Fragil stabil, ein Spiegel der Umwelt: „7 Scheiben (Kartenhaus)“, 2013, eine Glas-und-Stahl-Konstruktion von Gerhard Richter, hier in der Marian Goodman Gallery London.
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„Wirecard ist eine wenig bekannte deutsche Technologie-Firma, die fünf Milliarden Euro wert ist. Die Firma ist ein Rätsel … Sie wächst in halsbrecherischem Tempo. Das Unternehmen kauft obskure Zahlungsdienstleister auf der ganzen Welt, welche für ständiges Wachstum sorgen.“ Mit dieser bereits recht deutlichen Beschreibung begann die Financial Times (FT) im April 2015 ihre mittlerweile legendäre Serie „House of Wirecard“. Bereits der erste Artikel war mit Details gespickt – wie etwa über die unübliche Praxis von Wirecard, bei Unternehmenszukäufen in Asien Vorabzahlungen in Cash zu leisten oder eine ungewöhnliche Struktur der Buchhaltung. Ein interessantes Detail erwähnte die FT damals auch: Dass Wirecard nämlich bereits 2008 einmal in den Verdacht von Unregelmäßigkeiten bei der Bilanzerstellung geraten war. Damals wurden allerdings die Ankläger verurteilt: Die Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) hatten Wirecard im Visier und wetteten gleichzeitig gegen den Aktienkurs (shortselling). Schon damals ermittelte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) – auch, weil die Rolle von Wirecard Anlass zu Fragen gab. Verurteilt wurden damals allerdings nur die Spekulanten.

Dieses in Vergessenheit geratene Vorspiel könnte ein Erklärung dafür sein, warum sich die BaFin in den Jahren nach 2016 zwar wieder mit Wirecard beschäftigte, doch ihren Fokus erneut auf angebliche Shortseller legte. Der Bericht einer Firma mit dem Namen „Zatarra Research“ lieferte, finanziert von anonymen Auftraggebern, Informationen über „Korruption, Betrug, Geldwäsche bis hin zur Beteiligung am illegalen Glücksspiel“ – so das Bundesfinanzministerium in der Beantwortung von Fragen der Oppositionsparteien Die Linke und den Grünen. Die BaFin fragte also weniger danach, was bei Wirecard falsch laufen könnte. Sie konzentrierte sich auf das ebenfalls weite Feld der Marktmanipulationen. Man muss der BaFin zugutehalten, dass genau dieser Bereich nach der Finanzkrise 2008 im besonderen Fokus der Aufsichtsbehörden aller Welt lag. Auf der Suche nach den Ursachen der Finanzkrise waren auch die „Shortseller“ in die Kritik geraten – teilweise zu Recht, weil es viele Machenschaften gab, die eher an die Wettmafia beim Fußball erinnerten als an ein sinnvolles Regulativ für die Finanzmärkte.

Die von der Bundesregierung vorgelegte Chronik der Ereignisse zeigt in den Jahren bis zum Crash von Wirecard ein verhängnisvolles Bild: Die BaFin war während all der Jahre durchaus aktiv, aber möglicherweise zu lange auf der falschen Fährte. Die private Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) brauchte viel zu lange, um der BaFin Auswertungen der Wirecard-Bilanzen vorzulegen. Bis zur Insolvenz von Wiercard vergingen fast 16 Monate, in denen die DPR die von der BaFin verlangte Prüfung nicht vorlegen konnte. In all den Jahren, in denen Wirecard substantiell ins Gerede gekommen war, lieferten die Wirtschaftsprüfer von EY die Testate für die Bilanzen. Ihre Begründung, sie könne keine forensische Spurensuche wegen Betrugsverdachts anstellen, mag formal korrekt sein. Doch jeder, der weiß, wie eng Wirtschaftsprüfer und Management zusammenarbeiten, muss sich fragen, warum EY nicht viel härter auf Aufklärung der von der FT oder den im Zatarra-Bericht erhobenen Vorwürfe gedrängt hat.

Die Chronologie des Wirecard-Niedergangs zeigt eine weitere Konstante, die zum vielleicht größten Börsen-Skandal der deutschen Finanzgeschichte geführt hat: Die Aufsichtsgremien – von der BaFin bis zur Europäischen Zentralbank (EZB) – haben Wirecard als Technologieunternehmen eingestuft, dessen Prüfung nicht in ihre Zuständigkeit fällt. Der Verweis aus der BaFin auf diese Lücke muss als die zentrale Erkenntnis angesehen werden: Denn weder Google, noch Facebook, Apple oder Alibaba werden in ihrer Gesamtheit von einer deutschen Finanzbehörde geprüft. BaFin-Chef Felix Hufeld spricht in diesem Zusammenhang von „vielen Grauzonen“, die es gäbe und will den „aufsichtlichen Werkzeugkasten anschärfen“. Das ist stark untertrieben. Die Aufsicht braucht kein schärferes Taschenmesser, sondern eine echte Bazooka. Sie darf die notwendige Fachkompetenz auch im digitalen Bereich nicht outsourcen. Es sind schwarze Löcher, die im Zeitalter der  Übernahme von digitalen Zahlungsmethoden durch globale Technologie-Konzerne zu entstehen drohen. Die Aufsicht muss sich schleunigst sachkundig machen – technologisch und im Hinblick auf die aktuellen Trends bei den FinTechs.

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