Ihre Freundlichkeit ist gefürchtet: Wenn Cansel Kiziltepe beim Wirecard-Untersuchungsausschuss einem verunsicherten Manager aufmunternd zulächelt, seinen Namen langsam nennt, während sie beiläufig in einem Aktenordner blättert: Dann weiß jeder im Saal, dass jetzt eine Frage kommt, die einen Zeugen in einen Angeklagten verwandeln könnte. So wurde die SPD-Abgeordnete aus Berlin-Kreuzberg weltberühmt, als sie den Chef der Wirtschaftsprüferaufsicht APAS bei einer Sitzung kurz nach Mitternacht arglos fragte, ob er denn Wirecard-Aktien halte. Der CDU-Mann Matthias Hauer sagte der Financial Times, in diesem Moment habe er gewusst, der Mann wird seinen Job verlieren.

Kiziltepe muss in dem Ausschuss eine schwierige Gratwanderung vollziehen: Gemeinsam mit ihrem Parteikollegen Jens Zimmermann muss sie einerseits zur schonungslosen Aufklärung des größten Betrugsfalls der deutschen Wirtschaftsgeschichte nach 1945 beitragen, aber auch dafür sorgen, dass die Aufklärung nicht den SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz hinwegspült.

Kiziltepe schafft das bisher vor allem deshalb, weil sie eine politische Idee von der Welt hat. In der sind auf der einen Seite die Arbeiter und auf der anderen ist das Kapital. Kiziltepe sagt: „In der Politik wird entschieden, wie der Wohlstand verteilt wird. Diejenigen, die aus einkommensschwachen Verhältnissen kommen, brauchen jemanden, der für sie kämpft.“ Das Kämpfen hat sie gelernt: „Ich komme aus einer Gastarbeiterfamilie. Mein Vater kam 1961 nach Deutschland, zuerst in den Ruhrpott, später nach Berlin, zum Daimler nach Marienfelde. Meine Mutter war Hausfrau. Ich habe mit 16 angefangen zu jobben, wollte mein eigenes Geld verdienen.“

Kiziltepe arbeitete bei Drospa, war Hauswartin, Bauendreinigerin und schließlich Betriebsleiterin bei einer kleinen Textilfirma. Die politische Sozialisierung erfolgte zu Hause und in Kreuzberg: „Mein Vater war bei der IG Metall. Meine Mutter hätte selbst das Potenzial gehabt, auf eine höhere Schule zu gehen. Das war aber damals in der Türkei nicht üblich. Ich hatte Glück: Meine Eltern wussten, dass Aufstieg nur mit Bildung möglich ist. Meine Mutter hat bei mir nachgeholt, was sie selbst nicht bekommen hat: Ich bekam von ihr alle Unterstützung – Hauptsache, ich mache meine Hausaufgaben.“ Kiziltepe lacht zustimmend, wenn sie gefragt wird, ob sie eine Streberin war.

Schließlich studiert sie Volkswirtschaft an der TU Berlin. In die SPD kommt sie über einen legendären sozialdemokratischen Abgeordneten: Sie wird Mitarbeiterin von Ottmar Schreiner, den sie heute als ihren politischen Ziehvater bezeichnet. Schreiner war ein radikaler Gegner der Agenda 2010 und verstand sich als Kämpfer für die Arbeiter. Kiziltepe sieht sich in dieser Linie, räumt aber ein: Das politische Umfeld ist für die frühere Arbeiterpartei härter geworden. „Es gibt den klassischen Arbeiter kaum noch. Wir müssen heute von abhängig Beschäftigten sprechen, die in verschiedenen, ganz neuen Bereichen tätig sind. Das betrifft vor allem die neuen Berufe, in den Start-ups, bei den Lieferdiensten, den Restaurants, den Zustellern. Dort haben wir ganz neue Probleme. Es gibt keine Betriebsräte, keinen Mindestlohn, kaum soziale Absicherung. Hier müssen wir als SPD für den Arbeitnehmerschutz etwas tun.“

Das Interesse bei den jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sei vorhanden, sagt Kiztiltepe. Allerdings sei der Ansatz für Solidarität heute anders: „Die Mitarbeiter wollen sich in den Betrieben organisieren. Sie haben eigentlich keinen Zugang mehr zu der Bedeutung von Gewerkschaften. Dabei sind die Gewerkschaften auch für die digitalen Unternehmen extrem wichtig, etwa bei Tarifvertragsverhandlungen.“

Der Wirecard-Ausschuss ist auch für die Abgeordnete, die für die kommende Bundestagswahl für die SPD auf einem sicheren Listenplatz kandidiert, eine völlig neue Erfahrung: „Wir kennen die Banden aus Berlin-Neukölln, aber ich hätte nicht gedacht, dass es auf diesem Level eine solch kriminelle Gang geben könnte. Es ist wie ein Krimi, man könnte sich das nicht ausdenken. Ich hätte mir nicht denken können, dass solche Zustände wie etwa in Bayern gibt, wo der frühere Polizeipräsident für Wirecard als Lobbyist gearbeitet hat. Auch die Zustände in den Behörden haben uns erschreckt.“

Kiziltepe ist allerdings sicher, dass der Ausschuss eine grundlegende Änderung mit angestoßen hat: So habe der Skandal endlich dazu geführt, dass es auch in Deutschland ein Lobbyregister geben wird – eine Initiative, für die sich Kiziltepe immer besonders eingesetzt hat. Das neue Finanzmarktgesetz FISG werde Exzesse in den Unternehmen unterbinden und Geldwäsche-Aktivitäten besser kontrollieren: „Es gibt den obligatorischen Prüfungsausschusse, eine verbesserte Information für Aufsichtsräte und einen direkten Draht des Aufsichtsrats zum Compliance-Beauftragten.“ Darüber hinaus müsse die Praxis der Steuervermeidung von internationalen Konzernen gestoppt werden: „Wir brauchen einen globale Mindestbesteuerung, wir müssen konsequent Steuerschlupflöcher schließen.“

Kiziltepe ist überzeugt, dass das System des Turbokapitalismus in der bestehenden Form verändert werden muss: „Es ist im Interesse aller, dass der soziale Ausgleich gelingt. Auch die Superreichen werden erkennen, dass es zu sozialen Konflikten kommt, wenn die Ungleichheit nicht abgebaut wird. Es kann nicht in deren Interesse sein, dass sie ihren Reichtum mit Mauern abschotten, weil sie fürchten müssen, dass die Armen sie angreifen, weil sie verzweifelt sind.“

Kiziltepe weiß, dass der Kampf auf verschiedenen Ebenen zu führen ist. Sie selbst geht mit gutem Beispiel voran: Diese Woche tagt der Wirecard-Ausschuss in Permanenz. Am Montag steigt Kiziltepe auf der globalen Ebene ein und diskutiert mit dem Star-Ökonomen Thomas Piketty über „Vermögen und Ungleichheit in Europa“. Veranstalter ist die traditionsreiche linke Rosa-Luxemburg-Stiftung.