Vor dem Richter Jed S. Rakoff vom Bezirksgericht des Southern District of New York muss sich aktuell ein deutscher Manager wegen Bankenbetrugs verantworten: Der aus dem Westerwald stammende Manager Ruben Weigand soll gemeinsam mit Hamid „Ray“ Akhavan Käufe von Marihuana getarnt haben, um diese über Kreditkarten abzuwickeln und die Gelder ins US-Banken-System einzuschleusen. Es geht um 100 Millionen US-Dollar.

James Patterson, früherer Chef des Cannabis-Abwicklers, der kalifornischen Firma Eaze, hat bereits auf schuldig plädiert und damit die Position der beiden Angeklagten erheblich verschlechtert. Weigand war auf einer Reise nach Puerto Rico in Los Angeles verhaftet worden. Mithilfe von Freunden gelang es ihm, auf Kaution freizukommen. Einer der Freunde ist Markus Fuchs, früher VP-Sales-Digital-Services für Wirecard. Fuchs verbürgte sich bei der US-Justiz für Weigands tadellosen Ruf. Akhavan soll einer der besten Freunde des flüchtigen Wirecard-Managers Jan Marsalek gewesen sein. Er soll sich, so die Shortsellerin Fahmi Quadir, überall als Teil von Wirecard ausgegeben haben, obwohl er keine offizielle Funktion in dem Unternehmen hatte.

Der Prozess in New York ist auch für Wirecard von großer Bedeutung: Er könnte zeigen, dass Wirecard nicht einfach ein Betrugsfall war, bei dem einige Manager die Anleger mit Scheingeschäften getäuscht haben. Der Prozess könnte deutlich machen, dass Wirecard sehr wohl ein Geschäftsmodell hatte – nämlich Geldwäsche. Die Geschäfte, wegen derer Weigand und Akhavan vor Gericht stehen, waren nämlich nichts anderes: Die beiden hatten ein System aufgebaut, in dem über Scheinfirmen illegale Transaktionen legalisiert wurden.

Zu diesem Zweck wurden Verkäufe von Marihuana als grüner Tee oder Handcreme oder Soda-Wasser etikettiert, um bei den Banken keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Für die Abwicklung der betrügerischen Zahlungen sollen die beiden Wirecard als Zahlungsdienstleister verwendet haben. Auf die Frage des Staatsanwalts an Oliver H., einen Geschäftspartner von Weigand, für welche der erwerbenden Banken der als Zeuge geladene Oliver H. die entsprechenden Pakete ausgestellt habe, sagte Oliver H. er habe dies für Wirecard gemacht. Jan Marsalek hatte Oliver H. an Weigand verwiesen, um die Abwicklung einzuleiten.

Im Zuge der Beschlagnahme von Computern, Tablets und Smartphones ist nun beim Prozess auch ein bemerkenswertes Transkript eines Telefonats aus dem Jahr 2019 aufgetaucht: Darin diskutiert Weigand mit Oliver H., wie schwierig es geworden sei, anrüchige Zahlungen ins Zahlungssystem einzuspeisen. Dauernd müsse man neue Firmen gründen, die Banken würden immer misstrauischer und man müsse genau überlegen, wie man „hoch riskante“ Transaktionen erfolgreich in die Wege leiten könne und dass man immer „neue Lösungen“ für potente Kunden parat haben müsse.

An einer Stelle des Transkripts, das der Berliner Zeitung vorliegt, kommen die beiden auch auf Wirecard, Jan Marsalek, die Enthüllungen der Financial Times (FT) und die Finanzaufsicht Bafin zu sprechen:

Oliver H. (OH): „Wie läuft es denn drüben (in Europa) mit Wirecard nach dem Skandal?“

Weigand: „Ich glaube ziemlich gut, um ehrlich zu sein. Wenn du schaust, der Aktienkurs ist zwar noch nicht wieder dort, wo er war, aber er steigt, und ich glaube, die FT hat erreicht, was sie wollte, ich denke, sie haben keine Kugeln mehr in ihrem Lauf … Ich glaube, sie haben keine Munition mehr, sonst würden wir die schon gesehen haben.“

OH: „Yeah.“

OH: „Und Jan hat den Sturm überstanden?“

Weigand: „Es ist interessant, es scheint, sie sind in der Lage, die Dinge ziemlich gut zu managen, sie mussten sich reinhängen, um die – wie heißt das jetzt? – Leerverkäufe ihrer Aktien ...“

OH: „Yeah.“

Weigand: „... mit der Bafin zu klären. Sie haben die Bafin dazu gebracht, Untersuchungen gegen Leute einzuleiten.“

OH: „Fucking hell.“

Weigand: „Es ist …“

OH: Wow.

Weigand: Alle sind noch auf Kurs. Das Management hat nicht gewechselt, die Gewinne sind sehr erfreulich gewachsen, so zumindest der neueste Bericht. Es ist Wahnsinn.

OH: „Ich meine, man könnte so etwas nicht erfinden, oder?“

Weigand: „Genau.“

OH: „Die sind ein wenig kugelsicher, nicht wahr? Das ist ziemlich unglaublich.“

Weigand: „Yeah. Es ist beeindruckend.“

Das Transkript zeigt, dass die US-Justizbehörden offenbar im Besitz von Hinweisen sind, die auf eine Geldwäsche-Verwicklung von Wirecard hindeuten. Dies könnte für alle Beteiligten auch in Deutschland noch sehr unangenehm werden: Die US-Justiz versteht bei Geldwäsche keinen Spaß und wird nach Einschätzung von US-Prozessbeobachtern ihre Ermittlungen auch auf Deutschland und hiesige Akteure ausdehnen. Auch für die Bafin sind die Erkenntnisse kritisch: Es muss aufgeklärt werden, inwieweit die Bafin überrumpelt wurde. Unklar ist, ob es in Deutschland Komplizen gegeben hat, die bei den Betrugsaktivitäten mitgewirkt haben.

Der FDP-Abgeordnete Florian Toncar, einer der Aufklärer im Wirecard-Untersuchungsausschuss im Bundestag, sagte dieser Zeitung, die Anmerkung von Weigand „deckt sich mit den bisherigen Ergebnissen des Untersuchungsausschusses“: „Wirecard hat es geschafft, mit erfundenen Geschichten und gefälschten Beweismitteln sogar die deutsche Finanzaufsicht und die Münchner Staatsanwaltschaft für seine Zwecke einzuspannen.“ Die Behörden seien damit „wider Willen zum Werkzeug des Jahrhundertbetrugs“ geworden. Deshalb dürfe es „nicht dabei bleiben, dass Felix Hufeld als Behördenleiter allein zum Hauptverantwortlichen dieses Skandals erklärt wird“. Toncar: „Vielmehr liegt die politische Verantwortung im Bundesfinanzministerium, aber dessen Leitung liegt tief in der Ackerfurche, hofft, dass Wirecard irgendwann an ihr vorübergezogen ist, und betätigt allenfalls ab und zu die Nebelmaschine.“

Ruben Weigand drohen in den USA bis zu sieben Jahre Haft. Eine Auslieferung an Deutschland oder an Luxemburg, wo er zuletzt gelebt hatte, hat Weigand jedoch abgelehnt. 

Die Rolle der Bafin steht in dieser Woche im Mittelpunkt des Untersuchungsausschusses im Deutschen Bundestag. 

Update Mittwoch 22.30: Weigand und Akhavan wurden von einer Jury nach einer sehr kurzen Sitzung schuldig gesprochen: