Es ist bereits dunkel in den Hallen des Paul-Löbe-Hauses am Spreeufer. Auch Erichs Lampenladen, die Kantine des Bundestags, hat längst geschlossen. Die Bratwurst, die dem Vorsitzenden des Wirecard-Untersuchungsausschusses kurz zuvor beinahe auf seine Akten gerutscht war, war vermutlich schon kalt. „Egal“, brummt Kay Gottschalk, der AfD-Mann, der den Ausschuss mit zunehmender Routine leitet. Gottschalk nervt die anderen Ausschussmitglieder trotzdem. Aber nicht, weil er sich zu sehr in den Vordergrund drängen will, im Gegenteil. „Er will sich bei allen anderen Parteien einschmeicheln, will dazugehören. Daher führt er den Ausschuss nicht straff genug“, sagt einer der jungen Abgeordneten, die sich akribisch der Aufklärung widmen wollen.

Es geht um den größten Bilanzbetrug der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Bis zu drei Milliarden Euro sind ebenso spurlos verschwunden wie der Hauptverdächtige. Jan Marsalek soll das „Hirn“ hinter dem Verbrechen gewesen sein. Tausende Anleger verloren ihre Ersparnisse. Sie haben sich blenden lassen vom Trugbild eines „deutschen Champions“. Die Getäuschten reichen von einfachen Sparern, die auf ein sorgenfreies Alter gehofft hatte, bis zur Bundeskanzlerin.

Nun will der „3. Untersuchungsausschuss“ herausfinden, wie es so weit kommen konnte. Die Sitzungen dauern oft bis ins Morgengrauen. Mit eiserner Disziplin kämpfen sich die Abgeordneten durch einen Dschungel von Aktennotizen, E-Mails, Protokollen, Zeugenaussagen. Sie sitzen um einen runden Tisch. Die Zeugen nehmen in der Mitte Platz. Sie werden höflich begrüßt und belehrt. Die Fragen gehen reihum, es beginnt mit dem Vorsitzenden, dann kommt die Union, dann die SPD, dann die Oppositionsparteien. Die Fragezeit hängt von der Größe der Partei ab. Mal beginnen die Regierungsparteien, dann die Oppositionsparteien. 

Es ist oft ein Problem, wenn die Regierungsparteien den Anfang machen und taktieren können: Will die Union die Aufmerksamkeit auf mögliche Versäumnisse des SPD-Ministers Olaf Scholz lenken, wird der Zeuge aus dem Bundesfinanzministerium „gegrillt“. Will die SPD den Schwarzen Peter in Richtung der Bundeskanzlerin schieben, gibt es besonders ausführliche Fragen an die Zeugen aus dem Kanzleramt. Bis die Opposition an die Reihe kommt, sind alle schon ziemlich müde. Die Aufmerksamkeit lässt nach, die ersten heißen Getränke werden geholt. Vor dem Saal gibt es Spätzle oder Suppe. Alles liegt schwer im Magen – wie die Materie selbst auch.

Doch FDP, Grüne und Linkspartei haben sich eine eigene Taktik zurechtgelegt. Florian Toncar, Danyal Bayaz und Fabio De Masi agieren als Trio: Kurze Fragen, keine Wiederholungen. Sie sind bestens vorbereitet. Sie spielen sich die Bälle zu. Das machen sie so geschickt, dass der AfD-Vorsitzende ganz schnell ihr Verbündeter wird, ohne zu merken, wie ihm geschieht. Die SPD-Abgeordnete Cansel Kiziltepe schaltet sich gelegentlich ein und unterstützt auf diese Weise das Trio. Mit scheinbar naiven Fragen erzielt sie mitunter große Wirkung: Ihre Frage an den Chef der Wirtschaftsprüferaufsicht APAS, ob er denn Wirecard-Aktien besitzt, wird zum Volltreffer: Ralf Bose räumt ein, dass er mit den Aktien gehandelt hat, während die Ermittlungen der Aufsicht bereits liefen. Wenige Tage später wird er freigestellt. Touché – ein erster Kratzer am Image von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, dessen Ministerium eigentlich die APAS hätte überwachen sollen.

In der Nacht zum Freitag macht Staatssekretär Wolfgang Schmidt vor, dass es auch andersrum geht: Der Zeuge, Olaf Scholzens engster Vertrauter, hält dem Ausschuss trotz der fast mitternächtlichen Stunde einen lebendig-anschaulichen Vortrag über die große deutsch-chinesische Politik. Wirecard kommt auch vor. Aber es sei nicht wichtig gewesen. Die Deutsche Bank, die Versicherungen, die Bafin - alle wollten mit China Geschäfte machen: „Wirecard war kein besonderer Liebling der Bundesregierung.“ Alles seien „übliche Maßnahmen zur Förderung der Außenwirtschaft“ gewesen. Schmidt liest aus Emails und diplomatischen Depeschen vor, zitiert aus dem Gedächtnis, kennt fast jedes Datum auswendig, liefert Anekdoten. Manchmal hat man den Eindruck, der Staatssekretär wundert sich über das ganze Theater wegen Wirecard. Schmidts Vortrag ist so sachlich, dass man als Zuhörer am Ende fast vergisst, dass drei Milliarden Euro spurlos verschwunden sind. Sie haben vorher einmal jemand anders gehört. Fast drei Stunden lang beschäftigt Schmidt die Abgeordneten, die ihn aber nicht zu fassen bekommen. Ein Profi. Die Abgeordneten sind schließlich zu müde, um die Nacht durch zu machen. Schmidt dagegen macht den Eindruck, als könne er unbegrenzt weiter dozieren. Er wirkt wie ein Beamter aus dem Lehrbuch, voller Leidenschaft und Fachwissen. Man wünscht ihn sich so und fürchtet ihn deshalb. 

Immerhin: Bereits am Donnerstag  hatte Cansel Kiziltepe einen weiteren Treffer für die Aufklärer gelandet, als sie den früheren Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg fragt, wie denn sein Unternehmen Spitzberg von Wirecard entlohnt wurde. Spitzberg Partners, von Guttenberg stets weltmännisch mit einem amerikanisch-rollenden R in den „Partners“ ausgesprochen, hatte Wirecard bei einer Akquisition in China unterstützt. Die Beratung sei rein „erfolgsbasiert“ gewesen. Seine Lobbyarbeit bei der Kanzlerin, die er vor einer China-Reise auf die Erfolgsgeschichte Wirecard hingewiesen habe, sei faktisch „pro bono“ gewesen.

Cui bono, fragen sich die Abgeordneten. Darüber könne er nicht reden, faucht Guttenberg als Antwort auf die Frage nach den Verträgen. Er habe die Verträge nicht unterschrieben, schließlich sei er „Chairman“ (rollendes R) gewesen, also ganz oben. In Guttenbergs Auftreten blitzt gelegentlich Arroganz auf. Er murmelt, dass es in der Privatwirtschaft üblich sei, dass Erfolg honoriert wird. Während seiner politischen Laufbahn, die so glänzend begonnen hatte, musste Guttenberg erleben, dass Erfolg nicht immer belohnt wird. Zu Wirecard hat Guttenberg eine Botschaft an die anwesenden Journalisten mitgebracht: Der gefürchtete Medien-Anwalt Christian Schertz nimmt neben dem Zeugen Platz, verfolgt das Geschehen mit der ihm eigenen, dominanten Körpersprache. Als er einmal intervenieren möchte, legt Guttenberg ihm die Hand auf die Schulter, er könne das schon allein, danke. Es ist ein Spiel, denn Schertz hat gar kein Rederecht in diesem Ausschuss.

In seinem Auftreten vor seinen ehemaligen Kollegen fährt Guttenberg eine Doppelstrategie. Er sagt fast unterwürfig: „Ja, Frau Abgeordnete!“ oder „Nein, Herr Vorsitzender.“ Dann wippt er wieder weit zurückgelehnt in seinem Drehstuhl wie Gordon Gekko, der Spekulant aus dem Film „Wall Street“. Warum Guttenberg , der nur wenige Namensartikel veröffentlicht, ausgerechnet mitten in der Corona-Krise in der FAZ eine Attacke gegen Leerverkäufe, gegen sogenannte „Shortseller“ geritten habe, wollen die Abgeordneten wissen. Ob dies mit Wirecard zu tun habe? Shortseller sind in der Regel Leute, die sich mit einem Unternehmen so gut beschäftigt haben, dass sie viel Geld auf dessen Untergang wetten. An der Börse hassen diejenigen, die von steigenden Aktienkursen profitieren, die Shortseller. Die Shortseller verhageln ihnen den Traum vom großen Geld. Guttenberg sagt, der Artikel sei allgemein gemeint gewesen.

Ob der Vertrag, den Guttenbergs Unternehmen mit Wirecard geschlossen hatte, auch an den steigenden Aktienkurs gekoppelt war, will der frühere CSU-Politiker nicht sagen. „Bei ihm kommen wir nicht weiter, wir werden uns eben die Dokumente beschaffen müssen“, sagt einer der Aufklärer nach dem Guttenberg-Auftritt. Das Thema ist brisant, weil die Finanzaufsicht Bafin auf dem Höhepunkt des Wirecard-Hypes ein Verbot für Shortseller von Wirecard-Aktien erlassen hatte. Diese Maßnahme sei im Hinblick auf einzelne Aktien sehr selten, sagte Cansel Kiziltepe. Üblicherweise gibt es solche Verbote gegen ganze Märkte oder Branchen. Im Fall Wirecards war die Financial Times (FT) auf Betrugsfälle gestoßen. Doch statt die Warnung ernst zu nehmen, ermittelte die Staatsanwaltschaft München gegen die FT-Journalisten. Später kam heraus, dass auch zahlreiche Mitarbeiter der Bafin mit Wirecard-Aktien gehandelt hatten.

Das Börsenfieber erfasste offenbar viele. Jan-Ole Peters, Diplomat mit guten Manieren, Selbstbewusstsein und einer feinen Ironie, war eine Zeit lang Finanzattaché an der deutschen Botschaft in Peking. Er räumt vor dem Ausschuss ein, dass auch er Wirecard-Aktien gekauft habe – allerdings nach seinem Ausscheiden aus der Botschaft, und nur wenige Tage vor dem Crash des Unternehmens. In Peking war er noch einer der wenigen gewesen, der vor Wirecard warnte.

FDP-Mann Toncar sagt, Peters sei „der Typus des Beamten, der ohne jede kritische Distanz agiert“. Peters hatte dem Wirecard-Mann Burkhard Ley in einer Email geschrieben: „Ich hoffe Sie überstehen den Sturm unbeschadet.“ Warum er am 19. Juni 2020 noch Aktien gekauft hat, kann Peters nicht erklären. Aber er hat eine Lebensweisheit aus China parat: „Zu sagen, da haben wir Mist gebaut, wäre sehr unchinesisch. Etwas totzuschweigen wäre sehr chinesisch.“ Ein Abgeordneter ruft in den Saal: „Das könnte das Motto für diesen Ausschuss sein.“

Wirecard-Skandal

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