmann. Die Nachfrage sei groß – das Geschäft mit der Tradition gehe auf. Acht Eau de Parfums biete die Firma derzeit an. Im Frühjahr sollen auch Zimmerparfüms angeboten werden. Ein nächster Schritt wäre in den kommenden Jahren wieder ein Geschäft, eine Parfümerie, in Berlin zu eröffnen – so wie vor hundert Jahren. 

Zweite Chance für Dovo-Stahlwaren

Alte Traditionsfirmen wieder aufleben zu lassen - ein Geschäftsmodell, dass auch in Solingen Erfolg hat. In der nordrhein-westfälischen Großstadt hat Jens Grudno die Firma Dovo-Stahlwaren 2020 mit 13 Gesellschaftern aufgekauft. Im Gegensatz zu Schwarzlose Berlin, existierte Dovo allerdings noch bei der Übernahme. Die über hundert Jahre alte Traditionsmanufaktur, die sich vor allem auf die Herstellung von Rasiermessern spezialisiert hat, musste im April 2020 Insolvenz anmelden. Grudno und die anderen Gesellschafter sahen Potenzial in der Firma und kauften sie.

Foto: Dovo-Stahlwaren
Die Rasiermesser von Dovo – Handwerkskunst aus Solingen. 

„Das ist ganz tolle Handwerkskunst und es wurde extrem viel Wissen aufgebaut“, sagt Grudno, der seit Oktober Geschäftsführer der Firma ist. Doch wie Dovo gehe es vielen kleineren Traditionsfirmen in Deutschland. Sie gehen nicht mit der Zeit und müssen Insolvenz anmelden, da die Geschäfte nicht mehr laufen. 

Vor der Übernahme der Firma habe es keine Person mit einem Marketinghintergrund gegeben, erzählt Grudno. Die Firma habe sich komplett auf ihren sehr guten Ruf und die alten Händlerstrukturen verlassen. „Sie haben den neuen Marktzugang verschlafen, etwa über Social Media oder über eine eigene Website“, sagt Grudno. „Der Gedanke, dass man einfach so weitermacht wie bisher, ist in ganz vielen Traditionsbetrieben vorhanden.“ Jüngere Generationen kennen Marken wie Dovo nicht mehr. Sie wissen nicht, dass die Produkte ein Leben lang halten und daher auch teurer sein dürfen. „Was dort hergestellt wird, ist extrem schön und qualitativ. Doch wenn keiner das weiß, bringt Qualität nichts“, sagt Grudno. 

Er habe vorher in Berlin ein Start-up für Medizintechnik geführt. Die neue Aufgabe als Geschäftsführer von Stahlwaren sei spannend und ungewöhnlich, denn er habe bislang keine Erfahrungen in dieser Branche gesammelt. Grudno sieht das nicht als Schwäche, sondern als Vorteil. „Ich habe nicht die gleichen Scheuklappen an, wie viele andere in dieser Industrie“, sagt er. Er frage viel nach, bei den Händlern, Mitarbeitern, Endkunden und sammele so Wissen. „Man hat die Möglichkeit, mit traditionellen Mustern zu brechen. Das ist eine Chance.“

Und wie reagieren die Mitarbeiter auf den neuen Geschäftsführer? „Besser als gedacht“, sagt Grudno. Einige Mitarbeiter arbeiten in der Firma seit 40 Jahren. „Auch sie wollen etwas ändern und nehmen die Ideen alle gut auf“, sagt Grudno. Dovo habe jetzt eine Website, sei gut in den sozialen Medien vertreten. Per Videos werde den Kunden erklärt, wie sie die Rasiermesser anwenden und richtig schärfen – denn auch das wissen viele nicht. Mittelfristig soll sich außerdem die Verpackung, das Logo und der Außenauftritt der Marke verjüngen, sagt der gebürtige Aachener. Wie Herrmann glaubt auch Grudno, dass Qualität, die sich über hundert Jahre bewährt habe, erfolgreich sei. 

Foto: Jens Grudno
Der neue Dovo-Geschäftsführer Jens Grudno hat zuvor in Berlin ein Start-up für Medizintechnik gegründet. 

Er könne sich vorstellen, in Zukunft weitere Traditionsfirmen zur Modernisierung zu verhelfen. Grudno glaubt, dass es ein Geschäftsmodell mit Zukunft sei. Ob die Schokoladenmanufaktur oder das Lederwarengeschäft – in Deutschland gebe es viele Traditionsfirmen mit Potenzial, das allerdings nicht ausgeschöpft werde. Die Voraussetzung für eine Übernahme: Die alten Geschäftsführerstrukturen müssen verändert werden. „Solange das Management mit den bisherigen Strukturen in der Firma das Sagen hat, kann es auch keine nachhaltigen Veränderungen geben“, so Grudno. Man brauche die komplette Kontrolle des Unternehmens. Das funktioniere nach einer Insolvenz sehr gut, auch wenn diese sehr traumatisch für die Belegschaft sei. Denn da gebe es auch diesen Schockmoment, der dazu verhilft, Veränderungen durchzubringen.

Manufakturen fehlen Nachfolger

Das Geschäftsmodell mit Traditionsfirmen verfolgt Jan Heipcke bereits seit einigen Jahren. Allerdings fokussiert sich der 38-Jährige nicht auf insolvent gegangene Firmen, sondern auf alte Manufakturen, die keine Nachfolger finden und daher vor der Schließung stehen. Heipcke hat bereits vier Manufakturen übernommen, darunter auch Klar Seifen, die älteste Seifenmanufaktur Deutschlands in Plankstadt, Baden-Württemberg, die 1840 gegründet wurde. 2010 hat Heipcke die Firma von dem Nachfolger in fünfter Generation übernommen, da dieser sie nicht mehr weiterführen wollte.

Ein Jahr später kam der Textilhersteller Strunkmann und Meister in Bielefeld dazu, der Tisch- und Bettwäsche produziert. Der Geschäftsführer wollte die Firma schließen, da seine drei Söhne kein Interesse hatten, die Geschäfte zu übernehmen. Heipcke griff ein und übernahm auch diese Firma. Und auch bei dem Familienbetrieb Lehner Switzerland in der Schweiz fehlte ein Nachfolger. Das Unternehmen fertigt Einsteck- und Stofftaschentücher an. Auch hier übernahm Heipcke den Betrieb. 

Die Nachfolgesuche in Familienbetrieben ist bereits seit Jahren ein Problem. 45 Prozent der Senior-Unternehmer hatten 2019 laut des Deutschen Industrie- und Handelkammertags (DIHK) bei einer Beratung der Industrie- und Handelskammer noch keinen geeigneten Nachfolger in Aussicht. Corona verschärfe die Nachfolgersuche nochmals. 

Für Heipcke sind eben diese Betriebe interessant. „Es ist jedes Mal ein Risiko, das ich eingehe“, sagt der ehemalige Unternehmensberater. „Macht es wirtschaftlich Sinn, eine Manufaktur zu übernehmen? Oder ist es nur Liebhaberei?“ Doch er glaube an seine Strategie, das Gute, Altbewährte weiterzuführen. Einige Unternehmer wollen auch noch eine Zeit lang nach der Übergabe mitarbeiten. „Die meisten sagen aber ganz klar: Ich möchte nicht im Weg stehen,“ so Heipcke.

Foto: Klar-Seifenmanufaktur
Jan Heipcke hat bereits fünf Manufakturen übernommen. 

Wie Grudno sieht auch er das Problem vieler Traditionsfirmen vor allem darin, dass sie nicht mit der Zeit gehen und so von anderen Firmen abgehängt werden. So wurden etwa die Marke Klar Seifen in der Vergangenheit gar nicht beworben. Oft fehlen Webseiten, gutes Marketing. Mittlerweile laufe die Firma sehr gut. Selbst die Corona-Krise habe das Geschäft nicht groß geschwächt. 

Ob eine vergessene Marke, fehlende Nachfolger oder eine Insolvenz – alte Traditionsbetriebe aufzukaufen, lohne sich, da sind sich Heipcke, Grudno und Herrmann zumindest sicher. „Gute Qualität aus Deutschland und nachhaltige Produkte sprechen die Kunden immer mehr an“, sagt Heipcke. „Das Wichtigste ist, dass man auch als neuer Geschäftsführer die Geschichten der Manufakturen weitererzählt – denn das macht ihren Erfolg aus.“