Die Dortmunder Niederlassung der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young. 
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München - Nach dem Zusammenbruch des Zahlungsdienstleisters Wirecard gerät die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) zunehmend unter Druck. EY hatte dem Unternehmen ein Testat für die Bilanz ausgestellt, obwohl der Konzern bereits im Verdacht stand, in einen Manipulationsskandal verwickelt zu sein. Die Financial Times berichtet, dass EY einen Brief an seine wichtigsten Partner geschrieben hat, in dem eine Argumentationslinie für Fragen von Kunden vorgegeben wurde. Demnach wurden die Partner auch ermuntert, sich mit der Rechtsabteilung und dem Risk Management des Unternehmens in Verbindung zu setzen, um Unterstützung bei allfälligen Diskussionen zu erhalten. Mehrere deutsche Anwaltskanzleien haben angekündigt, gegen Wirecard klagen zu wollen, weil sich die Anleger dem Verlust ihres Investments gegenübersehen.

Auch das Management von Wirecard kritisiert EY: So habe der neue CEO, James Freis, gegenüber Aufsichtsratsmitgliedern geäußert, dass es mit „grundlegenden Checks“ möglich gewesen wäre, den Skandal zu erkennen. Wie die Financial Times schreibt, habe EY die Originalbelege von den Banken nicht direkt verifizieren lassen, sondern sich auf die Angaben aus dem Unternehmen verlassen. EY wollte sich am Montag auf Anfrage der Berliner Zeitung nicht äußern.

Wirecard hat laut FT die Gehaltszahlungen für Mitarbeiter in Deutschland, Frankreich, Luxemburg und einigen anderen Ländern ausgesetzt. Der Großteil der insgesamt 5.400 Mitarbeiter soll das Gehalt jedoch erhalten haben, schreibt die Zeitung unter Berufung auf Insider.

Der Kurs der Aktie ist mittlerweile ein Objekt für professionelle Spekulanten geworden. So stieg die Aktie am Montag um zeitweise 200 Prozent. Fachleute warnen private Kleinanleger, an den Spekulationen teilzunehmen; es drohe der Totalverlust.

Im fortlaufenden Geschäft muss Wirecard wegen des Bilanz-Skandals herbe Rückschläge hinnehmen. In Großbritannien legte die Finanzaufsicht FCA am Freitag die örtliche Tochter Wirecard Card Systems still und untersagte jegliche Transfers von Geldern und Vermögenswerten. Davon betroffen waren unter anderem die britischen Nutzer der Finanzapp Curve, die die Abwicklung sämtlicher Bankaktivitäten mit einem Programm und einer Karte erlaubt. Das Unternehmen wollte die Zusammenarbeit mit Wirecard ohnehin beenden, und hat das nun innerhalb eines Wochenendes bewerkstelligt, wie ein Curve-Sprecher auf Anfrage sagte. Anstelle von Wirecard nutzt Curve jetzt die Dienste des Konkurrenten Checkout.

Zu Wirecards ehrgeizigen Zukunftsprojekten zählte die geplante Kooperation mit Grab, einem in Südostasien populären Fahrdienst ähnlich dem US-Unternehmen Uber. Diese Hoffnung muss der Bezahldienstleister nun begraben: „Wir pausieren die Partnerschaft im Lichte der jüngsten Entwicklungen“, erklärte eine Grab-Sprecherin in Singapur laut dpa.

Die Bundesregierung will nach dem Skandal die Kontrolle von Unternehmensbilanzen nachbessern. In einem ersten Schritt soll der Vertrag mit der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung gekündigt werden. Die Kündigung werde gegenwärtig vorbereitet, so der Sprecher des Justizressorts, laut dpa. Ein Sprecher des Justizministeriums sagte am Montag, ein „sachkundiges, wirkungsvolles und effizientes Bilanzkontrollverfahren“ sei wichtig, um einen funktionsfähigen und transparenten Kapitalmarkt zu gewährleisten. 


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