Kein guter Tag an der Börse in Frankfurt am Main.
Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Frankfurt - Der Zahlungsdienstleister Wirecard hat am Donnerstag überraschend Insolvenz angemeldet. Das Unternehmen hatte zuvor eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro, die in der Bilanz stehen, wahrscheinlich nicht existieren. Der Bilanzskandal hatte sich seit 18 Monaten abgezeichnet, nachdem die Financial Times auf Unregelmäßigkeiten bei Tochtergesellschaften in Asien und im arabischen Raum hingewiesen hatte. Doch das Wirecard-Management hat die Vorwürfe nie wirklich ernst genommen. Am Montag zerplatzte der Traum vom Milliarden-Konzern endgültig: Der erst am Freitag zurückgetretene Vorstandschef Markus Braun wurde verhaftet. Die Anmeldung der Insolvenz am Donnerstag erfolgte, weil man sich der Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit gegenübersehe.

Für die Anleger kam die Nachricht trotz der monatelangen Diskussion über die Praktiken in Teilen des Unternehmens überraschend: „Wirecard war nach den Goldgräber-Zeiten der T-Aktie in den 2000er-Jahren der Liebling der Kleinanleger. Wirecard war ein Objekt der Begierde. Viele Anleger wollten auch keine Kritik an ihrem Investment hören“, sagte Robert Halver, der Chef für Kapitalmarktanalyse der Frankfurter Baader Bank, dieser Zeitung. Es sei jetzt wichtig, dass für Wirecard rasch eine Lösung gefunden werde – wenn möglich, eine deutsche Lösung, so Halver: „Wirecard ist trotz allem ein Zukunftsunternehmen. Die Insolvenz bietet die Chance, sich von den unlauteren Machenschaften und den Altlasten zu befreien. Man muss sehen, wie weit Wirecard eine herausragende Technologie hat. Wenn das gegeben ist, sollte man nicht warten, bis die Reste des Unternehmens von Amerikanern oder Asiaten übernommen werden.“

Halver hält es für falsch, wenn wegen Wirecard die Regeln für die Börse verschärft würden: „Wir haben strenge Regeln, aber die Einhaltung muss auch kontrolliert werden.“ Halver sieht als eine der Lehren aus dem Wirecard-Desaster, dass die Aufsichtsbehörden ihrer Verantwortung in Zukunft stärker nachkommen müssen: „In den USA ist die Börsenaufsicht SEC wie die spanische Inquisition. Für eine aufblühende Aktienkultur in Deutschland darf ein Fall Wirecard nicht mehr passieren.“

Die Wirecard-Insolvenz ist die erste Insolvenz eines Dax-Unternehmens in der Geschichte der Deutschen Börse. Die Deutsche Börse AG reagierte dennoch gelassen: Am Donnerstag wurde der Handel mit Wirecard-Aktien für eine Stunde ausgesetzt. Ob Wirecard im Dax bleiben wird, in den es erst vor wenigen Monaten aufgestiegen war, ist unklar. Ein Sprecher der Deutschen Börse sagte dieser Zeitung: „Wir überprüfen regelmäßig unsere Indexregeln, auch vor dem Hintergrund der Dynamik der vergangenen Wochen und Monate. Auch Ereignisse von einzelnen Dax-Werten fließen in unsere Überlegungen ein, sofern sich daraus sinnvolle Schlussfolgerungen für die Indexzusammensetzung ziehen lassen. Zu möglichen Änderungen werden wir wie immer auch alle relevanten Marktteilnehmer konsultieren. Wirecard ist derzeit aufgrund des geringen Börsenwerts nur mit einer Gewichtung von 0,2033 Prozent im Dax vertreten.“

Interessantes Detail: Es ist völlig unklar, welches Ereignis die Insolvenz ausgelöst hat. Die kreditgebenden Banken gaben laut FAZ, Bloomberg und dpa an, nicht „den Stecker gezogen“ zu haben: Die Commerzbank, die LBBW, die ING und die ABN-Amro hatten Wirecard Kreditlinien von jeweils 200 Millionen Euro gewährt. Die DZ Bank, ein Institut der Volks- und Raiffeisenbanken, hat bei Wirecard 120 Millionen Euro im Feuer. Die Banken hatten Wirecard gerade erst einige Tage Aufschub gewährt, um die langfristige Überlebensfähigkeit des Unternehmens zu prüfen, bevor sie die ausstehende Summe zurückfordern.

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