Markus Braun, Vorstandsvorsitzender von Wirecard, spricht auf der Wirecard-Hauptversammlung 2019. 
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In der Debatte über die Verantwortlichen für den Milliarden-Skandal bei Wirecard hat sich der Fokus sehr rasch auf die staatlichen Aufsichtsbehörden, insbesondere die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) gerichtet. Auch das Bundesfinanzministerium als übergeordnete Behörde steht in der Kritik – und auch das Verhalten des Kanzleramts wirft Fragen auf. Schließlich könnte der Betrugsskandal, der nach Ansicht der Staatsanwaltschaft München von langer Hand geplant war und Züge von organisierter Kriminalität trägt, einen Schaden von drei Milliarden Euro angerichtet haben und wäre somit der größte Betrugsfall der deutschen Wirtschaftsgeschichte nach 1945.  Die Größe des Schadens und die Zahl der Geschädigten führt naturgemäß dazu, dass sich Anwälte nach potenziell Schuldigen umsehen, die auch finanziell in der Lage sind, Milliardensummen zu berappen. So sagte ein Anwalt einer Kanzlei, die gegen die Bafin vorgeht, der Berliner Zeitung: „Mit Wirecard beschäftigen wir uns nicht. Das Unternehmen ist insolvent, da ist nichts zu holen. Die Bafin dagegen ist zwar ein dickes Brett, aber am Ende verfügt sie über unbegrenzte Mittel, um Schadenersatz zu leisten.“

Bisher weniger im Blick war die interne Unternehmensaufsicht. Zu diesem Zweck gibt es bei Aktiengesellschaften den Aufsichtsrat. Diese Institution war im Zuge diverser Skandale in Deutschland schon einmal in Verruf geraten. Damals war die Rede von der „Deutschland AG“: In den Unternehmen wählten sich die Manager ihre Kontrolleure selbst aus. Oft war jemand jahrelang Vorstandsvorsitzender, um dann in den Aufsichtsrat zu wechseln. Die Bereitschaft eines solchen „Kontrolleurs“, Machenschaften des Managements aufzudecken, hat sich in Grenzen gehalten. 

In den vergangenen Jahren wurde die Position der Aufsichtsräte zunehmend modernisiert. Und auch die Aufgaben sind eigentlich vom Gesetz her klar umschrieben. Im Deutschen Corporate-Governance-Kodex heißt zu den Überwachungsaufgaben des Aufsichtsrats: „Der Aufsichtsrat bestellt und entlässt die Mitglieder des Vorstands, überwacht und berät den Vorstand bei der Leitung des Unternehmens und ist in Entscheidungen von grundlegender Bedeutung für das Unternehmen einzubinden.“ Die Überwachung des Vorstands hat auch eine ganz konkrete Ausprägung: Jedes Jahr, wenn die Wirtschaftsprüfer ihre Berichte vorlegen, gehen diese Berichte sowohl an den Vorstand als auch an den Aufsichtsrat.

Die Berichte bestehen aus zwei Teilen: dem öffentlichen Bestätigungsvermerk und dem vertraulichen Prüfbericht. Im Fall Wirecard waren für die Prüfung die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) zuständig, einer der Big-Four-Kanzleien in dieser Branche. EY hatte Wirecard am 24. 4. 2019 ein uneingeschränktes Testat erstellt. Doch war diesem Bestätigungsvermerk ein Hinweis angefügt, der auf den „Sachverhalt“ der Machenschaften in Singapur hinwies. Dies ist schon sehr ungewöhnlich. Nach Informationen der Berliner Zeitung hat EY, das eine Stellungnahme mit dem Hinweis auf die Verschwiegenheitspflicht ablehnte, die Missstände auch in dem vertraulichen Prüfbericht an den Aufsichtsrat aufgeführt.

Entgegen der bisherigen öffentlichen Wahrnehmung dürfte dies mit einiger Dringlichkeit und Ausführlichkeit geschehen sein: Denn im Oktober beauftragte Wirecard die Prüfer von KPMG mit einer Sonderprüfung. Üblicherweise gibt es nach dem Vorliegen eines Prüfberichts, in dem etwa „Mängel im Kontrollsystem“ festgestellt werden, weitere Treffen. Insbesondere die Aufsichtsräte werden in der Regel tätig und verlangen vom Vorstand Aufklärung und die Behebung der Missstände. Was bei Wirecard in der Zeit zwischen April und Oktober 2019 genau geschehen ist, ist noch nicht bekannt. Kenner des Unternehmens geben jedoch an, dass der Prüfbericht von EY für hektische Aktivitäten gesorgt hat.

Als dann im Oktober die Financial Times mit einem neuerlichen kritischen Bericht nachlegte, schien eine Art Panik ausgebrochen zu sein: Die KPMG untersuchte die Materie und kam zu dem bemerkenswerten Schluss, dass die Prüfer von EY gesetzeskonform und gründlich gearbeitet hatten. Zu weiteren Erkenntnissen hätte EY nur kommen können, wenn es zu einer „Ausweitung der Prüfungshandlungen auf Drittparteien“ gekommen wäre, so der KPMG-Bericht. Das aber ist eine Fiktion: Es ist unmöglich, dass ein Unternehmen dafür sorgen kann, dass die Wirtschaftsprüfer etwas anderes prüfen als das Unternehmen selbst. KPMG bestätigt aber EY, dass die Prüfer im Rahmen von „extended audit procedures“, also einer über die normale Prüfung hinausgehenden Untersuchung, den bis zu diesem Zeitpunkt bekannten Vorwürfen nachgegangen seien.

Die Ergebnisse finden sich im vertraulichen Prüfbericht. Die Untätigkeit des Aufsichtsrats könnte auch damit zusammenhängen, dass Technologie-Unternehmen anders strukturiert sind als klassische Unternehmen. Als Wachstumsunternehmen werden die Aufsichtsräte nach expansiven Kriterien zusammengestellt: Es werden Leute geholt, die das Unternehmen voranbringen können. Reine Kontrolleure findet man eher selten.

Der Finanzjournalist Bernd Ziesemer beschreibt den Aufsichtsrat von Wirecard als durchaus ungewöhnlich: So arbeitete der langjährige Vorsitzende Wulf Matthias einige Jahre als Vorstand der Deutschland-Tochter der Credit Suisse, verfügte aber über keinerlei Erfahrungen an der Spitze eines großen Konzerns. Auch unter den anderen fünf Aufsichtsräten finde sich niemand, der „mit einer früheren Vorstandstätigkeit oder einem Aufsichtsratsmandat in einem anderen großen Konzern glänzen könnte“. Die Hälfte der Mitglieder arbeiteten als „selbstständige Unternehmensberater“, sodass „man Interessenkonflikte von vornherein nicht ausschließen kann“. Auch sonst war das Gremium eher ungewöhnlich: „Neben den beiden Oldies an der Spitze des Aufsichtsrats – beide bereits um die 75 Jahre alt – sitzen nur junge Manager mit einem Durchschnittsalter unter 50 im Kontrollgremium.“

Diese haben teilweise große Namen oder schillernde Karrieren: Stefan Klestil, ein FinTech-Experte, ist der Sohn des früheren österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil. Die Technologieberaterin Dr. Anastassia Lauterbach hat einen deutsch-russischen Hintergrund und übt zahlreiche Aufsichtsratsmandate bei Unternehmen aus der Finanzbranche aus. Alle Aufsichtsräte und die Berater von Wirecard wie etwa der frühere Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg haben sich für den kometenhaften Aufstieg des Unternehmens eingesetzt. Das banale Controlling oder gar die Lektüre von drögen Prüfberichten scheint für niemanden erste Priorität gehabt zu haben. Eine Sprecherin von Wirecard wollte auf Anfrage der Berliner Zeitung keine Stellungnahme zur Rolle des Aufsichtsrats abgeben.