Die Folgen des wirtschaftlichen Schadens werden für viele noch jahrelang spürbar sein.
Foto: David Young/dpa

BerlinViele der in der Corona-Krise getroffenen Maßnahmen werden noch Nachwirkungen zeigen, wenn die Pandemie eingedämmt ist. Alle Beteiligten sollten daher mit Augenmaß vorgehen. Von der Bevölkerung wird erwartet, dass sie sich vernünftig verhält. Allerdings ist es für viele Bürger eine neue Erfahrung, sich selbst gegen einen unsichtbaren Feind schützen zu müssen. Eigentlich wäre es ja die Aufgabe eines Staatswesens, mit Weitsicht und Kompetenz zu agieren – gerade bei Fragen der Gesundheit. Doch die Staaten des Westens zeigten  sich erstaunlich unvorbereitet im Kampf gegen ein Virus.

Auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel das deutsche Gesundheitswesen als eines der besten der Welt lobte: Noch am Freitag gab es nach Auskunft von Ärzten in vielen Intensivstationen keine ausreichende Versorgung mit Schutzanzügen für das Pflegepersonal. HNO-Ärzte behandeln immer noch mit herkömmlichen Atemschutzmasken und trösten sich mit der Information ihrer italienischen Kollegen, dass diese wegen der Größe des Virus ausreichend seien. Wichtige Arztpraxen wie etwa Zahnärzte fühlen sich alleingelassen. Sie sagen, sie seien besonders gefährdet, müssten aber weitermachen, weil sie sonst pleitegehen. Nur wenn die Bundesregierung die Schließung verordne, könnten sie Entschädigung erwarten. Die Mediziner tragen das volle wirtschaftliche Risiko. Solche Selbstaufgabe haben sie eigentlich nicht mit dem hippokratischen Eid geschworen.

Lesen Sie hier: Tuberkulose-Impfstoff soll gegen Corona eingesetzt werden >>

Zur Panik besteht kein Anlass: Alle Erkenntnisse zeigen, dass die Krankheit bei den meisten Fällen sehr milde verläuft. Ärzte sprechen davon, dass die überwiegende Mehrzahl der Patienten nur leichte Symptome zeigt - eine Corona-Ansteckung ist also kein Grund, sich nächtelang vor der Infizierung zu fürchten. Die sozialen Kontakte einzuschränken ist vor allem im Hinblick auf den Schutz für ältere Menschen wichtig. 

Die Forderung der Selbst-Isolation ist erfolgt, weil das deutsche Gesundheitswesen erhebliche Probleme im Fall einer Pandemie hat. Die Leute mussten mit drastischen Maßnahmen unter Hausarrest gestellt werden, weil sich das Virus so rasch verbreitet, dass alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankung gefährdet sind. Kommen zu viele von ihnen gleichzeitig in die Krankenhäuser, bricht das System zusammen. Deutschland ist hier kein Einzelfall: In Großbritannien, wo das Gesundheitssystem in den vergangenen Jahrzehnten systematisch ausgehöhlt wurde, ist die Lage noch viel dramatischer. Ähnliches gilt für die USA. Der Gouverneur von Kalifornien hat eine Ausgangssperre für den gesamten Bundesstaat verhängt. Die westlichen Staaten sind trotz ihres Wohlstands nicht auf den Ausbruch einer Pandemie vorbereitet. Die wichtigste Lehre aus der ersten Welle der Corona-Krise wird daher darin bestehen, dass sich das deutsche Gesundheitswesen auf die nächste Welle vorbereitet: Diese wird im Herbst erwartet.

Die vorübergehende Schließung des öffentlichen Lebens, wie wir sie in diesen Tagen erleben, kann nur die absolute Ausnahme sein: Der wirtschaftliche Schaden ist gigantisch, die Folgen werden für viele Menschen auf Jahre zu spüren sein. Das Gesundheitswesen muss sich auf weitere Pandemien so vorbereiten, dass nicht jedes Mal die Welt zum Stillstand gebracht wird, wenn ein Virus ausbricht. Singapur, Hongkong oder Südkorea haben gezeigt, dass eine Gesellschaft und ihre Politik lernen können: In diesen Staaten waren die Maßnahmen wegen des Coronavirus nicht annähernd so martialisch wie in Westeuropa.

Lesen Sie auch: Überregionaler Corona-Newsblog>>

Nüchterne Planung statt Panik-Reaktionen

Es besteht unter Ärzten weitgehend Übereinstimmung, dass eine völlige Ausgangssperre eine sehr problematische Entscheidung wäre: Wenn man Millionen Menschen wochenlang in ihre Wohnungen einsperrt, werden sie sicher nicht gesünder. Die Maßnahme könnte sogar das Gegenteil bewirken: Die älteren Familienmitglieder werden dann mit der gesamten Familie eingesperrt, wodurch die Gefahr einer Ansteckung steigt. Das enge Zusammenleben der Generationen war in Italien eine der Ursachen für die vielen Toten. Auch der Einsatz einer flächendeckenden Telefonüberwachung, wie er unter anderem in Israel, Österreich und Deutschland praktiziert wird, darf keinesfalls ein Dauerzustand werden.

Das von der Bevölkerung erwartete Augenmaß gilt nämlich auch für die Regierenden. Wir brauchen keine Polizisten, die kontrollieren, ob wir uns die Hände waschen. Die politisch Verantwortlichen müssen nüchtern planen, ohne Panik-Reaktionen. Dann wird ihnen die Bevölkerung auch gehorchen – freiwillig, und mit nachhaltigem Erfolg.