Ex-CEO Markus Braun wurde am Mittwoch überraschend verhaftet.
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Im Skandal um den insolventen Finanzdienstleister Wirecard hat die Staatsanwaltschaft München I den früheren Vorstandschef Markus Braun wieder festgenommen. Gegen Braun sei ein neuer, erweiterter Haftbefehl erlassen und eröffnet worden, sagte die Sprecherin der Anklagebehörde, Anne Leiding, am Mittwoch. Zudem seien zwei weitere frühere Vorstände festgenommen worden, darunter der bis 2017 amtierende Finanzvorstand Burkhard Ley und der Chef der Buchhaltung, Stephan von Erffa. Anlass für die Festnahmen war, dass die Tatvorwürfe noch einmal „ganz erheblich“ erweitert wurden. Seit 2015 hätten die drei Manager die Bilanzsumme und das Umsatzvolumen von Wirecard durch das Vortäuschen von Einnahmen aufgebläht. Dies habe sich aus der umfassenden Aussage eines Kronzeugen ergeben. „Das Unternehmen sollte finanzkräftiger erscheinen,“ sagte Leiding. Damit habe Wirecard für andere Unternehmen attraktiver sein wollen. Es sei aber spätestens Ende 2015 klar gewesen, dass Wirecard Verluste machte.

Die Staatsanwaltschaft geht mittlerweile von „gewerbsmäßigem Bandenbetrug“ seit 2015 aus. Wie die Ermittlungsbehörde mitteilte, könnten mehr als drei Milliarden Euro verloren sein. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft laufen darauf hinaus, dass der Dax-Konzern womöglich seit 2015 von einer kriminellen Bande geführt wurde – ein in der Geschichte der deutschen Börsen-Oberliga noch nicht da gewesener Vorgang. «Banken in Deutschland und Japan sowie sonstige Investoren stellten, durch die falschen Jahresabschlüsse getäuscht, Gelder in Höhe von rund 3,2 Milliarden Euro bereit, die aufgrund der Insolvenz der Wirecard AG höchstwahrscheinlich verloren sind», hieß es in der Mitteilung der Ermittler.

Sollte sich das bestätigen, könnte Wirecard zum größten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte werden. Bisheriger Spitzenreiter ist das badische Unternehmen Flowtex, das in den 1990er Jahren mit dem Verkauf nicht existenter Spezialbohrmaschinen einen Schaden von gut zwei Milliarden Euro angerichtet hatte.

Leiding zeigte sich erschüttert über das Ausmaß der Vorwürfe. „Auch wir fragen uns, wie ein solches System etabliert werden konnte.“ Aussagen deuteten darauf, dass bei Wirecard ein „streng hierarchisches System“ mit einem Korpsgeist und Treueschwüren gegenüber Braun geherrscht habe. „Möglicherweise erklärt das etwas.“ Braun wurde der Sprecherin der Staatsanwaltschaft zufolge festgenommen, als er sich innerhalb der Meldeauflagen für seinen gegen eine Millionenkaution außer Vollzug gesetzten vorherigen Haftbefehl selbst bei der Münchner Polizei meldete. Die beiden anderen Manager seien ebenfalls in München festgenommen worden.

Unterdessen wurden weitere Kontakte zwischen dem Bundeskanzleramt und Wirecard bekannt. Eine Sprecherin bestätigte am Mittwoch, dass der frühere Geheimdienstkoordinator der Regierung, Klaus-Dieter Fritsche, im September 2019 erfolgreich einen Gesprächstermin mit dem Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Lars-Hendrik Röller, vermittelte. Fabio De Masi (Die Linke) sagte der Berliner Zeitung, die Affäre werde immer undurchschaubarer: „Wenn sich der ehemalige Geheimdienstkoordinator Fritsche vor der Chinareise der Kanzlerin an das Kanzleramt gewandt hat und das Finanzministerium Informationen zugeliefert hat, ist es fragwürdig, dass die Arbeitsebene des Kanzleramtes die Bundeskanzlerin nicht zu Wirecard informiert haben soll. Haben Nachrichtendienste vor Wirecard gewarnt oder über Wirecard Finanztransaktionen abgeschöpft und das Unternehmen gedeckt?“ (BLZ, mit AFP)

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