Die ganze Welt hat sich von Wirecard blenden lassen: „Es war ein besonderer Fall von Verführung, Verführung der Öffentlichkeit, der Anleger. Eigentlich war es Manipulation und Propaganda“, sagt der Filmproduzent Nico Hofmann. Der Chef der UFA hat in sich des Themas in den vergangenen Monaten angenommen und bringt am Mittwoch im Streaming-Dienst TV Now einen Doku-Thriller heraus. Titel: „Der große Fake – Die Wirecard Story“.

Hofmann kennt nicht nur die Welt des Films. Er ist im internationalen Medien-Business eine feste Größe. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung räumt Hofmann ein, dass auch er auf die ersten kritischen Medienberichte der Financial Times (FT) zunächst skeptisch reagiert habe: „Am Anfang habe ich sehr deutsch reagiert, mit einer Mischung aus Stolz und Abwehr der Vorwürfe.“ Doch eine vertrauenswürdige Zeugin an seiner Seite schärfte seinen kritischen Sinn: „Meine damals 88-jährige Mutter, die selbst Wirtschaftsjournalistin war, hatte gleich gesagt, gute Journalisten recherchieren, und man kann hier der FT vertrauen.“

Er selbst sei endgültig stutzig geworden, als die Machenschaften von Wirecard in Singapur aufflogen: „In Singapur gibt es eine sehr scharfe und professionelle Aufsicht. Da können sie mit Betrug keine Geschäfte machen.“ Die Berichte der FT seien „sehr ausführlich und präzise“ gewesen, da habe er gewusst, dass mit Wirecard etwas nicht stimmen könne. Die Behörden und Anleger in Deutschland dagegen glaubten weiter an den Weltkonzern. Hofmann: „Die Deutschen haben eine ungeheure Sehnsucht nach digitalem Prestige und internationaler Größe.“

Kombination von Fakten und Fiktion zu Wirecard

Daher gelang es Wirecard, sein betrügerisches Geschäft noch mehrere Jahre weiter zu betrieben. Im Sommer 2020 kam schließlich die Insolvenz. Die FAS-Journalistin Bettina Weiguny nahm mit Hofmann Kontakt auf. Beide waren sich einig: Der Stoff taugt zu einem Film. Dieser liegt nun in einer Kombination von Fakten und Fiktion vor. Den Machern um Regisseur Raymond Ley, der das Drehbuch gemeinsam mit seiner Frau Hannah schrieb, ist ein bemerkenswert kurzweiliges Werk gelungen, das sich mit einer eigentlich drögen Materie beschäftigt: Elektronische Zahlungssysteme gehören nicht zu dem Stoff, aus dem die großen Dramen dieser Welt entstehen.

Foto: UFA GmbH
UFA-Chef Nico Hofmann.

Doch bei Wirecard ist das anders. Hofmann: „Es ist eine Tragödie auf mehreren Ebenen. Wir haben die völlig überdrehte Wahrnehmung auf dem Markt, es ist die Verführung und schließlich sind es die beiden Männer Markus Braun und Jan Marsalek.“ Die beiden Protagonisten werden in dem Film von Christoph Maria Herbst und Franz Hartwig gespielt. Marsalek war vergleichsweise leicht zu skizzieren, während der abgehobene Chef von Wirecard Markus Braun „nicht leicht darzustellen“ gewesen sei, so Hofmann. Der Film hilft sich, wie der Regisseur Raymond Ley erzählt, mit einem Kunstgriff: „Wir haben nahezu alles, was Markus Braun sagt, aus Interviews oder Pressenkonferenzen genommen. Brauns Satz ‚Ich habe absolutes Herrschaftswissen, das Geschäft ist authentisch‘ prägte unsere Recherchen nachhaltig.“

Der Film arbeitet auf zwei Ebenen: Auf der fiktionalen führt Jan Marsalek den Zuschauer als charmanter Aufsteiger, der nach ganz oben will, durch den Film und stimmt mit dem Spruch „Wir sind die Größten!“ das Leitmotiv an. Braun dagegen geistert wie ein ferngesteuerter Roboter durch die Szenen, wirkt verklärt, verrückt, kalkuliert, unberechenbar. Auf der Dokumentar-Ebene haben die Macher zahlreiche Gespräche geführt und dabei überraschend präzise immer wieder ins Schwarze getroffen: Das Dilemma der Wirtschaftsprüfer wird sichtbar, die Orientierungslosigkeit des Justitiars im rechtsfreien Raum, die Bezüge zu russischen Oligarchen, dubiosen Glücksspiel- und Porno-Unternehmern. Sogar der echte Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, tritt auf oder Fahmi Quadir, die Shortsellerin aus New York, die den Verbrechern aus Aschheim schon früh auf die Schliche gekommen war, allerdings von der deutschen Finanzaufsicht Bafin nicht gehört wurde.

Raymond Ley berichtet von einer bemerkenswerten Erfahrung: „Alle, mit denen wir gesprochen haben, haben den Eindruck einer diffusen Angst ausgestrahlt. Das habe ich noch nie erlebt. Es war wie das Pfeifen im Walde. Sie haben gesagt: Mir kann ja nichts passieren, daher rede ich mit euch. Und doch haben sich alle irgendwie bedroht gefühlt, manche von ihnen sogar körperlich.“ Daher hätten auch viele wichtige Gesprächspartner nicht vor der Kamera gesprochen. Die Produktion hat sich rechtlich massiv abgesichert, erzählt Nico Hofmann: „Wir haben vier Anwälte beschäftigt. Aber entscheidend war für uns, dass wir journalistisch sauber recherchiert haben.“ Er habe keine Angst vor Klagen: „Natürlich haben Sie bei so einem Projekt immer die Situation, dass Sie während der Dreharbeiten Briefe von Anwälten bekommen. Mich stachelt das aber journalistisch an, weiterzumachen.“

Der Bilanzbetrug war nur ein Teil des Verbrechens

Die größte Herausforderung für die Filmemacher bestand in der Tatsache, dass sich die Erkenntnisse im Fall Wirecard während der Dreharbeiten permanent weiterentwickelten. Der Untersuchungsausschuss des Bundestags hat viele neue Einsichten gebracht. Es wurde im Lauf der vergangenen Monate immer klarer, dass der „Fake“ – also der Bilanzbetrug – nur ein Teil des Verbrechens war. Der andere Teil ergibt sich aus der internationalen Geldwäsche und den politischen Verflechtungen. Die Aufklärung dieser Phänomene steht erst ganz am Anfang. Der Film gibt allerdings – und das ist in diesem Stadium der Ermittlungen wirklich beachtlich – Denkanstöße, in welche Richtung sich der Fall weiterentwickeln könnte. Raymond Ley: „Wir haben mit einem engen Vertrauten von Marsalek gesprochen. Der hat uns erzählt, er habe den Jan kaum jemals gesehen, weil er jedes Wochenende im Mittelmeer auf irgendeiner russischen Vergnügungsyacht unterwegs gewesen ist.“ Wirecard hätte „extrem versucht, in den russischen Markt reinzugehen“.

In diesem Zusammenhang spiele auch die österreichisch-russische Freundschaftsgesellschaft eine wichtige Rolle. Es sei ihm gelungen, mit dem früheren FPÖ-Politiker John Gudenus zu sprechen. Schließlich sei die Arbeit jedoch stark durch die Corona-Einschränkungen behindert worden, weil Reisen nicht mehr möglich waren. Ley bedauert, dass er sich den bayrischen Filz nicht stärker vornehmen konnte: „Es ist ja absurd, dass dieselbe Staatsanwaltschaft, die bei Wirecard eine mindestens fragwürdige Rolle gespielt hat, nun mit der Strafverfolgung betraut wurde.“ Ley ist sich sicher: „Da wird noch etwas kommen.“ Auch Hofmann sagt: „Die politische Debatte ist noch lange nicht ausgestanden. Ich bin überzeugt, dass da noch einiges auftaucht.“

Eine besondere Leistung der Filmemacher besteht in der Darstellung der komplexen Welt der Wirtschaftsprüfer. Ley: „Wir haben mit den Compliance-Leuten gesprochen. Wir haben sehr viel in Hintergrundgesprächen mit EY gelernt. Und schließlich hat uns viele ehemalige Mitarbeiter des Unternehmens sehr geholfen.“ Für die schwierige Position der Wirtschaftsprüfer hat Ley heute ein besseres Verständnis: „Die haben uns gesagt: Wenn ich zu einem großen DAX-Konzern fahre, weiß ich erst im dritten Jahr, was die wirklich tun. Die Prüfer gehen immer davon aus, dass sie es mit einem ehrbaren Kaufmann zu tun haben. Und wenn sie dann feststellen, dass sie einem Ganoven gegenübersitzen, dann sind ihnen die Hände gebunden.“

Nico Hofmann erwartet trotz der globalen Komplexität nicht, dass es ein zweites Wirecard geben könnte: „Ich glaube nicht, dass es in dieser Form noch einmal passiert. Die weltweite Genauigkeit, etwa beim Thema Geldwäsche hinzuschauen, ist extrem groß geworden. Alles bei Wirecard hat dazu geführt, dass es eine starke Sensibilisierung bei Politik, Anlegern, Prüfern und Behörden gibt.“ So erzählt dieser deutsche Doku-Thriller, der am 22. April bei RTL laufen wird, zwar nicht, wie von vielen gehofft, die Erfolgsgeschichte eines globalen deutschen Champions. Er dokumentiert, dass die Möglichkeiten für das Verbrechen im digitalen Raum am Ende doch nicht unbegrenzt sein könnten.

Abrufbar auf www.tvnow.de ab 31. März. Im Fernsehen bei RTL am 22. April