Die Anleger des in die Schieflage geratenen Windparkbetreibers Prokon sind wahrlich nicht zu beneiden: Wie sollen sie sich nur entscheiden? Jeder einzelne, der seine Anteile kündigt, rettet womöglich sein Geld vor dem Totalverlust. Doch je mehr Anleger ihr Geld zurückfordern, umso wahrscheinlicher wird es, dass Prokon Pleite geht. Und dann würde wohl kein einziger Anleger sein Geld zurückbekommen, auch diejenigen nicht, die ihre Anteile gekündigt haben.

Genau davor hat Firmenchef Carsten Rodbertus in einem flammenden Appell gewarnt: Verbleiben nicht mindestens 95 Prozent des Kapitals im Unternehmen, drohe die Insolvenz. Doch damit verunsicherte er offenbar die Anteilseigner erst recht, er löste ein sogenanntes Windhundrennen unter ihnen aus – nach dem Motto: Gehöre ich zu den ersten fünf Prozent, die kündigen, habe ich eine Chance, mein Geld noch zu retten. Und so verschärfte sich die Kündigungswelle noch. Am Donnerstag hatten Anleger bereits Genussrechte in Höhe von rund 216 Millionen Euro gekündigt – und damit rund 14 Prozent des Genussrechtskapitals.

Das heißt: Soll Prokon überleben, müssten rund zwei Drittel der Kündigung zurückgenommen werden und es dürften praktisch keine weiteren Kündigungen hinzukommen. Das Problem, vor dem die Prokon-Anteilseigner stehen, wird in der Spieltheorie – einem Spezialgebiet der Volkswirtschaftslehre – als Gefangenendilemma beschrieben: Demnach wäre es für alle Betroffenen besser, wenn alle Anteilseigner ihre Anteile behalten würden. Doch da niemand weiß, wie sich die anderen Beteiligten verhalten werden, kündigen viele in der Hoffnung auf einen eigenen Vorteil und handeln damit doch nur gegen ihr eigenes Interesse.

Tatsächlich haben im Fall Prokon bereits einige Anleger ihre Kündigung wieder zurückgenommen, nachdem ihnen klar wurde, dass damit die Chance steigt, die Insolvenz noch zu verhindern. Doch damit Prokon eine Chance hätte, müssten noch deutlich mehr Anteilseigner, die bereits gekündigt haben, zu dieser Erkenntnis gelangen und entsprechend handeln. Das dürfte jedoch ein Wunschtraum bleiben.

Die Anlegerschutzvereinigung SdK denkt bereits einen Schritt weiter: Sie ruft alle Prokon-Anteilseigner auf, im Falle eines Insolvenzverfahrens eine Lösung im Sinne aller zu suchen – sprich: Die ersten, die ihre Anteile gekündigt haben, sollten auf den Versuch verzichten, ihr Geld gerichtlich einzuklagen.

Ob das klappt? In der Natur des Menschen, jedenfalls des Anlegers, scheint es nicht zu liegen, ein Gefangenendilemma zu einem guten Ende zu bringen. So standen die Anteilseigner von kriselnden offenen Immobilienfonds wie SEB Immoinvest und CS Euroreal vor der Wahl, ihre Anteile zu kündigen oder nicht. Die Fondsgesellschaften hatten eine klare Bedingung formuliert: Nur wenn die Kündigungen einen bestimmten Prozentsatz nicht überschreiten, würden die Anleger bedient. Ansonsten würden die Fonds aufgelöst. Es kam so, wie es wohl kommen musste: Die Zahl der Anteile, die die Anleger zurückgeben wollten, lag deutlich über den festgelegten Grenzen. Jetzt sind die Fonds am Ende, alle Immobilien werden notgedrungen verkauft – zum Schaden aller Anleger.