Eine Kreditkarte des Bezahldienstleister Wirecard.
Foto: dpa/Sven Hoppe

Eines der renommiertesten deutschen Internet-Unternehmen kämpft ums Überleben. Doch anders als bei Lufthansa und anderen trägt nicht die Corona-Krise die Schuld, sondern ein Betrugsfall, der die Technologie-Branche genauso erschüttert wie die traditionelle Bankenszene. Der Zahlungsdienstleister Wirecard ist offenbar in einen Milliarden-Skandal verstrickt, der die Existenz des Unternehmens bedroht. Wirecard wickelt bargeldlose Zahlungen für Händler ab, sowohl an Ladenkassen als auch online.

Im Mittelpunkt eines Bilanzskandals steht die Frage, wohin 1,9 Milliarden Euro verschwunden sind, über deren Verbleib EY (Ernst & Young), die Wirtschaftsprüfer von Wirecard, keine Auskunft geben konnten und daher das Testat für den Jahresabschluss verweigerten. Es geht um  zwei asiatische Banken und einen Treuhänder, der seit Ende vergangenen Jahres für Wirecard die Konten verwaltet. Auf den Konten waren angeblich 1,9 Milliarden Euro verbucht. Die für Wirecard tätigen Bilanzprüfer bezweifeln jedoch mittlerweile, dass diese 1,9 Milliarden Euro tatsächlich existieren. 

In der Nacht zu Montag teilte dann der Wirecard-Vorstand mit, dass die Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro «mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen». Die Gesellschaft war bisher von der Existenz dieser Konten ausgegangen und hatte sie als Aktivposten ausgewiesen. Gleichzeitig nahm Wirecard alle Prognosen zur künftigen Geschäftsentwicklung und die Zahlen für das erste Quartal zurück. „Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre können nicht ausgeschlossen werden,“ hieß es in der Mitteilung weiter.

Am Freitag hatte der schnell gewachsene Dax-Konzern bekanntgegeben, sich von seinem Vorstandsvorsitzenden und Gründer, Markus Braun, zu verabschieden. Braun war der entscheidende Manager des Unternehmens. Bis zuletzt hatte der Österreicher versucht, den Skandal vom Unternehmen fernzuhalten. Noch am Freitag sagte er in einem Videostatement, das Unternehmen habe Grund zur Annahme, Opfer eines Betrugsskandals geworden zu sein. Wenige Stunden später war Braun weg, der Aktienkurs brach innerhalb weniger Stunden um zeitweise 80 Prozent ein.

Damit ist allerdings noch kein Problem gelöst, im Gegenteil: Die Dinge erscheinen immer dubioser, je mehr Details an die Öffentlichkeit dringen: Die 1,9 Milliarden Euro, die Wirecard in der Bilanz fehlen, liegen offenbar nicht auf den Philippinen. Das teilte der Präsident der dortigen Zentralbank am Sonntag mit. Damit verdichten sich die Zeichen für einen Milliardenbetrug. Am Freitag hatten schon die philippinischen Banken BDO Unibank und Bank of the Philippine Islands mitgeteilt, dass der Konzern kein Kunde bei ihnen sei. Dokumente externer Prüfer, die das Gegenteil besagen, seien gefälscht. Auf den Konten der beiden Banken hätte die Summe eigentlich liegen sollen. Dort ist sie nicht aufzufinden.

Nun hängt die Zukunft des Unternehmens am seidenen Faden. Der Blick richtet sich zunächst auf die Banken: Sie haben bei Wirecard Kredite in der Höhe von zwei Milliarden Euro im Feuer. Diese hätten gekündigt werden können, wenn Wircard nicht bis zum 19. Juni ein Testat vorlegen kann. Nachdem diese Frist ohne Konsequenzen verstrichen ist, gehen Insider davon aus, dass die Banken das Unternehmen vorerst nicht fallen lassen werden. Das berichtet unter anderem die FAZ am Sonntag und zitiert einen nicht genannten Insider aus einer der beteiligten Gläubigerbanken mit den Worten: „Keiner hat ein Interesse daran, den Kredit zu kündigen. Alle wollen jetzt das Ding kurzfristig stabilisieren.“ Wirecard hatte erst im Jahr 2019 einen syndizierten Kredit in Höhe von 1,75 Milliarden Euro aufgenommen. Laut Refinitiv-Daten zählen zu den größten Kreditgebern unter anderem die Commerzbank und die LBBW. Für die Banken ist die Lage prekär, weil sie einen Totalverlust riskieren, wenn sie jetzt die Nerven verlieren. Denn das wichtigste Asset von Wirecard sind die Kunden – und diese müssen dem Zahlungsdienstleister nun großes Vertrauen entgegenbringen. Springen die Kunden ab, so wäre der Wert des Unternehmens verloren. Daher wollen die Banken offenbar erstmals davon absehen, schon jetzt die Reißleine zu ziehen. Auch Bloomberg und Dow Jones berichten, dass die Banken zunächst Verhandlungen mit dem Unternehmen in der kommenden Woche führen wollen. Eine der Forderungen der Banken ist die nach mehr Transparenz. Die existentielle Krise bei Wirecard kommt nämlich nicht überraschend.

Schon vor Jahren hatte die Financial Times auf Unregelmäßigkeiten und mysteriöse Vorgänge in Asien hingewiesen. Doch das Wirecard Management reagierte mit einem Gegenangriff: Statt sich mit den Vorwürfen rechtzeitig und konsequent zu beschäftigen, bezichtigte Wirecard die FT, gemeinsame Sache mit Shortsellern zu machen. Auch der vorletzte Warnschuss wurde zu spät gehört: Die von Wirecard mit einer Sonderprüfung beauftragten Wirtschaftsprüfer von KPMG kamen zu dem Ergebnis, dass sie keine Klarheit über die Vorgänge gewinnen konnten. Nun hat EY den Stecker gezogen – wohl auch, weil den Prüfern das Pflaster selbst zu heiß geworden ist. Immerhin hatte EY Wirecard eine solide Buchführung bestätigt, als die Vorwürfe gegen die Asien-Tochter schon ausführlich in mehreren Medien hochgekocht waren und weitgehend glaubhaft belegt erschienen.

Nun stellt sich die Frage, ob Anleger und Kunden Wirecard weiter vertrauen wollen: Viele Anleger haben sogar den Samstag genutzt, um die Reißleine zu ziehen. Beim Broker Lang & Schwarz, bei dem auch am Samstag gehandelt werden kann, notierten die Papiere des Dax-Konzerns am frühen Nachmittag bei 22,25 Euro und damit knapp 14 Prozent unter ihrem Xetra-Freitagsschluss. Der Tagesumsatz war mit zuletzt rund zwei Millionen Euro außergewöhnlich hoch.

Am Freitagabend hat Wirecard bekanntgegeben, die Investmentbank Houlihan Lokey angeheuert zu haben, um mit ihr gemeinsam „einen Plan zur nachhaltigen Finanzierungsstrategie des Unternehmens“ zu entwickeln. Mit Houlihan Lokey verplichtete Wirecard einen Spezialisten für schwierige Restrukturierungen und Insolvenzfälle, der schon in Sachen Enron, Lehman Brothers und – hierzulande – Steinhoff aktiv war.