Rainer Wexeler hat kurze graue Haare, trägt eine etwas aus der Zeit gefallene Brille und schaut meistens sehr traurig drein. Im Wirecard-Ausschuss präsentiert sich der frühere Finanzvorstand der Wirecard Bank Mitte Februar als Opfer. Auf die Frage eines Abgeordneten, was er denn jetzt beruflich mache, stützt Wexeler den Kopf in beide Hände und antwortet mit leerem Blick: „Nichts mehr.“

Zu den Hoch-Zeiten von Wirecard war das anders gewesen: Wexeler hatte nach eigenen Angaben mit „6.000 Euro brutto“ bei Wirecard angefangen und sich bis zum Bankenvorstand hochgearbeitet. Er weist heute jedes eigene Verschulden von sich, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn.

Als Wirecard noch jedermanns Liebling war und in München und Berlin gerade das Lobbying bei Bundeskanzlerin Angela Merkel startete, um Wirecard zum ersten westlichen Zahlungsdienstleister in China zu machen, spielt der Banker vom Typ Söldner in der Wirecard Bank allerdings noch eine entscheidende Rolle: Er zeichnet nachträglich Kredite an seltsame Wirecard-Töchter ab, die auf Wunsch der Manager der Wirecard AG Jan Marsalek und Burkhard Ley von der Wirecard Bank zu vergeben waren – ein beispielloser Vorgang: Weder Marsalek noch Ley hatten operative Funktionen in der Wirecard Bank.

Die Wirecard Bank diente dazu, die Gelder aus dubiosen Zahlungsströmen und Geschäften der Wirecard AG in Umlauf zu bringen. Wirecard war, so sagten es mehrere Zeugen vor dem Untersuchungsausschuss mehr oder weniger deutlich, eine Geldwaschmaschine.

Der kriminellen Gruppe gelang es, alle zu täuschen – bis hin zu dem legendären Staatsbesuch von Merkel, wo die Kanzlerin im Oktober 2019 voller Stolz Wirecard dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping als deutschen Champion anpries.

Dabei hätte es die Kanzlerin und vor allem ihr Finanzminister Olaf Scholz besser wissen können.

Denn die Machenschaften von Marsalek und seinen Helfern blieben unter anderem den Wirtschaftsprüfern von EY nicht verborgen. Und mehr noch: Der Prüfungsbericht der Wirecard Bank für das Geschäftsjahr 2018 wurde im Mai 2019 an die Finanzaufsicht Bafin weitergeleitet.

Der Bericht, der der Berliner Zeitung vorliegt, enthält schwere Vorwürfe gegen das Gebaren der Wirecard Bank (WDB). Zwar erteilte EY der Bank einen uneingeschränkten Prüfungsvermerk. Doch im Bericht selbst finden sich Mitteilungen, die bei der Bafin alle Alarmglocken hätten schrillen lassen.

Unter der Ziffer 718 heißt es: „Insgesamt erachten wir die Verfahren und Prozesse der WDB im Kreditgeschäft nur mit Einschränkungen für ausreichend. Insbesondere die Prozesse zur Offenlegung der wirtschaftlichen Verhältnisse und zur Beurteilung der Wertberichtigungen (insbesondere der nachhaltigen Kapitaldienstfähigkeit) sind nicht banküblich und auch für das Geschäftsmodell der WDB nicht ausreichend.“

Unter Ziffer 714 schreiben die Prüfer: „In Einzelfällen stellen wir fest, dass im Bereich der Einzelkreditengagements aus übergeordneten Konzerngesichtspunkten teilweise eine nicht risikoadäquate Konditionengestaltung vorgenommen wurde.“

Marsalek hatte die Kredite an die verschiedenen Wirecard-Satelliten zu besten Konditionen ausgereicht. Weiters hat die Bank Kreditlinien an Dritte gewährt, die in dem Prüfungsbericht detailliert angeführt sind. Unter anderem finden sich in der Auflistung die berüchtigten Firmen OCAP Management und Goomo Holdings.

Besonders bemerkenswert: Der Bericht von EY erläutert, dass Marsalek und Ley – obwohl sie keine Organschaft in der Wirecard Bank innehatten – am 22. Januar 2019 einen Kredit für die Firma Bijlipay in Höhe von 11,25 Millionen Euro beschlossen und für diesen „temporäre Tilgungsaussetzungen ‚vereinbart‘“ hätten. Und weiter: „Angabegemäß erfolgte diese Kreditentscheidung in Abstimmung mit dem Bankvorstand Herrn Wexeler, der dies am 13. März 2019 nachträglich schriftlich dokumentierte.“

Der Prüfungsbericht zeigt, dass EY erkannt hatte, dass es bei den Geschäften der Wirecard-Bank im Zusammenhang mit der Wirecard AG große Unstimmigkeiten gab. Warum EY nicht selbst weitere Aktivitäten eingeleitet hat, ist unklar. Es könnte damit zusammenhängen, dass die Wirtschaftsprüfer Wirecard nicht nur geprüft, sondern auch beraten haben – wie aus einem Ergebnisprotokoll eines Meetings von Marsalek mit dem Unternehmen PayEasy vom 5. März 2020 hervorgeht.

Im Hinblick auf die Rolle von EY wird am Montag der Sonderermittler Martin Wambach von der Kanzlei Rödl und Partner in Berlin mit einem Vier-Mann-Team eintreffen.

Fabio De Masi von der Linken sieht ein Muster. Er sagte dieser Zeitung: „Es gab viele rote Lampen! Das Kreditgeschäft der Wirecard Bank wurde von Braun und Marsalek gesteuert, obwohl diese keine offizielle Funktion in der Bank hatten. Es gab Ermittlungen wegen den Paradise Papers und Zahlungsabwicklung für illegales Online-Glücksspiel. Politisch exponierte Personen wie Harry Peter Carstensen, der ehemalige CDU Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und Wirecard-Lobbyist, führten Konten bei der Bank. Die Bundesbank hatte zudem ein Exit-Gespräch mit Herrn Wexeler und die BaFin danach gewarnt, weil der Ex-Vorstand der Wirecard Bank der Bundesbank über das Geschäftsgebaren berichtete. Es wurden konkrete Aufsichtsmaßnahmen mit der Bafin diskutiert. Keine davon wurde damals umgesetzt. Die Bafin hat auch Sonderprüfungen der Bank durchgeführt. Die Aufsicht hat weggeschaut - da gibt es nichts zu beschönigen.“

Der Vorsitzende des Ausschusses, Kay Gottschalk, sagte dieser Zeitung: „Die Prüfungsabläufe bei EY lassen den Schluss zu, dass man zumindest auf der richtigen Spur war. Ebenso die Anmerkungen von EY zur Prüfung der Wirecard Bank, wo von einer unüblichen Kreditvergabe die Rede ist. Dennoch bleibt insgesamt die Frage: Was hinderte EY daran, genauer hinzuschauen und den Spuren nachzugehen? Die Indizien waren aus meiner Sicht erdrückend. Gerade die Anmerkungen der Prüfberichte (Key Audit Matters, KAM) der Jahre 2016 und 2017 lassen hier viele Spekulationen zu.“

Bei diesen Anmerkungen, die Wambach untersuchen soll, handelt es sich um die Prüfungsschwerpunkte, die EY vorgenommen hatte. Sie betreffen ausgerechnet jene Bereiche, in denen Wirecard ein Höchstmaß an krimineller Energie entfaltet hatte. So wurde die dubiosen Asien- und Drittpartnergeschäfte durchleuchtet. Auch die seltsamen Prepaid-Geschäfte in den USA, die von der Shortsellerin Fahmi Quadir aufgedeckt worden waren, wurden von EY speziell durchleuchtet.

Der FDP-Abgeordnete Florian Toncar sagte: „Der Bundesfinanzminister zuckt immer mit den Schultern und erklärt, die Aufsicht habe eben nur die Wirecard Bank und nicht den Gesamtkonzern durchleuchten können. Das stimmt einerseits gar nicht, vor allem aber ist es ein kolossales Ablenkungsmanöver, denn die Aufsicht wollte ja nicht einmal bei der Bank genau nachsehen. Viel eher sah sich die Bundesregierung als Verteidiger dieses vermeintlichen Vorzeigeunternehmens.“

Warum die Bafin nicht auf die unmissverständlichen Schlussfolgerungen reagiert hat, ist unklar. Vor allem hätte man spätestens nach Kenntnis des EY-Prüfberichts Scholz und Merkel darauf hinweisen müssen, dass es keine besonders gute Idee sei, Wirecard in China zu forcieren.

Man habe bei der Bafin den Bericht vielleicht gar nicht gelesen, munkelt man in Wirtschaftsprüferkreisen.

Die Aktivitäten des Wirecard Bank-Mannes Rainer Wexeler erscheinen nach der Lektüre des EY-Berichts in einem anderen Licht. Der Banker hatte sich vor dem Ausschuss noch damit gebrüstet, er habe Deloitte angeheuert, weil er „mit dem EY-Bericht nicht einverstanden“ gewesen sei. Doch dürfte sein Interesse nicht die Aufklärung gewesen sein, sondern die Suche nach einer zweiten Meinung – die es den Wirecard-Managern ermöglichen sollte, ihr Spiel noch einige Zeit fortzusetzen.