Die für Wirtschaftsprüfer zuständige Aufsicht APAS hat gegen EY den Vorwurf erhoben, das Testat 2017 für den Skandal-Konzern Wirecard bewusst falsch ausgestellt zu haben. So habe EY bis zuletzt schwere Bedenken geltend gemacht, diese aber nach nur wenigen Tagen völlig überraschend fallengelassen. Die Financial Times berichtet, vier mit der Sache befasste Personen hätten berichtet, die APAS habe das Verhalten von EY-Partnern den Strafermittlern gemeldet.

Die Prüfer hatten Wirecard zunächst vergeblich aufgefordert, forensische Belege für zweifelhafte Buchungen vorzulegen. Nachdem dies nicht geschah, drohte EY mit einem eingeschränkten Prüfungsvermerk. Ein solcher hätte, so ein Kenner, den „Todesstoß“ für Wirecard bedeutet. Nur wenige Tage später erteilte EY dem Unternehmen jedoch plötzlich einen uneingeschränkten Vermerk. Die APAS hat nun Zweifel, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Allerdings sehen Beobachter noch keinen zwingenden Zusammenhang zwischen dem Tauziehen um das Testat und einem möglichen Fehlverhalten von EY. Man geht davon aus, dass EY Dokumente von Wirecard erhalten hat, aufgrund derer schließlich das Testat erstellt wurde. Ob diese allerdings ausreichend waren und einen uneingeschränkten Vermerk tatsächlich begründet haben, wird erst im Lauf des Verfahrens beurteilt werden können. 

Florian Toncar von der FDP sagte der Berliner Zeitung: „Der Hermes-Deal in Indien erscheint bis heute obskur und verdächtig. Wenn EY hier 2017 genau nachgesehen hätte, hätte sich der Schaden dieses beispiellosen Betrugs noch auf einen Bruchteil begrenzen lassen. Daher werden wir uns im Untersuchungsausschuss - auch im Interesse der Geschädigten - ganz genau ansehen, wie es zu den uneingeschränkten Testaten der Abschlüsse 2016 bis 2018 kam. Dass EY sich nicht kooperativ zeigt, ist ja schon sehr aufschlussreich, aber am Ende nicht entscheidend. Wir können die Sache auch aufklären, indem wir uns die erforderlichen Informationen über die Wirecard AG selbst, die APAS und KPMG besorgen.“

Fabio De Masi von der Linken sagte dieser Zeitung: „EY sollte reinen Tisch machen und nachvollziehbar belegen, warum etwa die Existenz der Treuhandguthaben oder die Plausibilität des Indien-Deals nicht hinreichend forensisch geprüft wurden. Die APAS wiederum muss erklären, seit wann ihr Hinweise und Unterlagen zu den teils Jahre zurückliegenden Vorgängen vorliegen und warum nicht proaktiv eingeschritten wurde. Es ist überdies erstaunlich, dass etwa der Gesundheitsminister trotz der Diskussionen um EY und Wirecard über lange Zeiträume freihändig Aufträge - das heißt ohne Ausschreibung - zum Management des Schutzmasken-Chaos an EY erteilte. Hat die Bundesregierung eigentlich geprüft, ob von ihr beauftragte EY-Berater zuvor für Wirecard tätig waren?“

Danyal Bayaz von den Grünen sagte: „Die Vorwürfe der Abschlussprüferaufsichtstelle (APAS) gegen EY wiegen schwer. Die Verschwiegenheitspflicht der APAS zu ihren Inspektionen der Wirtschaftsprüfer-Kanzleien muss abgeschafft werden, damit mehr Transparenz in die Arbeit und Qualität der Wirtschaftsprüfer kommt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, warum die APAS nicht schon früher Unregelmäßigkeiten bei den Abschlussprüfungen der Wirecard AG untersucht hat. Schon Anfang 2019 gab es dazu einen direkten Austausch mit EY. Hier muss sich die Aufsicht auf unbequeme Fragen im Untersuchungsausschuss gefasst machen.“

Am Dienstag haben zwei EY-Mitarbeiter formal beim Bundesgerichtshof (BGH) Beschwerde gegen das Ordnungsgeld des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses (PUA) eingelegt, wie das Unternehmen in einer Mitteilung schreibt. Auf diesem Weg soll wie im Ausschuss am vergangenen Donnerstag angekündigt schnellstmöglich eine Entscheidung über die in der Rechtswissenschaft und Rechtsprechung umstrittene Rechtslage in Bezug auf die Entbindung von der Verschwiegenheit gefällt und damit Rechtssicherheit für EY-Mitarbeiter vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss im Fall Wirecard geschaffen werden.

Bei einer entsprechenden Entscheidung des BGH wäre die von EY-Mitarbeitern im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss angekündigte umfangreiche Aussage darstellbar, schriebt EY. In einem Brief an den Vorsitzenden des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses schreibt EY weiters: „Mit höchstrichterlicher Entscheidung über eine wirksame Entbindung von der Verschwiegenheitsverpflichtung wäre es möglich, durch die dann entbundenen und nicht von anderen Ermittlungsverfahren betroffenen EY Mitarbeiter auszusagen. Wir bitten, im Interesse einer ausgewogenen und am Auftrag des Untersuchungsausschusses ausgerichteten Aufklärungsarbeit zu prüfen, wie eine schnellstmögliche Ladung, ggf. noch in diesem Jahr, erreicht werden kann.“