Der Auftritt des früheren Wirecard-Managers Markus Braun vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss erwies sich am Donnerstag als gespenstische Veranstaltung. Braun, dessen Anwalt zunächst versucht hatte, seine Vernehmung vor den Abgeordneten des Bundestags mit dem Verweis auf die Corona-Gefahren vom BGH stoppen zu lassen, verlas zu Beginn eine Erklärung. Sie lief im Wesentlichen darauf hinaus, dass Braun ankündigte, dass er jegliche Aussage verweigern werde. Braun sagte, er habe volles Vertrauen in die Objektivität und Unabhängigkeit der Ermittlungsbehörden und insbesondere in deren Fähigkeit, den Verbleib der bis heute verschwundenen Wirecard-Milliarden festzustellen. Außerdem habe er zu keiner Zeit einen Hinweis erhalten, dass Politiker und Aufsichtsbehörden „nicht korrekt, unlauter oder pflichtwidrig“ gehandelt hätten.

Mehr wollte Braun nicht sagen. Er werde sich „zeitnah und vorrangig“ gegenüber der Staatsanwaltschaft äußern und wolle dieser Aussage nichts vorwegnehmen. Er werde daher von seinem „umfassenden Aussageverweigerungsrecht“ Gebrauch machen.

Das tat Braun dann auch im Verlauf der Sitzung – und zwar in erschreckend virtuoser Weise: Während er die Beantwortung jeder Frage ablehnte, wählte er für jede seiner Antworten leicht nuancierte, unterschiedliche Formulierungen.

So sagte er: „Meine Aussage war sehr präzise, daher habe ich dazu keine weiteren Einlassungen … Ich werde mit meiner Antwort nicht von meiner Erklärung abweichen … Ich werde mich nicht abweichend äußern … Ich werde es bei diesem Statement belassen … Ich werde von meiner Erklärung nicht abweichen … Ich werde bei meinem Statement bleiben … Auch diese Frage ist von meinem Statement abgedeckt … Ich werde kein Statement über mein Statement hinaus abgeben … Auch diese Frage ist abweichend von meinem Statement … Auch diese Frage weicht von meinem Statement ab … Ich respektiere die Frage, die Sie stellen, aber die Antwort ist immer die gleiche …“ Die Antworten wirkten in ihrer nichtssagenden Vielfalt, als wären sie von einem Algorithmus verfasst worden, dem man die Aufgabe gestellt hat, innerhalb einer bestimmten Bandbreite niemals dasselbe zu sagen, die Bandbreite jedoch nie zu verlassen. Braun sprach zwar monoton, aber höflich, zu Beginn der Befragung fast freundschaftlich.

Journalisten konnten den Auftritt nur von einem Streaming-Raum aus betrachten. Die Abgeordneten, die ihm direkt gegenübersaßen, schilderten Braun als zerbrechlich: „Er wirkt geschwächt, seine Hände zittern.“ Ein anderer Abgeordneter: „Er macht einen sehr wackeligen, labilen Eindruck.“

Dieser Eindruck wurde durch die unerwartete Dramaturgie verstärkt, die sich durch die Befragung ergab. Konnte Braun die Fragen von CDU/CSU und AfD noch relativ entspannt mit seinem vielgestaltigen „Ich sage nichts“ abwiegeln, kam schon bei der Frage der SPD-Abgeordneten Cansel Kinziltepe ein etwas anderer Ton auf, als die Abgeordnete von Braun eine Erklärung für die geschädigten Anleger und Mitarbeiter forderte. Der FDP-Abgeordnete Florian Toncar machte als Erster klar, dass man sich völlige Verweigerung der Kooperation durch Braun nicht werde bieten lassen.

Ein Bruch kam schließlich, als der Linke Fabio De Masi den früheren Manager unvermittelt fragte: „Haben Sie eine Tochter?“ Und eine Frage zur Kinderpornografie nachschob, mit der Wirecard unter anderem Geld verdient habe. Auch die Frage nach dem Titel seiner Doktorarbeit überraschte Braun, der eingangs auf die Frage nach seinem Beruf mit „Wirtschaftsinformatiker“ geantwortet hatte. De Masi sagte, diese Frage sei für die Beurteilung der Befähigung von Braun zur Ausübung der Tätigkeit als Geschäftsführer notwendig. 

De Masi verschärfte die Gangart und fragte, ob es stimme, dass Braun „mehrere Identitäten, mehrere Reisepässe“ habe und „akut suizidgefährdet“ sei. Auf die persönlichen Fragen antwortete Braun nicht, sondern versuchte die Gegenoffensive, indem er sagte: „Ich finde, das ist heute nicht Verfahrensgegenstand.“ Er provozierte damit jedoch den kaum unterdrückten Zorn von De Masi, der Braun erklärte, dies entscheide immer noch der Ausschuss und nicht ein Häftling aus der JVA Augsburg.

Die persönlichen Fragen schienen Braun auf einer anderen Ebene zu erreichen: Er wurde leiser, mitunter kaum hörbar. Dieser Eindruck verstärkte sich, als der Grüne Danyal Bayaz nachfasste und Braun nach dem Datum seines Geburtstags fragte. „5.11.1969“, antwortete Braun. Und er öffnete sich für einen kurzen Moment und sagte, er sei einmal Angestellter der KPMG Consulting gewesen. Sichtlich verunsichert wirkte Braun, als Bayaz ihn bat, sein Eingangsstatement noch einmal zu verlesen. Braun folgte der Aufforderung, las den Text jedoch fahrig und deutlich weniger engagiert vor als beim ersten Mal.

Nach einer ersten Runde zogen sich die Abgeordneten zur Beratung zurück. Sie drohten zuvor unverhohlen damit, konkrete Aussagen von Braun per Ordnungsgeld erzwingen zu können. Die Abgeordneten haben auch das Recht, Beugehaft beim BGH zu verhängen. Dies schien auch Brauns Anwalt zu beeindrucken. Nach der Pause zeigte sich Braun scheinbar etwas auskunftsfreudiger – doch schon bald stellte sich heraus, dass es sich erneut um Phrasen handelte.

Im Lauf der Befragung ermüdete Braun sichtlich. Die Antworten wurden immer kürzer und gleichlautender. Er wurde einsilbig, fast mürrisch. Seine eingangs gezeigte Freundlichkeit fiel in sich zusammen. Schließlich schien der Algorithmus auf Stand-by-Modus geschalten zu haben: „Ich verweise auf mein Statement.“ Einmal sagte Braun noch, müde und abwesend: „Ich bitte, meine Familie hier außen vor zu lassen.“ Immerhin, auf die Frage: „Wären Sie bereit, morgen bei der Staatsanwaltschaft auszusagen?“, antwortete Braun, wie von einer Last befreit, mit einem klaren „Ja“. Die Frage, ob es einen Deal mit der Staatsanwaltschaft gäbe, ließ er unbeantwortet.  

Zum Ende der Vernehmung bedankte sich Braun artig, band sich die Maske um und verließ unter starkem Polizeischutz das Paul-Löbe-Haus. Die Abgeordneten kündigten an, dass sie sich mit dem Schweigen des Wirecard-Managers nicht abfinden werden. Eine neuerliche Vorladung ist zu erwarten.