Berlin - „Folie et déraison“ – oder im Deutschen: Wahnsinn und Gesellschaft – ist eine der bedeutendsten Hinterlassenschaften des Philosophen Michel Foucault. Darin erzählt er die Geschichte des Wahnsinns zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert. An ihrer Seite: die Geschichte der Vernunft. Ein Paar, das sich nicht trennen lässt, nahm Foucault an. Den Wahn deutete er weniger als Krankheit als eine andere Art von Erkenntnis, eine Art Gegenvernunft.

Im 21. Jahrhundert angekommen, scheint die Trennung hingegen obligatorisch: Wir haben den Wahnsinn ausgesperrt, um uns der Vernunft zu unterwerfen. Oder frei nach dem Kulturwissenschaftler Byung Chul Han: Wir leben in der Hölle des Gleichen. Die Liebe, das Leben, das Arbeiten wird heute zu einer Genussformel positioniert. Unser Leben hat vor allem angenehme Gefühle zu erzeugen. Für alles andere ist kein Platz. Das lässt sich am besten nach den Regeln der Vernunft orchestrieren.

Und so heißt die ewige Formel, mit der sich der viel besprochene Gender Pay Gap zu schließen scheint: Anpassung! Da, wo Frau antizipiert, wie Wirtschaft, wie Karriere, wie Arbeit funktioniert, kann sie mit dem Manne gleichschließen. Zumindest bis zu einem gewissen Lohnniveau. Also organisieren wir unser Leben so und vor allem die Kinder weg, dass wir alle im Gleichschritt funktionieren. Aber ist es das, was den Menschen ausmacht? Zu funktionieren? Vielleicht ist es Zeit, den Wahnsinn in unser Leben zu reintegrieren. Davon könnten wesentliche Impulse ausgehen. Wo wir doch inzwischen im digitalen und nicht mehr im industriellen Zeitalter leben. Sollen doch endlich die Maschinen einen größeren Teil unserer Arbeit erledigen, auf dass wir uns wieder mehr dem Irrationalen zuwenden können, anstatt unser Leben vor allem auf die Performancelogiken der Arbeitswelt zu verbringen.